Predigten

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Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt anlässlich der Feier des Weltmissionssonntags

(Abteikirche von St. Ottilien, 10. Oktober 2010)

 



Liebe Brüder im Priester- und Diakonenamt, liebe Söhne des heiligen Benedikt,
liebe Brüder und Schwestern!

„Dein Knecht wird keinem anderen Gott mehr Brand- und Schlachtopfer darbringen als Jahwe allein“ (2 Kön 5, 17). Dieser Schlusssatz der Ersten Lesung aus dem Zweiten Buch der Könige kann uns Leitgedanke am heutigen Weltmissionssonntag werden, wenn wir über unsere Verantwortung für die Ausbreitung des Glaubens nachdenken – Sie als Missionsbenediktiner und wir alle als gefirmte Christen.

Nachdem Naaman der Syrer auf Befehl des Propheten Elischa siebenmal im Jordan untergetaucht ist und so seine Gesundheit zurückerlangt hat, erkennt er den Gott Elischas als einzigen wohltätigen Gott an und will keinen anderen mehr verehren. Da aber in jener Zeit Götter als Nationalgötter angesehen werden – territorial einem bestimmten Volk zugeordnet –, will Naaman Erde aus diesem Land mitnehmen – als Zeichen seiner Verbundenheit, seiner Dankbarkeit gegenüber dem Gott Israels, dem einzigen wahren Gott.

Durch die Verkündigung der Frohbotschaft Jesu wissen wir heute im Glauben, dass Gott „weder auf diesem Berg (dem Berg Garizim in Samarien) noch in Jerusalem“ exklusiv angebetet wird; denn durch die Erlösung in Christus beten „die wahren Beter“ den Vater „im Geist und in der Wahrheit“ an (vgl. Joh 4, 21-24). Das sagt Jesus der Frau aus Samaria am Jakobsbrunnen.
   
Das macht unseren Missionsauftrag zugleich leichter und anspruchsvoller: leichter, weil die Verehrung Gottes auf der ganzen Welt verbreitet ist – anspruchsvoller, weil wir nicht an unsere eigenen Gebräuche und Sitten gebunden sind. Das hat P. Andreas Amrhein als Element des benediktinischen Charismas bewertet und den Missionsauftrag als Bestandteil des Mönchtums gesehen. Denken wir in diesem Zusammenhang an die Missionierung Germaniens durch die iroschottischen Mönche ab dem sechsten Jahrhundert wie durch Kolumban und Gallus sowie durch Bonifatius, den Ersten Apostel Deutschlands, der im Auftrag des Papstes der Kirche Deutschlands eine Struktur gegeben hat, die auch heute noch wirksam ist. Diese und so viele andere Missionare sind für uns Vorbilder bei der heute anstehenden Neuevangelisierung.   

So wollen wir heute über unsere eigene Verantwortung für die Mission nachdenken, die uns am Schluss jeder Messfeier in Erinnerung gerufen wird, wenn der Diakon - oder der Zelebrant - uns sagt: „Ite, missa est“ : Geht, als Glieder der Kirche seid ihr in die Welt gesandt, die Frohbotschaft der Erlösung in Christus zu verkündigen und zu verwirklichen. Dazu sind wir von Gott selber durch Wort und Sakrament ausgerüstet. Wie Naaman von seinem Aussatz, so sind wir von unseren Sünden und Unzulänglichkeiten befreit und zu lebendigem Glauben befähigt.

1. Es geht erstens darum, dass wir Gott als denjenigen anerkennen, der uns erlöst. Dieser Glaube ist fundamental für unseren Missionsauftrag. Deshalb ist das Gebet, die Anbetung Gottes im Hinblick auf die Mission keine verlorene Zeit, genau umgekehrt eine grundlegende Unterstützung. Im Glauben wissen wir, dass wir in und mit Gott den tätigen Einsatz der Kirche in den Missionsländern unterstützen. Therese von Lisieux - auch bekannt als die Kleine heilige Theresia oder Theresia vom Kinde Jesu - ist deshalb Schutzpatronin der Weltmission, weil sie sich vom Krankenlager aus durch ihre Hingabe und ihr Gebet in den Dienst der Mission gestellt hat und so zum Vorbild für viele geworden ist.

Gebet und Anbetung und die Betrachtung des Wortes Gottes lassen uns in das Geheimnis Gottes eintauchen, so dass wir mit neuem Mut und gestärkter Kraft immer wieder bereit sind, andere durch Verkündigung und Lebenszeugnis am Schatz des Glaubens in Christus teilhaben zu lassen.

