Predigten
Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt zum 650. Jahrestag der Weihe der St.Wendelinus-Basilika
(St. Wendel, 23. Mai 2010)
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt zum 650. Jahrestag der Weihe der St.Wendelinus-Basilika
(St. Wendel, 23. Mai 2010)
„Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen,
in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“ (Apg 2, 4)
Brüder und Schwestern!
Was am Pfingstfest der Juden nach dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi in Jerusalem geschah, das geschieht immer weiter in der Kirche Christi; denn das Wirken des Heiligen Geistes durchdringt die ganze Welt entsprechend dem Auftrag an die Apostel, allen Menschen die Erlösung in Jesus Christus zu verkünden.
Deshalb bezeugen wir im Glaubensbekenntnis, dass wir an die „apostolische“ Kirche glauben; deswegen werden Zeugen dieses Glaubens geehrt – wie der heilige Wendelin, dessen Grab uns als Christen im Glauben bestärkt, weil er uns durch seine Treue zu den Gaben Gottes zum Vorbild wurde. Und hier in der Basilika haben wir zweimal direkte und einwandfreie Beweise seiner Treue im Glauben zur apostolischen Kirche: die zwölf oder – mit dem heiligen Paulus – sogar dreizehn Apostel, die seine Tumba am Boden und das Hochgrab hinter dem Retabel umgeben. Dazu kommt noch, dass die Weihe des ältesten Teils der Kirche vor 650 Jahren - eben wie heute das Jubiläum - an Pfingsten gefeiert wurde; und noch ein Drittes: Wendelin ist bei der Rückkehr von einer Pilgerfahrt nach Rom, wo er – als Abschluss und Krönung seiner menschlichen und christlichen Ausbildung an einer der damals blühenden Ordensuniversitäten in seiner irischen Heimat – an den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus seinen Glauben gestärkt hatte, auf dem Weg zu den Trierer Heiligen ins Saarland gekommen.
Betrachten wir im Licht und mit dem Feuer des Heiligen Geistes diese drei Felder im Leben Wendelins, so dass wir eine Art geistiges Retabel mit den drei göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe vor uns haben. An Pfingsten ziemt es sich festzustellen, wie der Heilige Geist in der Kirche Christi gewirkt hat, immer wirkt und weiter wirken wird .
1. Die Apostel, die die Tumba und den Hochsarg Wendelins umgeben, sind lebendige Zeugen Christi. Jeder zeigt durch ein ihm zugeordnetes Kennzeichen, wie er die Lehre und die Gnade Christi bezeugt hat: z. B. Petrus mit dem Schlüssel für sein Amt, die Kirche im Namen Jesu zu leiten - Paulus mit dem Schwert, das auf seine Enthauptung hinweist – Johannes mit dem Ziborium, dem Gefäß für die Eucharistie. Merkwürdig ist bei dieser Darstellung, dass alle Apostel in der jeweils anderen Hand ein Buch tragen: die Frohbotschaft der Erlösung in Christi Tod und Auferstehung. In diesen Darstellungen sehe ich den Glauben, dessen Verkündigung Christus den Aposteln am Tag seiner Himmelfahrt auftrug, indem er sagte: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Mk 16, 15f.).
Es ist also nicht verwunderlich, dass – in einem weiteren Sinn - der heilige Wendelin unter die Apostel aufgenommen wird, weil er diesen Glauben nicht nur angenommen, sondern auch in Worten und Werken verwirklicht hat. Wie er gehören wir zur Kirche der Apostel; Wie er haben wir teil am selben Glauben – mögen wir wie er lebendige Steine am Bau der Kirche werden!
2. Damit kommen wir zum zentralen Bild unseres Retabels: zur Liebe, die die größte unter den göttlichen Tugenden ist, wie der Apostel Paulus am Schluss seines Hohen Liedes der Liebe (vgl. 1 Kor 13, 13) schreibt, und die niemals aufhört (vgl. ebd. V. 13).
Pfingsten wird als das Fest der Liebe bezeichnet. Der Heilige Geist, der im Abendmahlssaal in der Gestalt von Feuerzungen auf die Jünger herabkommt, wird alles prüfen und erneuern, indem er das Böse vernichtet, so dass nur das reine Gold der Liebe bleibt. Wie wir in der Zweiten Lesung aus dem Ersten Brief an die Korinther gehört haben, beschreibt der Apostel in dem Kapitel, das dem Hohen Lied der Liebe unmittelbar vorausgeht, das Werk des Heiligen Geistes in den Gliedern der Kirche durch die ihnen je eigenen Gaben als Dienst an der Einheit: „Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will“ (1 Kor 12, 11).
