Predigten
Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt des Diözesanwallfahrtstages
der Aussiedler und Vertriebenen der Diözese Würzburg
(Wallfahrtskirche „Maria im Grünen Tal“ zu Retzbach,
25. September 2010)
„Kämpfe den guten Kampf des Glaubens" (1 Tim 6, 12)
Liebe Brüder im Priester- und Diakonenamt,
liebe Brüder und Schwestern!
Ja, auch wir sind heute - wie wir in der Zweiten Lesung aus dem Ersten Timotheusbrief gehört haben - aufgerufen, „den guten Kampf des Glaubens" zu kämpfen, um der Welt die Frohbotschaft von der Erlösung in Christus zu bringen. Wenn wir heute Gott danken, dass die Wiedervereinigung Deutschlands vor zwanzig Jahren zusammen mit dem Fall des Eisernen Vorhangs die Einigung Europas beschleunigt hat, dann stellen wir fest, dass die Hoffnung derer, die einst als Vertriebene oder Aussiedler ihre Heimat verloren haben, und die ihrer Kinder nicht sinnlos war. Wer auf Gott vertraut, baut auf festen Grund, und das irdische Schicksal, auch wenn es ihm zusetzt und traurig machen will, wird in etwas Neues und Gutes verwandelt. In der eingangs schon erwähnten Dichtung „Der Ackermann und der Tod" werden wir zur Betrachtung unseres irdischen Schicksals geführt: Letztendlich hat Gott den Schlüssel zum Leben und zum Tod. Letztendlich können wir nur im Glauben, nur im Vertrauen auf Gott etwas vollbringen, das jenseits des Todes und der irdischen Ereignisse, die tödliche Züge tragen, Vollendung in der Ewigkeit verheißt. Wenn der Apostel Paulus Timotheus ermahnt, „den guten Kampf des Glaubens zu kämpfen", fährt er unmittelbar anschließend fort: „Ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen bist und für das du vor vielen Zeugen das gute Bekenntnis abgelegt hast" (1 Tim 6, 12).
Deshalb wollen wir über unseren christlichen Glauben nachdenken, um das, was in der Geschichte geschehen ist, gleichsam im Licht Gottes zu sehen. Das wird uns darin bestärken, unsere heutige Gesellschaft mit den ewigen Werten zu bereichern. In der schon zitierten Dichtung heißt es: „Jeder Mensch ist pflichtig, dem Tod das Leben, den Leib der Erde, die Seele uns zu geben" (Kap. 33). Wenn wir fest davon überzeugt sind, dass Leben und Tod Gott gehören, dann kämpfen wir mit verstärkter Kraft gegen jede Ungerechtigkeit und gegen alles Böse. Halten wir auch die letzte Bitte des Vaterunser in Erinnerung: „Erlöse uns von dem Bösen", um heute wie gestern im Sieg gegen das Böse der Hoffnung mehr Raum zu schaffen. Das ist die immer neu zu verkündigende Frohbotschaft: unsere Teilnahme an der Neuevangelisierung der Welt, zu der Papst Johannes Paul II. bei der Feier des Großen Jubiläums des Jahres 2000 aufgerufen hat, und zu der Papst Benedikt XVI. immer neu ermutigt.
1. Der Hebräerbrief sagt: „Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht" (Hebr 11, 1). Der Verfasser beschreibt dann, wie die Ahnen der Menschheit Abel, Henoch und Noach und dann besonders die Stammväter des alttestamentlichen Gottesvolkes Abraham und Mose mit dem erwählten Gottesvolk den Sieg über die widrigen Ereignisse errungen haben.
Im Evangelium hören wir, wie dem armen Lazarus, der als Bettler vor der Tür des Reichen lag, das schon als Nahrung gereicht hätte, „was vom Tisch des Reichen herunterfiel" (Lk 16, 21), doch niemand gab ihm davon. Der Reiche in seiner Verblendung und Oberflächlichkeit hatte dafür kein Auge. Lazarus war sich seiner Abhängigkeit vom Reichen bewusst und schämte sich nicht, dies anzuerkennen. Der Reiche aber hatte keine Beziehung zu ihm und blieb in seiner Selbstbezogenheit verschlossen.
Das Ergebnis einer solchen Haltung wird uns durch Jesus im Gleichnis erklärt: Der eine - der arme Lazarus - lebte im Vertrauen auf Gott; der andere - der Reiche - erkannte zu spät - nach seinem Tod -, dass er sich um andere hätte kümmern müssen, um Lazarus und dann um seine Brüder. Aber was antwortete ihm Abraham: „Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören" (Lk 16, 29).
