Predigten

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Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
in der Dankmesse zur Seligsprechung
und Weihe eines Denkmals von Papst Johannes Paul II.
 
(Bonner Münster, 1. Mai 2011)

 
Ich aber will allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen“ (Gal 6, 14)
 
Sehr geehrter, lieber Herr Stadtdechant,
liebe Brüder im Priester- und Diakonenamt,
liebe Brüder und Schwestern!
 
Am Tag der Seligsprechung von Papst Johannes Paul II. durch seinen Nachfolger Papst Benedikt XVI. in Rom wird hier, in der Krypta des Bonner Münsters, ein Denkmal zum Gedenken an ihn und zu seiner Ehre eingeweiht. Ein Denkmal hält eben die Erinnerung wach; es lohnt sich, dass wir uns die Seligen und Heiligen zu Vorbildern unseres Glaubens nehmen; denn dann gehören wir „zu denen, die glauben und das Leben gewinnen“ (Hebr 10, 39). Wir erweisen ihnen auch Ehre, weil sie Zeugen dafür sind, dass sie nicht umsonst Gläubige waren; denn „Glaube ist Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebr 11, 1), wie es im Hebräerbrief heißt.
 
Bei der Gestalt des seligen Papstes Johannes Paul stellen wie fest, dass er im Glauben treu und beharrlich war. Für uns - wie für ihn – ist die Quelle dieses Glaubenslebens das Kreuz Christi, ohne das wir nicht in der Nachfolge Christi stehen (vgl. Mt 16, 24). Das Kreuz ist das Werkzeug unserer Erlösung und war für Christus der Weg zur Auferstehung; das Leben für die Rettung der Welt fließt vom Kreuz, wie Jesus selber sagte: „Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle an mich ziehen, Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde“ (Joh 12, 32f.).
 
Für uns Christen ist das Kreuz Zeuge der Erlösung in Christus und durch Christus, zugleich Erinnerung an seine Hingabe als Opfer für die Rettung der Welt und Verkündigung seiner – und unserer – Auferstehung. Deshalb ist es für uns eine Hilfe, dass das Kreuz in unserer Gesellschaft sichtbar ist: auf den Türmen unserer Kirchen – und nicht nur dort -, als Halsschmuck bei Frauen – und heute auch bei so vielen jungen Menschen, die seine Bedeutung allerdings nicht selten kaum kennen. In einer Gesellschaft, die ihre Wurzeln wesentlich im Christentum hat, ist es unser Recht, dass das Kreuz in öffentlichen Gebäuden – in Schulen, Gerichten, Spitälern - erhalten bleibt.
 
1. Aber nun zurück zum seligen Johannes Paul: Ich möchte ihn in seiner Beziehung zum Kreuz Christi vorstellen. Dazu genügen zwei Bilder und ein Text. Die Bilder zeigen Johannes Paul II. am Anfang und am Ende seines Pontifikats.
 
Das erste Bild habe ich noch immer vor Augen; denn durch Gottes Gnade war ich bei seiner Einführung in das Petrusamt auf dem Vorplatz des Petersplatzes anwesend. Als Papst Johannes Paul II. am Ende der Feier den Petersplatz hinunterging, hielt er seinen Hirtenstab – das Kreuz – hoch über die Menge. Das entsprach bildhaft dem Kern seiner ersten Predigt zur Welt: „Habt keine Angst! Öffnet die Tore für Christus, ja, reißt sie weit auf“ (22. Oktober 1978)!
 
Das zweite Bild ist sicher vielen von Ihnen noch im Gedächtnis: wie der durch seine lange, unheilbare Krankheit gebrochene Papst – in seiner Kapelle sitzend - mit uns allen dem Kreuzweg im Kolosseum auf dem Bildschirm folgte und dabei ein großes Kreuz in seinen Händen hielt. Welcher Ansporn ging für uns alle davon aus, wie er seine innere beharrliche Hingabe an Christus bezeugte! Das Wort Jesu: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mk 8, 34), wurde so für uns, seine Jünger, zu einer lebendigen Predigt. Dieser Anblick lässt ahnen, weswegen die Bischöfe über der Soutane ein Kreuz tragen – warum das Kreuz jeder liturgischen Prozession vorangeht – warum wir beim Betreten der Kirche uns mit Weihwasser bekreuzigen – und uns vor der Verkündigung des Evangeliums Stirn, Mund und Herz mit dem Kreuz bezeichnen. „Bis ans Ende“ (vgl. Mt 10, 22; 24, 13) verlangt Jesus Standhaftigkeit von seinen Jüngern. Das hat Papst Johannes Paul II. vorgelebt. Wir wollen dem entsprechen.
           
 
Diese beiden sehr persönlichen Bilder, die Zeugnischarakter haben für die Bedeutung des Kreuzes im Leben des seligen Johannes Paul II., sind zugleich Ausdruck eines tiefen Glaubens an das Kreuz als Mittel der Erlösung.
 
