Predigten
Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt zum Hochfest der heiligen Heinrich und Kunigunde
(Hohen Dom St. Peter und St. Georg zu Bamberg, 11. Juli 2010)
Sehr geehrter Herr Erzbischof,
liebe Brüder im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt,
sehr geehrte Vertreter des Rates und der Verwaltung,
Brüder und Schwestern!
„Über all das aber legt die Liebe an, die das Band der Vollkommenheit ist“ (Kol 3, 14).
Dieses Wort, das wir in der Lesung aus dem Kolosserbrief gehört haben, enthält im Keim den Schlüssel dafür, dass wir die heiligen Heinrich und Kunigunde als vorbildliches christliches Ehepaar verstehen und verehren. Dieses heutige Fest im Bamberger Dom, in dem ihre Gebeine aufbewahrt werden, soll in uns nicht nur die geschichtlichen Ereignisse in Erinnerung rufen, sondern uns selber treffen und betroffen machen, damit wir in unserer Zeit - in ähnlicher Weise wie das kaiserliche Ehepaar in seiner Zeit - unsere Verantwortung in der Welt und in der Kirche wahrnehmen. Heilige, Reliquien, Gräber und sogar unsere Festliturgie sind Mittel unserer Heiligung, wenn wir durch sie zur Quelle von alledem gelangen. Damit uns das gelingt, wollen wir das Leben der beiden Heiligen und unser Leben im Lichte des Glaubens bedenken. In diesem Sinne haben wir Gott schon im Tagesgebet um die Gnade gebeten, dass wir nach dem Vorbild der beiden Heiligen „unsere Aufgabe in dieser Welt erfüllen“ und Erben seines Reiches werden. So wünschen wir uns den Kaiser Heinrich als Förderer christlicher Werte in unserer Gesellschaft, das Ehepaar als Zeugen ehelicher Liebe in den Familien, auch wenn ihnen Kinder versagt blieben, und beide Heiligen in ihrem vom Glauben bestimmten Leben als Wegweiser und Beschützer für uns.
1. Wer in der Welt Macht ausübt, soll das als Dienst an seinen Zeitgenossen betrachten, sagt doch Jesus nach der Fußwaschung zu seinen Jüngern: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13, 15), und das sagt er, der Meister und Herr. Früher schon hat er ihnen gesagt: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein“ (Mt 20, 25f.).
So wollte sich Kaiser Heinrich für sein Volk einsetzen – besonders durch den Bau von Kirchen, in denen die Gläubigen die Liturgie feiern konnten. In einem Brief schrieb er in Bezug auf die Errichtung dieses Doms hier in Bamberg: „Darum hielten wir es für richtig, nicht nur die von unseren Vorgängern errichteten Kirchen zu fördern, sondern zur größeren Ehre Gottes auch neue zu erbauen und sie zu ehren durch Geschenke, die von unserer Dankbarkeit und Frömmigkeit zeugen. Darum waren unsere Ohren nicht taub für die Gebote des Herrn“ (Adalbert von Bamberg, Lebensbeschreibung Kaiser Heinrichs: zitiert in: Lektionar zum Stundenbuch I/6, S. 250f.).
Verweilen wir bei dem Wort: „nicht taub für die Gebote des Herrn“. Wir müssen den Mut haben, christliche Werte in unserer Gesellschaft zur Geltung zu bringen. Vielleicht ist uns noch in Erinnerung, wie Papst Johannes Paul II. um die Anerkennung der christlichen Werte in Europa gekämpft hat, da weder der Entwurf der EU-Verfassung noch der spätere Lissabon-Vertrag einer ausdrückliche Erwähnung Gottes und der christlichen Wurzeln Europas enthielten. Mit Recht sagte der Papst: „Man sägt den Ast nicht ab, auf dem man sitzt.“
Das heutige Fest bezeugt, wie christliche Herrscher – Heinrich und Kunigunde – in ihrer Zeit von christlichen Werten beseelt waren. Wir nehmen ihr Erbe gern an und bewahren uns so davor, dass unsere Ohren taub werden für die Gebote des Herrn.
2. Als Ehepaar bezeugen Heinrich und Kunigunde, wie Mann und Frau durch die Ehe eins werden, so dass die Verantwortung des einen die Verantwortung auch des anderen wird. Kunigunde hat nicht nur die königliche Ehre ihres Mannes geteilt, sondern auch seine Verantwortung, besonders als Statthalterin während der Reisen Heinrichs nach Italien. Es war keine ruhige Zeit für das Reich. Doch dank der Ratschläge seiner Gemahlin konnte Heinrich sein Amt erfolgreich ausüben. Und sicher in seinem Sinne hat sie während der Thronvakanz nach seinem Tod noch für einige Monate die Reichsgeschäfte geführt.
