Predigten
Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt beim Frühjahrshauptfest der Marianischen Männerkongregation Altötting
Basilika St. Anna zu Altötting, 3. April 2011
„Gott ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“ (Ps 23. 1)
Liebe Sodalen der Marianischen Männerkongregation Altötting,
liebe Brüder im Priester- und Diakonenamt,
liebe Brüder und Schwestern im Glauben!
Ja, Gott ist mein Hirte, und in der Menschwerdung des Gottessohnes ist er – in unserer menschlichen Gestalt – zu uns gekommen, um uns als Guter Hirt in sein Reich zu führen, an seinen Tisch zu laden und dort Platz nehmen zu lassen.
Mit Ihnen möchte ich den heutigen Antwortpsalm betrachten, um Ihnen von seinen Versen her einen Ansporn für Ihren Weg als Christen zu geben. Die Psalmen gehören ja ihrem Ursprung nach zum Alten Testament; aber in Christus finden sie ihre Erfüllung. Der Psalm 23 ist eben ganz und gar prophetisch: Man kann jeden Vers auf Christus anwenden, so dass von ihm jeweils ein Licht auf unseren Weg als Christen fällt.
Viele von Ihnen wundern sich vielleicht, dass ich Maria, die Mutter des Guten Hirten, noch nicht erwähnt habe - und das hier in ihrer Wallfahrtskirche beim Frühjahrshauptfest der Marianischen Männerkongregation Altötting. Nicht ohne Absicht! Denn Maria will im Schatten ihres Sohnes bleiben; denn Gott hat an ihr „Großes getan“, der „auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut“ (Lk 1, 48f.) hat. Sie weist den Weg zu Christus, weil sie die Mutter Christi ist; sie ist unser Trost, weil sie die Mutter des Erlösers ist; sie ist unsere Hilfe, weil sie die Mutter der Kirche ist.
Unter ihren Schutz – oder besser gesagt: mit ihrem Rat: wie die Diener bei der Hochzeit zu Kana – folgen wir ihr ganz und gar mit Treue und Beharrlichkeit ihrer Anweisung: „Was er euch sagt, das tut“ (Joh 2, 5).
1. Unter der Führung Gottes, mit Christus als Gutem Hirten, leiden wir keine Not. Für viele Menschen in unserer heutigen Gesellschaft klingt das wie ein Märchen, man könnte auch sagen: rein virtuell. In den Ländern, die unter der Herrschaft des Kommunismus standen, mussten sich die Christen oft verspotten lassen, dass ihnen ihr Glaube an das Himmelreich ihren Blick für die irdischen Nöte und Probleme verstelle. Der heutige Konsumismus ist dem Kommunismus gleich oder vielleicht noch gefährlicher, weil er wie eine Krebserkrankung, ohne nach außen hin sichtbar zu werden, den Glauben und die christlichen Werte aus dem Leben verdrängt. Das führt nicht zur Säkularisation wie in den Anfangsjahren des 19. Jahrhunderts, sondern zum Säkularismus in unserer Gesellschaft. Mit Recht sagte Papst Johannes Paul II. in Bezug auf die „Nichterwähnung der christlichen Wurzeln Europas“ im Entwurf einer Verfassung für die Europäische Union: „Man schneidet nicht die Wurzeln ab, aus denen man gewachsen ist“ (nach dem Angelus am 20. Juni 2004). Gott sei Dank, dass Sie in Bayern noch wissen, was das bedeutet. Ihre Teilnahme an dieser Feier und Ihre Treue zur Marianischen Männerkongregation Altötting bezeugen Ihre Treue zu Ihren christlichen Wurzeln. In einem Vortrag am 28. November 2000 hat sich unser heutiger Papst – damals noch Kardinal Joseph Ratzinger – in der Bayerischen Landesvertretung in Berlin ausdrücklich und ausführlich zu diesem Thema geäußert. Sein Vortrag hatte den Titel: „Europa – seine geistigen Grundlagen. Gestern – heute – morgen“. Er sagte: „Multikulturalität ist manchmal vor allem Absage an das Eigene, Flucht vor dem Eigenen. Aber Multikulturalität kann ohne gemeinsame Konstanten, ohne Richtpunkte des Eigenen nicht bestehen. Sie kann ganz sicher nicht ohne Ehrfurcht vor dem Heiligen bestehen“. Wir, die wir hier versammelt sind, wollen beherzigen, was im Flyer der Marianischen Männerkongregation Altötting steht: „Wir stellen uns dem Anspruch Gottes im täglichen Leben.“
