Predigten

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail



Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt zur Diakonenweihe
des Hochwürdigen Bruders Ambrosius

(Basilika Mariä Himmelfahrt der Abtei Ettal, am 21. März 2011)

 


Wohl dem Mann, der …Freude hat an der Weisung des Herrn,
über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht
(Ps 1, 1-2)

Sehr geehrter, lieber Herr Abt,
liebe Brüder, „Söhne des heiligen Benedikt“,
lieber Bruder Ambrosius, heute zum Diakon geweiht,
Brüder und Schwestern in Christus!

„Wohl dem Mann, der … Freude hat an der Weisung des Herrn, über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht“ (Ps 1, 1-2).

Die Verse, die wir im Antwortpsalm nach der Lesung vom heutigen Fest des Heimgangs des heiligen Benedikt gehört haben, werfen ein wohltuendes Licht auf dieses Fest und noch mehr auf den monastischen Weg der Gottsuche. Ihre Antwort auf den Anruf Gottes ist vom ersten Tag an, als Sie ihn in Ihrem Herzen gehört haben, bis zu Ihrem Eintritt in den Himmel eine ständige Gottsuche.

Für Sie, Bruder Ambrosius, der Sie heute zum Diakon geweiht werden, nimmt diese Gottsuche eine von Gott her gegebene Richtung: auf den Dienst des Priesters in der leiturgia, auf die Verkündigung in der martyria und sicher in Ihrem ganzen Einsatz in der diakonia.

Der heilige Benedikt wird Sie alle heute auf diesem Weg zu Gott mitten unter den Menschen begleiten, und zwar in der einzigartigen Form des Mönchtums.

1. „Man achte genau darauf, ob der Novize Gott sucht“ (58), sagt Ihr Vater im Mönchtum in seiner und Ihrer Regel. In der Gottsuche besteht der Urgrund einer Weihe an Gott durch die Gelübde. Es ist gut für Sie, sich an die Mahnung Gottes an den Engel der Gemeinde von Ephesus zu erinnern: „Du hast ausgeharrt und um meines Namens willen Schweres ertragen und bist nicht müde geworden. Ich werfe dir aber vor, dass du deine erste Liebe verlassen hast. Bedenke, aus welcher Höhe du gefallen bist. Kehre zurück zu deinen ersten Werken“ (Offb 2, 3-5). Die Gottsuche ist also eine ständige Bekehrung zu Gott - vor allem, wenn man sich von ihm entfernt hat. Und Ihre Gemeinschaft hat das als Gemeinschaft leidvoll erlebt, so dass Sie jetzt mit neuem Mut und erneuerter Hingabe Ihr Leben nach Gottes Willen ausrichten und gestalten. Da ist tröstlich, was der Philosoph Blaise Pascal - er stützt sich dabei auf den heiligen Augustinus  - über Gott sagt: „Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht schon gefunden hättest“ (vgl. De correctione et gratia 1, 2 und Confessiones 10). Das bedeutet, dass Gott immer der Ursprung unseres Suchens ist. Er hat Sie zum Mönchtum berufen. Sie waren ja in jener Zeit noch jung, voller Begeisterung; und wie König David, der zwar den Jahren nach alt, aber geistig wegen seiner Treue zu Gott immer jung geblieben ist, können Sie immer wieder sagen: „Mit aufrichtigem Herzen habe ich dies alles gegeben“ (1 Chr 29, 17). Dieser Satz kommt regelmäßig in Ihrer Psalmodie als Einführungsvers zu Psalm 131 vor. Die lateinische Formulierung „in simplicitate cordis mei“ scheint mir Ihre Haltung am Tage Ihrer Profess gut wiederzugeben. Ja, tun Sie wieder die früheren Werke (vgl. Offb 2, 5), wie der selige Papst Johannes XXIII. als Papst in seinen geistlichen Schriften notierte: „Den Eifer des Seminaristen muss ich wiederfinden – mit Gottes Gnade.“

2. „Der Liebe zu Christus nichts vorzuziehen“ (Regel 4, 21), ist der Weg Ihrer Gottsuche. Dieser Weg wird uns von Jesus gezeigt, da er zu seinen Jüngern sagt: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16, 24). Im Leben Benedikts sehen wir, dass er sich aus Liebe zu Christus in die Einsamkeit von Subiaco zurückgezogen hat. Das erinnert an den heiligen Abt Antonius, den Vater des Mönchtums, der schon mehr als zwei Jahrhunderte vorher in Ägypten Ähnliches getan hatte. Die Nachfolge Christi bedeutet Selbstopfer: sich selbst dem Willen Gottes unterwerfen, damit wir mit dem Wort des Apostels Paulus sagen können: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2, 20). Dieses Wort des Apostels Paulus ist für uns zugleich Trost und Ansporn: Trost im Vertrauen auf das Erlösungswerk Christi – Ansporn, im Glauben an den Sohn Gottes zu leben. Auch im Hinblick auf den Glauben gilt die Mahnung ihm Christi, dass wir unsere erste Liebe verlassen haben, weil die Liebe zu Gott Frucht des Glaubens ist. Immer ist die Sorge angezeigt, dass Verweltlichung auch in Klöster Einzug hält, der jeweilige Zeitgeist, heute ein Denken, das vom Säkularismus geprägt oder infiziert ist. Daher müssen wir uns fragen – und die Mönche unter uns zumal: Ist unser Herz so Gott geweiht, dass die Welt – im johanneischen Sinn verstanden – es nicht verdirbt? Nicht umsonst warnt uns der Apostel Paulus. „Wer zu stehen meint, der gebe acht, dass er nicht falle“ (1 Kor 10, 12).

