Predigten

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Vesper
mit dem Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
in der Schloss- und Pfarrkirche St. Maria Himmelfahrt

(Köthen, 25. Oktober 2009 um 17.00 Uhr)

 


Predigt:

„Wir müssen Gott zu jeder Zeit euretwegen danken, … weil Gott euch als Erstlingsgabe dazu auserwählt hat, aufgrund der Heiligung durch den Geist und aufgrund des Glaubens an die Wahrheit gerettet zu werden“ (2 Thess 2, 13f)

Lieber Herr Pfarrer und liebe Mitbrüder im Priesterdienst,
sehr geehrte Vertreter des Rates und der Verwaltung der Stadt,
liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Das jährliche Fest der Gründung dieser Pfarrei und ihrer Kirche mit dem Patronat Maria Himmelfahrt gleicht einem Erntefest, bei dem man die Großzügigkeit Gottes in seinen Gaben feierlich anerkennt und ihm für sie dankt. Die heutige Zelebration der Vesper aber geht darüber hinaus. Der Grund für den Dank ist die Gabe des Glaubens und der Gliedschaft in der Kirche Christi. Unsere Ernte ist aber nur teilweise sichtbar: die Schlosskirche und das Wirken der drei heute vereinigten Pfarreien.
   
Die Lesung, die aus zwei Versen des Zweiten Thessalonicherbriefes besteht, passt recht gut zu unserem Fest, weil wir Gott auch für seine geistlichen Gaben danken. Vor fast 200 Jahren hat Papst Leo XII. nach der Konversion von Herzog Friedrich Ferdinand zu Anhalt und seiner Gemahlin Herzogin Julie durch ein Breve vom 17. Mai 1826 diese Pfarrei errichten lassen und sie zunächst der Apostolischen Nuntiatur in München und 1868 dem Bischof von Paderborn unterstellt. Als heutiger Apostolischer Nuntius in Deutschland bin ich auch aufgrund dieser Vorgeschichte froh, an diesem Dankfest teilzunehmen und Ihnen auf diese Weise die Anteilnahme des Heiligen Vaters am Leben Ihrer Gemeinde zu bekunden.
   
Die Gabe des Glaubens bedeutet aber auch eine Verantwortung, die ja in der Diaspora noch dadurch erhöht ist, dass die katholische Gemeinde eine Minderheit darstellt und der Einzelne nicht selten der Gefahr der Vereinsamung ausgesetzt ist. In dieser Situation kann ihm das Bewusstsein der Zugehörigkeit nicht nur zur katholischen Kirche vor Ort, sondern zugleich auch zur Gesamtkirche mit deutlich mehr als einer Milliarde Mitgliedern eine Hilfe sein. So kann er leichter den Auftrag erfüllen, sich in Treue in der Pfarrgemeinde einzusetzen und mit den Schwestern und Brüdern anderer Konfessionen brüderlich zu teilen, was ihn mit den anderen verbindet.
   
Herzog Friedrich Ferdinand und seine Gemahlin haben in ihrer Zeit gerade das gemacht; und nach Gott sind wir heute ihnen für ihre Treue dankbar. Diese Treue führte zur Gründung der Pfarrei und zum Bau der Kirche.
   
Historisch ist der Anfang der hiesigen Kirche auf sie zurückzuführen, doch letztlich danken wir Gott für seine Gnade. Was dieser Anfang für Köthen und Anhalt bedeutet, wissen teilweise die Historiker, die sich mit dem Herzogtum beschäftigen, und zum anderen die Soziologen, die das Wiederaufleben des katholischen Glaubens mit seinen Folgen bis in die Gegenwart untersuchen. Wir aber als Glaubende wissen auch, dass letztendlich Gott hinter allem steht.
   
So feiern Sie jedes Jahr die Gründung der katholischen Gemeinde, so dass die nachwachsenden Generationen wissen, woher sie kommen. Hatte Gott nicht dieselbe Art und Weise der Erinnerung für das Erwählte Volk Israel festgelegt, als er das Paschafest als Fest des Gedenkens an die Befreiung aus Ägypten bestimmte? Im Buch Exodus heißt es: „Wenn euch eure Söhne fragen: Was bedeutet diese Feier?, dann sagt: Es ist das Pascha-Opfer zur Ehre des Herrn, der in Ägypten an den Häusern der Israeliten vorüberging, als er die Ägypter mit Unheil schlug, unsere Häuser aber verschonte“ (Ex 12, 26f).
   
Es lohnt sich, Gründungsereignisse einer Gemeinde regelmäßig zu feiern, damit den Menschen ihre Wurzeln bewusst bleiben.
   
Eines möchte ich Ihnen aus meiner Verantwortung als Vertreter des Papstes in Deutschland noch ans Herz legen. Im Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über Dienst und Leben der Priester in den Pfarreien heißt es: „In Predigten, Katechesen und Zeitschriften müssen eindrücklich die Erfordernisse der Orts- und Gesamtkirche dargelegt  … werden“ (Presbyterorum ordinis 11, 2). Das Gesetzbuch der Kirche geht über diese Mahnung hinaus, wenn es über die Seelsorge in der Pfarrei sagt: „Der Pfarrer bemüht sich auch ..., dass die Gläubigen für die pfarrliche Gemeinschaft Sorge tragen, sich in gleicher Weise als Glieder der Diözese wie der Gesamtkirche fühlen und an Werken zur Förderung dieser Gemeinschaft teilhaben oder sie mittragen“ (CIC can. 529 § 2).
   
Das Bewusstsein, zum Bistum und zur Gesamtkirche zu gehören, weil die Pfarrei eine Zelle des Bistums ist, ist - Dank sei Gott! - das beste Gegenmittel gegen den sogenannten „esprit de clocher“ – auf Deutsch „Kirchturmpolitik“ im Sinne von Lokalpatriotismus -, der alles nur aus der Perspektive der eigenen Gemeinde betrachtet, und ihrer eigenen Geschichte. Ihre Kirche hat keinen Glockenturm, sondern nutzt nur Stahlstabgeläut. Seien Sie beruhigt: Ich werde seinen Gebrauch nicht verbieten, wie einst mein Vorgänger aus der Münchener Nuntiatur.
   
Genau umgekehrt, das Fehlen eines Glockenturmes soll Sie anspornen, immer mehr in Treue zur Universalkirche zu stehen.
   
Dank sei Gott für seine Gaben!
Amen!