Liebe Pilger, wir haben jemanden, der unvergleichlich mehr ist als Mose und die Propheten: wir haben Jesus Christus, den eingeborenen Sohn Gottes, im Schoß der Jungfrau Maria Mensch geworden - zu unserer Erlösung, wie wir bald im Glaubensbekenntnis bezeugen werden. Ist nicht Ihre eigene Geschichte ein Beweis dafür, dass dank Ihrer Treue zu Christus und dank Ihrer Beharrlichkeit im Vollzug christlicher Werte Ihr Leben durch den Verlust der Heimat nicht zugrunde gegangen ist, sondern neu Zukunft gewonnen und Sie zu einem erneuerten Engagement in der Gesellschaft geführt hat? Dann kamen der Fall des Eisernen Vorhangs, die Wiedervereinigung Deutschlands und die Aufnahme von Ländern in die Europäische Gemeinschaft, in denen manche Ihrer Familien früher gelebt haben. Das kann es leichter machen, das erlittene Schicksal vorwärtsgerichtet als Ansporn zur Versöhnung anzunehmen.
2. Es geht ja um uns, die wir am Anfang des dritten Jahrtausends leben und aufgerufen sind, in der Kirche an dem, was man „Neuevangelisierung" nennt, mitzuwirken, d. h. die Freude am Glauben in unserem Land neu zu wecken. Im Glauben ausharren: Das bedeutet, zu wissen oder - besser - davon überzeugt zu sein, dass wir und alles, was wir haben, von Gott her kommt und zu Gott führt, dass wir Verwalter dieser Welt sind, damit wir - wie der erste Knecht im Gleichnis von den Talenten - vom Herrn einst hören können: „Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn" (Mt 25, 21)!
Uns geht es eben darum, die heutige Lage der Gesellschaft und besonders der Kirche zu betrachten, um die Liebe Gottes in sie hineinzutragen. Wenn die Kirche unsere Heimat ist, dann können wir die Botschaft Christi überall in unserem Leben verkünden. Im Brief an Diognet, einer Schrift aus der Frühzeit der Kirche, finden wir den Vergleich: „Was im Leibe die Seele ist, das sind in der Welt die Christen. ... Die Seele wohnt zwar im Leibe, stammt aber nicht aus dem Leibe; so wohnen die Christen in der Welt, sind aber nicht von der Welt" {Brief an Diognet Nr. 6). Und wie geschieht das? Die Antwort wird im vorausgehenden Kapitel gegeben, wo es heißt: „Sie beteiligen sich an allem wie Bürger und lassen sich alles gefallen wie Fremde; jede Fremde ist ihnen Vaterland und jedes Vaterland eine Fremde" (ebd. Nr. 5). Der Schlüssel zu unserer Haltung in der Welt findet sich im Brief an die Hebräer: „Wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt, sondern wir suchen die zukünftige" (Hebr 13, 14). Nicht ohne Grund werden die christlichen Gemeinden „parochiae" genannt, d. h. Gemeinden der Pilger, weil wir gemeinsam auf dem Wege zu Gott sind (vgl. 1 Petr 1, 17).
3. Da wir im Glauben Bürger des Himmels sind, haben wir die Pflicht, uns „auf Erden wie im Himmel" zu verhalten und den Willen Gottes zu verwirklichen. Dazu hilft uns der Aufblick zu Maria, zu der wir gepilgert sind und die wir in der Lichterprozession bitten werden, uns zu helfen, dass wir nach ihrem Vorbild und unter ihrem Schutz Gott die Antwort unseres Glaubens geben. Ihre letzten Worte, die uns die Evangelien überliefern, sind ihre Mahnung an die Tischdiener bei der Hochzeit zu Kana: „Was er" - Christus, ihr Sohn und unser Erlöser - „euch sagt, das tut" (Joh 2, 5)!
Hier an ihrem Heiligtum im Grünen Tal dürfen wir uns mit großem Vertrauen unter ihren mächtigen Schutz stellen. Nach der Renovierung der Wallfahrtskirche, die durch den Einsturz des Langhauses durch ein schweres Gewitter im Jahr l968 notwendig geworden war, wurde sie am 13. September 1969 neu geweiht und bekam als Erweiterung ihres Titels „Gebetsort für die Einheit des Christen". Mit unserer Sehnsucht nach der Einheit aller Christen in der Kirche Christi verbindet sich in uns gleichsam als Kehrseite die Sehnsucht nach Einheit, die sich in unserer Vorstellung mit der Heimat verbindet, nach der Einheit Europas, nach der Einheit der ganzen Menschheit, die sich in gegenseitigem Respekt und brüderlicher Liebe niederschlägt. Wenn wir uns dem stellen, erfüllen wir eine Aufgabe in der Gesellschaft, die auch hilfreich ist für die Neuevangelisierung der Welt.
Bei all dem ist uns Maria Wegweiserin, die man auch als Knotenlöserin verehrt - das Gnadenbild der Knotenlöserin befindet sich in Perlach im Bistum Augsburg. Wie könnten wir besser als unter ihrem Schutz unsere Pilgerreise in dieser Welt zum himmlischen Jerusalem fortführen! Sie führt uns zum Sieg über unsere Schwachheiten und Ängste.
Amen!