„Gott ist treu“, fährt er fort, „er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft versucht werdet“ (1 Kor 10, 13). Mit vertrauensvoller Treue zu Gott und auch mit Gespür für die feinen Regungen des menschlichen Herzens hat Benedikt seinen Mönchen Mittel und Wegzeichen für ihre Gottsuche gegeben. Das Kapitel 4 der Regel zielt darauf ab, dass sie in der Art und Weise Christi leben, um so in seiner Nachfolge zu wandeln. Eines scheinen mir diese harten Anweisungen zu erhellen: Was die Demut angeht, von der ja das Kapitel 7 der Regel ausdrücklich handelt, so ist meines Erachtens das, was in Fortführung von Kapitel 4 am Anfang des Kapitels 5 über den Gehorsam gesagt wird, noch härter: „Der erste Schritt zur Demut ist der Gehorsam ohne Zögern“, und im Weiterem wird der Grund angegeben: „Er [der Gehorsam] ist die Haltung derer, denen die Liebe  zu Christus über alles geht“ (Regel 5, 1-2).

Maria hat uns vorgelebt, was das bedeutet, als sie ihr Fiat zum Heilsplan Gottes sprach – Sie in der Klostergemeinde werden jeden Tag daran erinnert, wenn Sie in der Vesper das Magnificat singen. Maria in ihrem Lobgesang und Benedikt in seiner Regel lassen uns das Geheimnis ihrer Freude am Leben erkennen, denn Gott hat auf die Niedrigkeit seiner Magd und seines Dieners geschaut und an ihnen Großes getan (vgl. Lk 1, 48-49).

3. „Wir wollen also eine Schule für den Dienst des Herrn einrichten“ (Regel, Prolog), schreibt Benedikt im Prolog der Regel. „Für den Dienst des Herrn“: ja, aber in dieser Welt, „damit wir auch mit ihm sein Reich erben“ (ebd.). Das Leben des heiligen Benedikt und die Geschichte seines Ordens, seiner Klöster und Priorate bezeugen, was in dieser Schule gelehrt wird und wie sie Kirche und Gesellschaft dienen.

Wenn Sie die Regel lesen und betrachten und jeden Tag ein Stück aus ihr als Tischlesung hören, könnten Sie vielleicht denken, sie sei nur auf Ihre Gemeinschaft bezogen. Dem Wortlaut nach ist das sicher möglich, aber ihre Umsetzung in das Leben geht über sie hinaus; denn Ihre Heiligung, Ihre Gottsuche soll dem Willen Gottes entsprechen, und der bezieht, wie der Apostel Johannes in seinem Ersten Brief warnend sagt, den Bruder mit ein: „Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben“ (1 Joh 4, 21). Ich brauche Ihnen hier nichts über die Verdienste Ihres Ordens um die Geschichte von Kirche und Welt darzulegen. Das „Gottsuchen“ Benedikts und seiner Söhne hat diese zu den Menschen geführt. Der Grund für den Erfolg besteht in dem Grundsatz: „Der Liebe zu Christus nichts vorziehen“ (Regel 8) in Demut und Gehorsam. Wie ein geistiger Spiegel, in dem wir uns selber anschauen, so ist das Vaterunser ein ständiger Ansporn, gerade das zu tun, unablässig uns zu Christus zu bekehren, damit das Reich Gottes komme. Sein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

Ihnen besonders, Bruder Ambrosius, wird das im Ritus der Diakonenweihe in der Überreichung des Evangeliums klar gesagt: „Was du liest, das ergreife im Glauben; was du glaubst, das verkünde; Und was du verkündest, erfülle im Leben.“ Daraus folgt, dass sich der Glaube in der Liebe entfaltet.

Kein neues Wissen soll das heutige Fest des Vaters Benedikt schenken, sondern eine erneuerte Bereitwilligkeit und einen kraftvolleren Einsatz in der Gottessuche. So werden wir von Gott her diese Gnade erlangen, wenn wir Gott in der Präfation bitten: „Von ihm – d. h. vom heiligen Benedikt – sollen die Mönche lernen, durch Gebet und Übung der Tugenden dich und dein Reich zu suchen.“

So ist unsere Feier zugleich Dank und Bitte, Anerkennung des Handelns Gottes im heiligen Benedikt und in uns - und Ansporn für unsere Gottessuche. Und Ihnen, lieber Bruder Ambrosius, ein besonderes Omen dieser Suche in der Diakonenweihe.

Amen!