Eine Legende zeigt, wie eng Heinrich seiner Frau verbunden war. Wegen einer Verleumdung, sie sei ihrem Mann untreu, lief sie, um ihre Unschuld in einem Gottesurteil zu erweisen, über glühende Pflugscharen, ohne Verletzungen zu erleiden. Danach soll Heinrich sie um Verzeihung gebeten haben, weil er dem Gerücht Gehör geschenkt hatte: ein Verhaltensmuster, das nicht ungewöhnlich war – ungewöhnlich eher, dass es auf diese Weise durch Verzeihung zur Versöhnung kam. Das Paar war zwar kinderlos, aber darum nicht liebe-los. Ob die Begebenheit historisch ist oder nicht: jedenfalls steht sie in Einklang mit dem Satz aus der Lesung aus dem Kolosserbrief: „Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr“ (Kol 3, 13), ist doch die Liebe das Band der Vollkommenheit (vgl. Kol 3, 14), wie es im folgenden Vers heißt. Denn in der Tat, wie kann die Liebe ihre Vollkommenheit besser zeigen als in der Barmherzigkeit.
Nehmen wir diese von Liebe bestimmte Haltung Heinrichs und Kunigundes als Vorbild für die Beziehungen in den Familien – zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern -, indem wir unser Leben von Gott her betrachten. In dem schon erwähnten Brief Heinrichs heißt es im Anschluss an die zitierte Stelle, an der er davon sprach, seine Ohren seien nicht taub gewesen für die Gebote des Herrn: „Vielmehr hörten wir hin und gehorchten den Anregungen Gottes“ (a. a. O., S. 251).
3. Damit kommen wir zur Bedeutung der heiligen Heinrich und Kunigunde für uns. In der Ersten Präfation von den Heiligen, die wir gleich hören werden, wird Gott als die Quelle von deren Heiligkeit benannt: „In der Krönung ihrer Verdienste krönst du das Werk deiner Gnade“, und zugleich ihre Bedeutung für uns herausgestellt: „Du schenkst uns in ihrem Leben ein Vorbild, auf ihre Fürsprache gewährst du uns Hilfe und gibst uns in ihrer Gemeinschaft das verheißene Erbe“.
Hat uns nicht auch der heilige Heinrich dazu gerufen, wenn er den schon zweimal zitierten Brief „an alle Söhne der Kirche, künftige wie gegenwärtige“ richtet und dann schreibt: „Durch heilbringende Weisung der Heiligen Schrift werden wir gelehrt und ermahnt, die zeitlichen Güter zu lassen und irdische Bequemlichkeit zurückzustellen, um die Wohnungen im Himmel zu erstreben, die ewig dauern“ (a. a. O., S. 250). Der Bau vieler Kirchen – wie dieses Bamberger Domes – bezeugt, dass er und seine Gemahlin durch den Bau dieser Kirchen gleichsam die Gegenwart des Himmels mitten in diese Welt einpflanzen wollten. Es geht aber nicht nur um Gebäude, es geht vielmehr letztlich um uns selber, die wir uns „als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen“ lassen sollen …; „um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen“ (1 Petr 2, 5).
So wird sichtbar, wie wünschenswert es für uns ist, dass wir die Heiligen feiern. Sie sind für uns wie Wegweiser für unser heutiges Leben, sie geben uns Ansporn, wie sie treu und großzügig in unserer Antwort auf Gott zu sein; sie sind – in der Gemeinschaft der Heiligen – unsere Fürsprecher bei Gott und unsere Beschützer.
Wenn wir unsere Betrachtung zusammenfassen, können wir feststellen, dass unsere heutige Feier im Dom zu Bamberg, den die heiligen Heinrich und Kunigunde zur Ehre Gottes als Dienst an der Evangelisierung errichtet haben, für uns zugleich ein Anruf und ein Ansporn ist: ein Anruf in dem Sinn, dass wir uns zu unserer christlichen Geschichte bekennen und uns unter die „künftigen Söhne“ der Kirche einreihen; dann haben wir Anteil an seinem Erbe, und dieser Dom mit dem Hochgrab des kaiserlichen Paares wird unser Schatz. Diese Feier ist nicht nur ein Anruf, sondern auch ein Ansporn, nach dem Vorbild des heiligen Ehepaares aus den je uns von Gott anvertrauten Talenten unter vollem Einsatz das Bestmögliche zu machen - wie es im Gleichnis des heutigen Evangeliums von den anvertrauten Minen unter einem anderen Bild gesagt wird. Gott wird die guten Knechte nicht um ihren ewigen Lohn kommen lassen.
Wie es in der Lebensbeschreibung Adalberts von Bamberg heißt, war Heinrich entschlossen, „Kriegsdienst zu leisten für den höchsten König, dem zu dienen herrschen bedeutet“ (a.a.O. S. 250).
Uns geht es nicht darum, Kriegsdienst zu leisten, sondern unseren Mitmenschen jeden Tag Liebesdienst zu erweisen.
Amen!






