Predigten

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Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt anlässlich des fünften Jahrestages
der Wahl von Papst Benedikt XVI.

St. Hedwigs-Kathedrale zu Berlin, am 18. April 2010



„Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist,
den Gott allen verliehen hat, die ihm gehorchen“ (Apg 5, 32)


Sehr geehrter Herr Kardinal,
verehrte Kolleginnen und Kollegen im diplomatischen Dienst,
liebe Brüder im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt,
Brüder und Schwestern im Herrn!

Was Petrus mit den andern Aposteln dem Hohenpriester bei dem Verhör vor dem Hohen Rat sagt, dass sie Zeugen des Todes und der Auferstehung Christi sind, die ohne Furcht dazu stehen und in der Kraft des Heiligen Geistes die Frohbotschaft auch weiterhin verbreiten werden, das ist auch heute aktuell, ich möchte sogar sagen: Das ist heute mehr noch als in jener Zeit Aufgabe des Lehramtes der Kirche. Wie die Apostel, so können der Papst und die Bischöfe der Welt in einer Gesellschaft, die sich um geistige Werte kaum kümmert, „unmöglich schweigen über das, was sie gesehen und gehört haben“ (Apg 2, 20), was sie in ihrem Lehramt im Glauben an Gott der Welt zu verkündigen haben.

Am fünften Jahrestag der Wahl von Joseph Kardinal Ratzinger zum Papst in der Nachfolge Petri als Bischof von Rom und damit zum „Haupt des Kollegiums der Bischöfe, zum Stellvertreter Christi und zum Hirten der gesamten Kirche hier auf Erden“ (Can. 331 CIC) möchte ich Ihnen darlegen, wie er dieses ihm anvertraute Amt ausübt, und zwar in der verbindlichsten Form der Lehre für die ganze Welt, d. h. in den drei bisher veröffentlichten Enzykliken: „Deus caritas est“ (25. Dezember 2005), „Spe salvi“ (30. November 2007) und „Caritas in veritate“ (30. Juni 2009). Enzykliken sind die Hauptdokumente im Lehramt des Papstes, Rundschreiben, die sich an die Bischöfe, den Klerus, an die Ordensleute und die christgläubigen Laien wenden, so dass sie Ansatzpunkte für deren christliches Engagement sind. Da sie allgemeine und allzeit aktuelle Themen behandeln, sind Enzykliken wie Bergwerke, aus denen man Schätze des Glaubens für die Seelsorge ausgraben kann – wie Jesus seinen Jüngern sagte: „Jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreiches geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt“ (Mt 13, 52).

In diesem Sinne ist der Einsatz des Papstes in bestimmten Angelegenheiten der Kirche wie den Fällen von Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, wie er ihn letzthin in Irland und früher in den Vereinigten Staaten geleistet hat, auch als Stellungnahme des Papstes zu den gleichen streng zu verurteilenden Fällen in Deutschland zu sehen, wie das auch für alle anderen Ländern gilt. Unmittelbar sind die Ortsbischöfe mit solchen Fällen befasst; die Bischöfe in Deutschland bemühen sich um eine sofortige Aufklärung und sorgen dafür, dass die nach kirchlichem und staatlichem Recht vorgesehenen Maßnahmen zur Anwendung kommen.

Wie Bergleute - um in dem erwähnten Bild zu bleiben - wollen wir nun in den drei Rundschreiben Benedikts XVI. Neues und Altes zur Bereicherung und Vertiefung unseres Glaubens herausnehmen.

1. In seiner Antrittsenzyklika „Deus caritas est“ vom Ende des Jahres 2005, also des Jahres seiner Wahl, kommt der Papst sofort auf den Grund und die Mitte des christlichen Glaubens zu sprechen: „In einer Welt, in der mit dem Namen Gottes bisweilen die Vorstellung von Rache oder gar die Pflicht zu Hass und Gewalt verbunden wird, ist dies eine Botschaft von hoher Aktualität und ganz praktischer Bedeutung“ (Deus caritas est 1). Im ersten Teil der Enzyklika beabsichtigt er, „einige wesentliche Punkte über die Liebe … zu klären und … und die innere Verbindung zwischen dieser Liebe Gottes und der Realität der menschlichen Liebe aufzuzeigen“ (ebd.), während der zweite Teil konkreterer Natur ist, da er die praktische Umsetzung des Gebotes der Nächstenliebe behandelt (vgl. ebd.).

Erstaunlich war für viele, dass Papst Benedikt über die Beziehung zwischen Eros, Philia und Agape spricht – in der griechischen Kultur werden alle drei Wörter für Liebe gebraucht. Eros meint ursprünglich die Liebe zwischen Mann und Frau; wenn der Papst hier von Eros spricht, geht es ihm darum, die von Gott geschaffene Menschennatur in ihrer Entfaltung darzustellen: Er ist nicht ein Trieb, der ohne Zügelung ist, sondern wird von der Seele gelenkt, so dass der Eros den Menschen wachsen lässt. „Der Mensch wird dann ganz er selbst“, schreibt der Papst, „wenn Leib und Seele zu innerer Einheit finden. … Nur so kann Liebe – Eros – zu ihrer wahren Größe reifen“ (Deus caritas est 5).

