Predigten
Eucharistiefeier
des Apostolischen Nuntius in Deutschland
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset
zum Gedächtnis des 65. Todestages des sel. Nikolaus Groß am 23. Januar 1945
(Klosterkirche des Karmels Regina Martyrum, 24. Januar 2010)
„Das ganze Volk antwortete mit erhobenen Händen: Amen, amen!“ (Neh 8, 6)
Liebe Brüder und Schwestern in Christus!
Was in Jerusalem nach der Rückkehr des Auserwählten Volkes aus dem babylonischen Exil geschah, als ihm das wiedergefundene Gesetz Gottes vorgelesen wurde, das wiederholt sich in jeder Eucharistiefeier, wenn wir auf das vom Priester vorgetragene Hochgebet mit unserem „Amen“ antworten. Was bedeutet nun „Amen“? Für was stehen wir mit unserem Amen ein? In welcher Weise haben wir damit Anteil am Opfer Christi?
Die Lesungen aus dem Alten Testament in unseren Eucharistiefeiern sollen uns nicht nur an die Heilsgeschichte erinnern, sondern uns auch heute noch Ansporn sein, in unserer Beziehung zu Gott eine ähnliche Hingabe aufzubringen, wie sie uns dort begegnet, unabhängig davon, dass wir wissen, dass die Offenbarung weitergegangen und inzwischen zum Abschluss gelangt ist. Wenn wir unser christliches Leben immer wieder mit dem Wort Gottes und mit seiner Gnade erneuern wollen, dann ist unser Eintauchen in die Heilige Schrift im Licht der Überlieferung der Kirche das beste Mittel, im Glauben jung und frisch zu sein, wie im Psalm gesungen wird: „Ich will zum Altar Gottes treten, zum Gott meiner Freude“ (Ps 43, 4), oder wie es auf der Grundlage der Vulgata, der verbreitetsten alten lateinischen Bibelübersetzung, auch heißt: „Zu Gott, der mein Jugendalter erfreut“. Der selige Nikolaus Groß ist uns in dieser Hinsicht Vorbild und Wegweiser.
1. Mit unserem „Amen“ haben wir Anteil an der langen Tradition, die eben die ganze Entwicklung der Offenbarung begleitet. In seiner Adventspredigt vor dem Heiligen Vater und der römischen Kurie am 18. Dezember des vergangenen Jahres sagt P. Raniero Cantalamessa OFMCap, dass Maria von Nazareth ihre Zusage zum Willen Gottes dem Erzengel Gabriel auf Aramäisch mit dem Wort „Amen“ gegeben habe. Er sagt weiter: „Amen ist ein hebräisches Wort, dessen Wurzel Festigkeit und Sicherheit bedeutet; es wurde in der Liturgie gebraucht als Glaubensantwort auf das Gotteswort. Mit dem ‚Amen‘ lässt sich klar feststellen, dass das Gesagte ein standhaftiges, ständiges, gültiges und bindendes Wort ist. … Es bedeutet zugleich Glauben und Gehorsam; es erkennt an, dass das, was Gott sagt, wahr ist und dass man es annimmt; es bedeutet: Ja sagen zu Gott“. So weit P. Cantalamessa, der noch hinzufügt, dass Christus selber in der Apokalypse „Amen“ genannt wird (Offb 3, 14), so dass durch ihn unsere Zustimmung zu Gott erfolgt.
Sie sehen, liebe Brüder und Schwestern, wie eng wir in der Liturgie mit Christus verbunden sind, weil wir als Glieder der Kirche, seines mystischen Leibes, in ihm und durch ihn Zugang zu Gott haben. Wir alle sind gerufen, in, mit und durch Christus „Amen“ zu Gottes Willen zu sein - wie der selige Nikolaus Groß.