2. „Er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen“ (Ps 23, 3), heißt es im Psalm weiter. Ja, im täglichen Leben, Tag für Tag und über die Generationen hinweg. Es scheint mir grundlegend zu sein, dass der Glaube von Generation zu Generation weiterlebt. Sie sind Familienväter und Großväter, junge und jüngere Männer, die eine Familie gründen werden. Ihre erste Aufgabe besteht darin, den Glauben so zu bezeugen, dass Ihre Kinder und Enkel einen Ansporn empfangen, ihn zu leben und selbst weiterzugeben. Die Einflüsse, denen die jüngeren Generationen in der Gesellschaft ausgesetzt sind und die sie von ihr aufnehmen, sind oft viel stärker als die, die aus der Familie kommen. Und doch, trotz äußerer Vorbehalte, die Ihren Ratschlägen, Ihrem Beispiel und Ihrer Sorge um das Wohl Ihrer Kinder und Enkel entgegenstehen, wird das, was gesät worden ist - zumal in der frühen Kindheit -, zu seiner Zeit gute Früchte bringen. In dieser Ihrer Hoffnung will Sie ein anderes Psalmwort stärken: „Wie junge Ölbäume sind deine Kinder rings um deinen Tisch“ (Ps 128, 3). Dem entspricht auch der Spruch aus dem Buch der Sprichwörter: „Eine Krone der Alten sind Kindeskinder; der Kinder Ruhm sind ihre Väter“ (Spr 17, 6). Auf Ihre Verantwortung in dieser Beziehung weist die Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils hin, wenn es in ihr heißt: „Dort (gemeint ist das Ehe- und Familienleben, auch in der Kraft des Ehesakramentes) haben die Eheleute ihre eigene Berufung, sich gegenseitig und den Kindern den Glauben und die Liebe Christi zu bezeugen. Die christliche Familie verkündet mit lauter Stimme die gegenwärtige Wirkkraft des Gottesreiches, besonders aber auch die Hoffnung auf das selige Leben“ (Lumen Gentium 3, 5). Ist das nicht ein geglückter moderner Kommentar zu unserem Psalm 23, besonders für Sie, die Familienväter, die unter dem Schutz Mariens dem Guten Hirten folgen?
3. „Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde“, geht es im Psalm weiter. Gott ist nicht nur der Gute Hirt, sondern sozusagen der Gastgeber. Jetzt erleben wir am eucharistischen Tisch, wie Christus uns führt und sich selber uns als das Brot des Lebens schenkt. Deshalb brauchen wir keine Angst mehr zu haben vor den Feinden, vor dem Bösen. Wenn wir am Tisch des Herrn vor dem Kommunionempfang beten: „Erlöse uns von dem Bösen“, empfangen wir Hoffnung auf Vergebung und Kraft, unser Leben nach Gottes Willen zu gestalten, uns jeden Tag neu zu Gott zu bekehren.
Unser heutiges Treffen in der Wallfahrtskirche von Altötting ist wie ein Vorzeichen dessen, was und der Antwortpsalm verheißt: „Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang, und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit“ (Ps 23, 6). Deshalb sollen Sie an den alljährlichen Treffen teilnehmen, weil diese für Sie gleichsam Etappen auf dem Erlösungsweg sind. Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen ist unser Hort, wie Sie in Ihrem Flyer ausdrücklich bezeugen: „Wir tragen die Kirche mit, wir leben in und mit der Kirche, wir gehen mit der Kirche.“ Die Lebensweihe einiger Mitglieder im Anschluss an die Predigt ist für uns alle ein Ansporn, unser Leben in dieser Richtung zu gestalten.
Darin kommt Maria zu Ihnen, die Mutter Christi, unsere beste Wegweiserin zum Guten Hirten, die uns immer wieder sagt: „Was er euch sagt, das tut“ (Joh 2, 5). Die marianische Frömmigkeit ist kein Seitenweg und noch weniger ein Irrweg, sondern genau umgekehrt, wie der heilige Ludwig Maria Grignon von Montfort zu sagen pflegte: „Maria ist der sicherste und kürzeste Weg zu Christus.“ Papst Johannes Paul II. sagte unter Bezugnahme auf Ludwig Maria Grignon von Montfort, der ihn auch bei seinem Wahlspruch „Totus Tuus“ inspirierte: „Da nun aber Maria von allen Geschöpfen Christus am ähnlichsten ist, so folgt daraus, dass die Verehrung Marias, der Mutter Christi, uns am meisten ihm gleich werden lässt, mit ihm vereint und ihm weiht“ (Brief an die Ordensleute der Montfortanischen Familien vom 8. Dezember 2003).
Was betrachten wir im Rosenkranz anderes als den Sohn Marias, unseren Erlöser? Der Rosenkranz ist wie eine Straßenkarte, die es uns erleichtert, dem Guten Hirten zu folgen, und uns vor Irrwegen schützt. Heute kann man dafür ein modernes Gleichnis benutzen. Der Rosenkranz ist wie ein Navigator für unseren Weg zum Gottesreich. An uns ist es, auf die Stimme Marias zu hören und ihren Weisungen zu folgen.
Amen!