Ist der heilige Wendelin nicht ein vorzüglicher Zeuge der Liebe, die Gott der Welt entgegenbringt? Hat er nicht durch seine Demut den Weg zur Bekehrung des Gutsbesitzers vorbereitet, der, statt ihm, dem Pilger, ein Stück Brot zu geben, ihn zur Arbeit als Viehhirte schickt, damit er so sein Brot verdiene. In diesem für ihn harten Erlebnis erkannte Wendelin den Willen Gottes. Und er blieb im Saarland - zuerst als Viehhirte, dann als Hirte der Mönche in der Abtei Tholey.
Ja, die Wege Gottes sind nicht immer unsere Wege. Wer aber mit Liebe zu Gott und den Mitmenschen die Umstände seines Lebens als Wege Gottes anerkennt, wählt verkürzte Wege zur Vollkommenheit und Heiligkeit.
Komm, Heiliger Geist, erneuere unsere Herzen, wie du im heiligen Wendelin das Feuer der Gottes- und Nächstenliebe brennen ließest!
3. Für uns aber – wie für Wendelin – wären Glaube und Liebe ohne Wirkung, wenn die Triebkraft der Hoffnung sie nicht zur konkreten Umsetzung brächte. Der französische Schriftsteller Charles Péguy hat dafür eine einleuchtende Erklärung: Die kleine Hoffnung steht – eben weil sie eine nur wenig erwähnte Tugend ist – mitten zwischen ihren großen Schwestern, die ihr auf beiden Seiten die Hand geben. Sie aber treibt die nach vorne.
Diesen Dienst erfüllte der heilige Wendelin für seine Zeitgenossen. Obwohl er Sohn einer adeligen Familie in Irland war, hat er sich zum Pilger gemacht, sich auf den Weg nach Rom begeben – mit all den unerwarteten und unvorherbaren Ereignissen und Erlebnissen einer Pilgerfahrt. Ohne die Hoffnung, das Ziel - Rom - zu erreichen und dann im Glauben gestärkt wieder nach Hause zurückzukehren, wäre das nicht möglich gewesen.
Ebenso haben Ihre Vorfahren unter Leitung des Bischofs Balduin von Luxemburg mit dem Bau dieser Kirche, die heute Wallfahrtskirche und Basilika ist, bezeugt, dass sie Menschen mit Hoffnung waren. Auch der hochbegabte und gelehrte Nikolaus von Kues hat zur Ehre des heiligen Wendelin beigetragen, indem er im Jahre 1462 die Steinkanzel – mit seinem Kardinalswappen geschmückt – stiftete, weil er Jahre früher als Priester in St. Wendel tätig war. Und so erstreckt sich die „Hoffnungsgeschichte“ dieser Kirche bis in unsere Tage, die in allem auf dieses eine Ziel ausgerichtet ist, das Zeugnis von der Bedeutung des heiligen Wendelin lebendig zu bewahren, damit die Menschen heute und auch in Zukunft sich von seinem Beispiel ermutigen und bestärken lassen.
Dass die Weihe der ersten Kirche an Pfingsten stattgefunden hat, war ein Omen für die Zukunft und ein Ansporn, mit der Kraft und der Weisheit des Heiligen Geistes den gleichen Glauben der Apostel, die gleiche Liebe der Kirche mit Hoffnung hier im Saarland weiterzupflegen und zu verbreiten.
Damit ist unser geistliches Retabel fertig - oder fast fertig. Denn ich möchte noch etwas hinzufügen: gewöhnlich wird das Retabel nach einer Führung geschlossen. Auf den beiden äußeren Tafeln gibt es ja Bilder, die das Ganze zusammenfassen.
Erstens wollen wir ein traditionelles Bild des heiligen Wendelin anschauen. Mit breitem Hut, Hirtenstab und Schafen zu seinen Füßen, stellt er gewissermaßen den Guten Hirten dar, Christus, der immer für uns in seiner Kirche unterwegs ist.
Zweitens wurde der heilige Wendelin eben wegen seiner demütigen Tätigkeit als Viehhirte von Hirten, von den Bauern und von den einfachen Gläubigen zu ihrem Schutzpatron erwählt. Die vielen Kapellen mitten zwischen Wiesen besonders in Südwestdeutschland legen davon Zeugnis ab. Ich selber habe den heiligen Wendelin in einer solchen Kapelle entdeckt. Ich war damals Schüler am Gymnasium in Fribourg, das vom heiligen Petrus Canisius gegründet worden ist. Ich hätte nie gedacht – es war vor 53 Jahren -, dass ich einmal an seinem Grab beten würde.
Für uns alle – wie für den heiligen Wendelin – ist der Heilige Geist derjenige, der Weisheit und Kraft verleiht, Christus in unserem Leben treu zu sein, zur Ehre des Vaters.
Amen!






