Predigten

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Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
am Fest des Hl. Fidelis von Sigmaringen

Stadtkirche St. Johann zu Sigmaringen, 24. April 2010


Sehr geehrter Herr Pfarrer,
liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt,
Brüder und Schwestern im Glauben!

„Halte fest, was du hast, damit kein anderer deinen Kranz bekommt“ (Offb 3, 11)

Das heutige Fest Ihres Landsmannes, des Märtyrers Fidelis, soll uns im Glauben bestärken, d. h. es soll uns helfen, dass wir beharrlich am Glauben festhalten und in ihm wachsen. Wenn wir auf sein Leben schauen, erfüllt uns das mit Freude über seine Vollendung und ist es für uns zugleich eine lebendige Aufforderung, nach seinem Vorbild unseren Glauben in Treue zu leben.

Das Tagesgebet, das wir zu Beginn im Namen der Gemeinde an Gott gerichtet haben, enthält unsere Bitte, dass wir in Treue zum treuen Gott stehen, indem wir die Wahrheit der Erlösung, die uns in Christi Tod und Auferstehung geschenkt ist, durch unser Verhalten in der Welt verkünden.

Damit uns das immer besser gelingt, wollen wir zunächst einen Blick auf das Leben des heiligen Fidelis werfen, um zu sehen, wie er Gott treu wurde, um die Wahrheit des Glaubens anderen zu bringen. Seine Haltung vor und mit Gott war das vornehmste Mittel, den Auftrag Gottes zu verwirklichen.

1. Anfang Oktober 1578 in Sigmaringen als Sohn des Gastwirts und späteren Bürgermeisters Johannes Roy geboren und auf den Namen Markus getauft, hat er, als er 1616 in der Orden der Kapuziner eintrat, den Namen Fidelis angenommen. Wie Sie wohl wissen, wurden in früherer Zeit Kapuziner nach ihrem Geburtsort benannt, so dass sie alle – wenn man so will - in einem übertragenen Sinn Adelige wurden: von Sigmaringen, von Lens usw. Ja, Sigmaringen ist in der ganzen Welt auch durch den heiligen Fidelis bekannt wie durch das Haus Hohenzollern-Sigmaringen. Dass er den Namen Fidelis von seinen Oberen bekam, war ein Omen für seine künftige Missionstätigkeit im Bereich der Alpen, wo sich so viele Christen der Reformation angeschlossen hatten.

Der junge Markus war von Natur aus menschlich mit allen Tugenden begabt und studierte Literatur und Philosophie in Freiburg im Breisgau - und dann noch Jura. So vielseitig wissenschaftlich gebildet, wurde er gebeten, eine Gruppe junger Adeliger auf ihrer Pilgerreise nach Frankreich, Spanien und Italien zu begleiten, die 1604 begann und bis 1610 dauerte. Ein Nebeneffekt für ihn war, dass er anschließend fließend französisch, spanisch und italienisch sprechen konnte. Am 7. Mai 1611 schloss er sein Examen in utroque iure – in der weltlichen Jurisprudenz und im kirchlichen Recht – mit der Bestnote ab, so dass er sofort die Stelle eines Beisitzers am Obersten Gerichtshof des Landvogts in Ensisheim im Elsass erhielt und schon bald der Advokat der Armen genannt wurde. Unerwartet entschied er sich nach einiger Zeit, in den Kapuzinerorden einzutreten, dem sein Bruder Geort als P. Apolinar schon angehörte. Er wurde schon bald zum Priester geweiht und feierte am 4. Oktober 1612 in der Kapuzinerkirche Freiburg seine Primiz. Sein Novizenmeister war P. Angelo Visconti. Als Professe wurde er bald Guardian in Rheinfelden und Fribourg in der Schweiz, dann in Feldkirch in Österreich.

Zugleich wurde er Missionar der 1599 neu gegründeten Päpstlichen Kongregation de Propaganda Fide, um die Protestanten zur Einheit der katholischen Kirche zurückzuholen.

Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) zwischen den Repräsentanten der beiden Konfessionen war im vollen Gange, und P. Fidelis folgte den österreichischen Truppen, die Teile der Drei Bünde ( des heutigen Graubünden) erobert hatten, und wollte die Bevölkerung im katholischen Glauben belehren.