2. Mir scheint, das beste Zeugnis für diesen Glauben an die Kraft des Kreuzes findet sich in der Predigt Johannes Pauls II. vom 9. Juni 1979 im Kloster Mogila vor dem gigantischen Kreuz von Nowa Huta. Es war der erste Besuch, den er als Papst aus Polen seinem Heimatland abstattete. Er war wieder in Krakau, wo er Priester, Weihbischof und dann fast 14 Jahre Erzbischof gewesen war. Er hatte selber das ganze Verfahren für die Errichtung dieses riesigen Kreuzes und dann für eine neue Kirche in seiner Nähe erlebt. Er kannte auch die Geschichte der in der Nähe gebauten Zisterzienser-Abtei vom Heiligen Kreuz, die 1222 zu Ehren einer Reliquie vom Kreuz Christi errichtet worden war.
 
3. Fasst man die Predigt zusammen, hat der Papst das gesagt, was die Kirchenväter mit den drei Bestimmungen beschrieben: „Das Kreuz ist der Baum des Lebens“, „das Segel des Himmels“ und „das Zeichen der Rettung“. Wir alle kennen die Erscheinung des Kreuzes, die Kaiser Konstantin vor der Schlacht an der Milvischen Brücke am 28. Oktober 312 zuteil wurde und die ihm die Zusage gab: „In diesem Zeichen wirst du siegen“.
 
Die Deutung „Baum des Lebens“ steht im Hintergrund, wenn Papst Johannes Paul II. sagt: „Durch das Kreuz gewann der Mensch eine neue Sicht seines eigenen Schicksals, seiner Existenz hier auf Erden. … Er hat erkannt und erkennt immer besser -, wie sehr Gott ihn liebt, und erkennt immer besser- im Licht des Glaubens , wie groß sein Wert ist. … ‚Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat‘ (Joh 3, 16)“ (Nr. 1, 4).
 
Das Bild „Segel des Himmels“ erklärt, warum der atheistische Kommunismus kein Kreuz und keine Kirche in Nowa Huta duldete: Weil sie als Protest gegen das Regime empfunden wurden. Wurden die Christen nicht deswegen verfolgt und verspottet, weil sie zum Himmel aufschauten, während der Kommunismus den Himmel auf Erden versprach? Dazu sagte Papst Johannes Paul II.: „Auch wenn sich die Zeiten geändert haben, auch wenn anstelle der früheren Felder vor Krakau ein gewaltiges Kombinat entstand, auch wenn wir in einer Epoche umwälzender Entwicklung des Wissens über die materielle Welt und eindrucksvoller technischer Entwicklungen leben: diese grundlegende Wahrheit von der Lebendigkeit des menschlichen Geistes, die im Kreuz zum Ausdruck kommt, entschwindet nicht in die Vergangenheit, verliert nicht von ihrer Aktualität, ist nicht von gestern. Die Geschichte von Nowa Huta ist auch durch das Kreuz aufgezeichnet“ (Nr. 1, 5). Sie werden verstehen, warum Papst Johannes Paul II. sich so dafür eingesetzt hat, dass die Gründungsverträge der Europäischen Union die christlichen Wurzeln Europas erwähnen.
 
Zeichen der Rettung“ ist das Kreuz Christi, wie der Apostel Paulus am Schluss seines Christushymnus im Kolosserbrief schreibt: „Er ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang. Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut“ (Kol 1, 18-20). Diese Erlösung durch, mit und in Christus - vom Kreuz zur Auferstehung – wird in jeder Eucharistiefeier am Ende des Hochgebetes feierlich verkündigt. Papst Johannes Paul II. machte das in der erwähnten Predigt mehr als deutlich, wenn er sagte: „Dort, wo das Kreuz erscheint, ist ein Zeichen gesetzt: Die Mission des Evangeliums beginnt“ (Nr. 1, 6). Und weiter sagt er mit Bezug auf das neue Kreuz von Nowa Huta: „Man kann das Kreuz nicht von der menschlichen Arbeit trennen. Man kann Christus nicht von der menschlichen Arbeit trennen. Eben das hat sich hier in Nowa Huta bestätigt. Und das war der Anfang der Neuevangelisierung zu Beginn des neuen Millenniums des Christentums in Polen. Diesen Neubeginn haben wir miteinander durchlebt, und ich habe das von Krakau nach Rom genommen – als Reliquie“ (Nr. 2, 5).
 
Mit der Weihe dieses Denkmals zur Erinnerung an den seligen Papst Johannes Paul II. und zu seiner Ehre wünsche ich uns allen, dass wir Tag für Tag das Kreuz Christi wie eine lebendige Reliquie mitnehmen, dass wir nach seinem Vorbild die christlichen Werte in unserer Gesellschaft bezeugen, fördern und verteidigen, dass wir uns in nichts anderem rühmen als im Kreuz unseres Herrn Jesus Christus (vgl. Gal 6, 14).

Der Selige Johannes Pau II. war ein "überzeugter und überzeugender Christ", der auch uns bei seinem Besuch am 15. November 1980 dazu ermahnte. Möge dieses Denkmal des neuen Seligen uns zur gleichen Treue zum Kreuz Christi ermutigen!
 
Amen!