2. Daher verpflichten wir uns durch unser liturgisches „Amen“ selber, entsprechend dem gerade vorgetragenen Gebet oder dem verkündeten Wort Gottes zu leben. Es gibt im Gotteslob eine gesungene Fassung des Credo, bei dem die Gemeinde auf die verschiedenen Glaubensartikel mit „Amen, wir glauben“ antwortet. Das „Amen“ sagt mehr als nur „Ich glaube“; es geht nicht nur darum, eine Aussage als wahr anzunehmen, sondern auch darum, sich zu dieser Wahrheit zu bekennen. Über die Reaktion des Volkes Israel bei der Verlesung des Gesetzes durch Esra heißt es: „Das ganze Volk lauschte auf das Wort des Gesetzes“ (Neh 8, 3). Beim Lobpreis Gottes durch Esra antworteten alle mit erhobenen Händen:“Amen, amen!“ – nicht nur, um ihr Verständnis, sondern auch, um ihr Einverständnis mit dem Willen Gottes zu bezeugen.
Schon in der Wüste, als das auserwählte Volk Israel unter Führung des Mose aus der Sklaverei Ägyptens befreit wurde, wurde das Volk am Berg Sinai vor Gott versammelt. Gott sprach zu Mose: „Ich werde zu dir in einer dichten Wolke kommen; das Volk soll es hören, wenn ich mit dir rede, damit sie auch an dich immer glauben“ (Ex 19, 9). Aber schon bald hat das Volk die Vermittlung des Mose abgelehnt und sich durch Aaron ein goldenes Kalb anfertigen lassen als Zeichen der Gegenwart neuer Götter inmitten des Volkes (vgl. Ex 32, 1-24). Das bedeutet: Das Volk wollte seinen eigenen Weg gehen – und nicht den Weg Gottes, den Weg mit Mose ins verheißene Land. Erst auf die Fürsprache des Mose wurde das Volk von seiner Sünde des Abfalls von Gott befreit, so dass der Bund zwischen Gott und seinem Volk auf die Fürbitte des Mose endgültig geschlossen wurde. Die Zustimmung der Israeliten durch Treue und Gehorsam gegen das Gesetz Gottes brachte ihnen Erfolg, Untreue und Ungehorsam hingegen Niederlage und Elend.
Auch wir müssen unser „Amen“ zum Gotteswort ständig erneuern, damit es zu unserem eigenen Vorteil ständig verwirklicht wird.
3. Für uns als Christen geht es jetzt um den Neuen Bund, der im Blute Christi am Kreuz geschlossen wurde. Die eindrücklichen Merkmale des Bundes am Sinai sind durch die Liebesmerkmale des Opfers Christi am Kreuz ersetzt; und trotzdem: es waren nur wenige, die bei dem „Amen“ Christi beteiligt waren: seine Mutter Maria, einige Frauen und der Lieblingsjünger Johannes.
Der Apostel Paulus schreibt den Korinthern, um seine klare Hingabe an das Apostolat zu begründen, dass es bei ihm wie bei Christus nicht Ja und Nein zugleich gibt. „Er ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat. Darum rufen wir durch ihn zu Gottes Lobpreis das Amen“ (2 Kor 1, 20). Hat Christus nicht selber gesagt: „Wer bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet“ (Mt 10, 22; Mt 24, 13), sei es als einer, der verfolgt wird, sei es mit Bezug auf eine lebenslange Treue zu ihm? Beides trifft auf den seligen Níkolaus Groß zu, auch auf seine Ehefrau Elisabeth; sie waren in ihrem Glauben beharrlich: bis zum Tod für Nikolaus.
„Amen“ in ihrem Verhalten, „Amen“ zu Gott durch die Taufe: Sie haben sich durch den regelmäßigen Empfang der Eucharistie immer enger mit Christus verbunden, so dass sie von ihm die Kraft und das Licht empfangen haben, sich für die Würde ihrer Mitmenschen einzusetzen – koste es, was es wolle.
Ihr Bekenntnis, ihr Amen zum Gottesbund im Kreuz Christi möge auch uns ermutigen und Kraft geben, uns in der heutigen Konsumgesellschaft mit gleicher Weisheit und Kraft für die Menschenwürde einzusetzen.
Amen!