Am 24. April 1622 zog er, nachdem er die heilige Messe in Grüsch gefeiert hatte, mit einigen Soldaten nach Seewis, um dort eine Bekehrungspredigt zu halten. Während der Predigt drangen Bauern in die Kirche ein, überwältigten die Soldaten und schossen auf ihn. Als er nach einem Gebet vor dem Altar durch die Sakristei ins Freie flüchtete, wurde er auf der Straße von zwanzig Rebellen umringt, die ihn aufforderten, ihren Glauben anzunehmen. P. Fidelis antwortete: „Ich kam, die Häresie auszurotten, und nicht, um sie anzunehmen.“ Darauf hin wurde er niedergemetzelt.

Soweit die Darstellung des Todes unseres Märtyrers. Er hat festgehalten, was er hatte: seine Sendung, den Glauben der Kirche zu bewahren und andere zu diesem Glauben zurückzuführen.

2. Was bedeutet das nun für uns? In der Zeit des Ökumenismus, in der wir lieber auf das schauen, was uns gemeinsam ist, als auf das, was uns trennt – wie z. B. in der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ (31. 10. 1999) von Katholiken und Lutheranern, der sich allmählich auch andere Protestanten wie die Methodisten und vielleicht demnächst auch die Reformierten anschließen -, also in der Zeit des Ökumenismus bleibt P. Fidelis ein Vorbild der Treue, zu der wir alle – alle Christen in allen Konfessionen – gerufen sind. In einer Welt des Materialismus, des Verzichtes auf ethische Normen, der Ausrichtung auf den Genuss von nur irdischen Gütern sollen alle Christen Christus als Erlöser bezeugen. Und wie? Durch ein Leben, das seine Quelle im Himmel hat. Durch Gebet, Besinnung, Betrachtung halten wir fest an den von Gott empfangenen Gaben – in der Zuversicht,  dass alle Christen einmal mit uns zur Einheit der Kirche Christi gelangen. Der heilige Fidelis hatte eine solche Haltung, wie wir in dem von ihm verfassten Religionsstrafmandat aus dem Jahre 1622 lesen können, wo er schreibt: „Keiner sei gezwungen, den katholischen Glauben anzunehmen und seinem bisherigen abzuschwören, ehevor er nicht durch Predigt, Christenlehre und freundliche Belehrung soweit unterrichtet ist, und inzwischen ist auch keiner zur Anhörung der hl. Messe oder zur Beichte gezwungen.“ Das war beides nicht die Haltung der Fürsten und Herzöge in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, leider!

Als Kapuziner konnte P. Fidelis seine Sendung ohne Rücksicht auf irgendwelche menschliche Bande und Bindungen erfüllen. Sein Vorbild war der heilige Franziskus, der sich von allem väterlichen Besitz lossagte, um Christus zu verkündigen. Im Philipperbrief des Apostels Paulus heißt es vom Sohn Gottes Christus Jesus zunächst: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich“ (Phil 2, 6f.), dann fährt der Apostel fort: „Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod“ (Phil 2, 8). Das traf - in der Nachfolge Christi - auch auf Franziskus zu – und auch auf Fidelis.

Und wir? Sind wir gegenüber Gottes Willen gehorsam, auch wenn das auf unsere Kosten geht? Meinen wir es ernst, wenn wir Gott bitten. „Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden“?

3. „Damit kein anderer deinen Kranz bekommt“ (Offb 3, 11) bedeutet paradoxerweise nicht, dass wir unseren exklusiv für uns allein behalten, sondern gerade umgekehrt, dass unsere Glaubenstreue sich anderen mitteile. Der Glaube ist wie ein Feuer, das immer größer wird, je mehr der Glaubende sich anderen hingibt. Wir brauchen keine großen Worte darüber, sondern unsere eigene Treue, unser tägliches Leben, das wir ernsthaft christlich führen: zu Hause, in der Schule, in den Geschäften, am Arbeitsplatz.

In der frühen Christenheit pflegte man zu sagen: „Das Blut der Märtyrer ist der Same von Christen.“ So ist es heute noch. Das Blut, das der heilige Fidelis für den katholischen Glauben vergossen hat, ist der Same für treuere Christen, die „ohne Menschenfurcht für die Wahrheit einstehen“, wie es das Tagesgebet knapp formuliert.

Möge der Stadtpatron von Sigmaringen, der auch an vielen anderen Orten verehrt wird – und besonders im Kapuzinerorden -, uns alle zur größeren Treue im Glauben führen, so dass wir immer an ihm festhalten.

Amen!