Wie die Apostel nach Pfingsten, so sollen wir, obwohl wir unter dem Druck des Säkularismus unserer heutigen Gesellschaft stehen, einfach sagen: „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4, 20). In dieselbe Richtung zielt es, wenn uns der Apostel Petrus auffordert: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3, 15).

2. „Ora et labora“, so lautet Ihr Wahlspruch als Benediktiner. Nach der Himmelfahrt Christi haben die Engel die Apostel etwas brüsk behandelt: „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor“ (Apg 1, 11)? Jesus hat ihnen gerade eine Aufgabe, eine Verantwortung gegeben: „ Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ (Mt 28, 19).

Das ist auch Ihr Auftrag als Missionsbenediktiner. Und Sie nehmen diesen Auftrag weltweit wahr – mit 19 selbständigen Klöstern und insgesamt 50 Niederlassungen, in denen 1100 Mönche die Frohbotschaft Christi verkünden und in die Tat umsetzen. Dank sei Gott für solche Gnade und Blüte, die Ihrer Kongregation eine wirklich katholisch-universale Prägung verleiht: katholisch sowohl in Ihrem Gebetsengagement für die Erfüllung des Missionsauftrags wie auch in der weltumspannenden Ausdehnung Ihrer Tätigkeit.

3. Eines bleibt uns im Zusammenhang mit dem uns allgegenwärtigen Anruf: „Ite, missa est“ noch zu bedenken. Gewöhnlich werden uns zwei Deutungen des Anrufs gegeben. Die erste legt die Betonung auf das „est“. In dieser Deutung meint der Satz, dass die Messfeier zum Ende gekommen ist, in der zweiten - die mir und sicher auch Ihnen sympathischer ist - ist er zu übersetzen: Gehet hin, Ihr seid gesendet; ihr wurdet von der göttlichen Liebe erleuchtet und gestärkt mit dem Brot des Lebens. Wie die Engel zu den Aposteln gesprochen haben, so gibt heute der Diakon oder der Zelebrant Christus seine Stimme: „Geht zu allen Völkern und macht alle Völker zu meinen Jüngern“ (Mt 28, 19).

Sind wir aber dazu bereit, jeden Tag Salz der Erde und Licht der Welt zu sein (vgl. Mt 5, 13-16)? Das heißt ja, wir müssen uns in diese Welt einschalten, um ihr das Gesicht Gottes zu geben, wir müssen uns wie die Kerzen auf dem Altar und vor den Bildern der Heiligen ganz hingeben und verzehren lassen, damit das Licht des Glaubens andere erhellt. „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten“, sagt Jesus in der Bergpredigt, „damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5, 16).

In diesem Wort Jesu, liebe Missionsbenediktiner und Sie alle, Brüder und Schwestern, findet sich der Schlüssel für unsere missionarische Verantwortung. Es geht um Gott, um Christus, von dem der heilige Benedikt in der Regel schreibt: „Christus sollen sie überhaupt nichts vorziehen“ (Regel 72, 11). Wir wissen, wie Papst Benedikt XVI. seit dem Anfang seines Pontifikats diese Mahnung nicht nur als einen Grundsatz seines Amtes proklamiert, sondern auch verwirklicht. Er hat seine Botschaft zum diesjährigen Weltmissionssonntag unter das Thema gestellt: „Der Aufbau der kirchlichen Gemeinschaft ist der Schlüssel der Mission“, und schreibt dann in diesem Zusammenhang: „Kirchliche Gemeinschaft entsteht aus der Begegnung mit dem Sohn Gottes, Jesus Christus, der durch die Verkündigung der Kirche die Menschen erreicht und dadurch Gemeinschaft mit ihm selbst und folglich mit dem Vater und dem Heiligen Geist schafft“ (vgl. 1 Joh 1, 3).

Als Frucht aus der Begegnung mit dem lebendigen Christus, die uns in dieser Messfeier geschenkt wird, wollen wir, liebe Brüder und Schwestern, einen erneuten Ansporn für unsere missionarische Verantwortung erbitten, der wesentlich wirksamer ist als die „Erde (aus dem Land Israel), die zwei Maultiere tragen können“ (2 Kön 5, 17), die Naaman als Zeugnis seines Glaubens mitnehmen wollte. Wir nehmen den in uns lebenden Christus mit.

Amen!