Als Gott aus Liebe zur Schöpfung Mensch wird – in Christus, seinem eingeborenen Sohn -, zeigt er uns seine Liebe im Opfer Christi am Kreuz, das uns den Weg zum Himmel öffnet. Im Gottessohn werden wir Söhne Gottes – und fähig, der Liebe Gottes zu uns durch unsere Liebe zu entsprechen: „Die Liebesgeschichte zwischen Gott und Mensch besteht eben darin“ - sagt Papst Benedikt –, „dass diese Willensgemeinschaft in der Gemeinschaft des Denkens und Fühlens wächst und so unser Wollen und Gottes Wille immer mehr ineinanderfallen …“ (Deus caritas est 17).

So wird die Nächstenliebe möglich, die - wie die Gottesliebe - auch Agape genannt wird. Darf ich dazu ein Beispiel aus unserer heutigen dem Glauben oft fremden Gesellschaft geben? Ein Fotoreporter, der im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit die ganze Welt bereist hatte, bezeugte einmal: „An Gott glaube ich nicht; aber ich habe Gott am Werk gesehen in den vielfältigen Werken der Nächstenliebe der Kirche, besonders bei Ordensfrauen in Schulen, Gesundheitszentren, Spitälern – und das öfter unter menschlich schrecklichen Umständen.“

2. Ein solches Zeugnis gibt Ermutigung zum Engagement in der Kirche und führt uns direkt zum zweiten Rundschreiben von Papst Benedikt „Spe salvi“ aus dem Jahre 2007. In diesem Dokument geht es um unsere Erlösung in Christus. „Hoffnung ist in der Tat ein Zentralwort des biblischen Glaubens“ (Spe salvi 2). Mit Zitaten aus dem Epheserbrief und dem Ersten Thessalonicherbrief des Apostels Paulus betont der Papst, dass die Christen durch den Glauben wissen, wo ihr letztes Ziel ist, das letztendlich Gott selber ist. „Sie wissen im Ganzen, dass ihr Leben nicht ins Leere läuft. Erst wenn Zukunft als positive Realität gewiss ist, wird auch die Gegenwart lebbar. … Wer Hoffnung hat, lebt anders; ihm ist ein neues Leben geschenkt worden“ (ebd.). So kommt es, dass unser Glauben und unsere Hoffnung sich dem Nächsten zuwenden, weil Gott Liebe für alle ist, weil Christus der Erlöser aller Menschen ist, weil der Heilige Geist die ganze Welt erneuert. „Als Christen“, schreibt Papst Benedikt, „sollten wir uns nie nur fragen: Wie kann ich mich selber retten? Sondern auch: Wie kann ich dienen, damit andere gerettet werden und dass anderen der Stern der Hoffnung aufgeht?“ (ebd. 48).

3. Im dritten Rundschreiben „Caritas in veritate“ werden wir konkret daran erinnert, dass der Mensch ohne Gott nicht weiß, wohin er gehen soll, und nicht einmal zu begreifen vermag, wer er ist (vgl. Caritas in veritate 78), - und das in unserer heutigen Welt „angesichts der enormen Probleme der Entwicklung der Völker, die uns fast zur Mutlosigkeit und zum Aufgeben drängen“ (ebd.). Doch wir stehen nicht machtlos vor diesen Problemen, denn in der Lehre Christi finden wir Richtlinien für unser Handeln, die uns in der Soziallehre der Kirche erklärt und in Abstimmung auf unsere heutigen Bedürfnisse dargelegt werden. Die Geschichte zeigt, dass die Entwicklung der Völker nicht allein durch neue Institutionen, Deklarationen und Organisationen gewährleistet wird; denn die ganzheitliche Entwicklung des Menschen ist vor allem Berufung und verlangt folglich von allen die freie und solidarische Übernahme von Verantwortung. „Eine solche Entwicklung erfordert außerdem eine transzendente Sicht der Person, sie braucht Gott. … Im Übrigen gestattet uns die Begegnung mit Gott, nicht im anderen immer nur den anderen zu sehen, sondern ´in ihm das göttliche Bild zu erkennen´“ (Caritas in veritate 11), wie der Papst in Anspielung auf eine Formulierung in der Enzyklika Deus caritas est (18) sagt. Die Enzyklika will dazu dienen, „die Liebe in der Wahrheit (als) eine große Herausforderung für die Kirche in einer Welt der fortschreitenden und um sich greifenden Globalisierung“ (Caritas in veritate 11) dar- und vorzustellen. Es geht nicht darum, Lösungen für gesellschaftliche, ökonomische, wirtschaftliche oder wissenschaftliche Probleme anzubieten, sondern darum, von Gott her aus den Quellen von Schöpfung und Erlösung frische Ströme fließen zu lassen, damit unsere Gesellschaft immer brüderlicher, solidarischer und verantwortungsbewusster wird – jeder in ihr an seinem Platz, jeder mit den ihm eigenen Gaben.

Am Schluss unserer Betrachtung sind wir wie Bergarbeiter, die einige Gold-, Silber- oder Bleiklumpen gesammelt haben. Es hängt von jedem von uns ab, sie so zu verarbeiten, dass sie zu Kunstwerken – und wir selber - um im Bild zu bleiben - durch unseren Einsatz aus Bergarbeitern zu Künstlern werden. Das ist unsere Hoffnung. Denn Gott ist auf unserer Seite, ja unser Beistand. In seiner Kraft wird so unser Leben reich werden an Werken der Liebe – wie das Boot des Apostels Petrus mit Fischen gefüllt wurde.

Amen!