Predigten
Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt in der Schloss- und Pfarrkirche St. Maria Himmelfahrt
(Köthen, 25. Oktober 2009 um 10.00 Uhr)
„Hört, ihr Völker, das Wort des Herrn, verkündet es auf den fernsten Inseln und sagt: Er, der Israel zerstreut hat, wird es auch sammeln und hüten wie ein Hirt seine Herde“ (Jer 31, 10)
Lieber Bruder im Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!
Ich habe diesen gerade verlesenen Vers, der beim Propheten Jeremia dem Text der Ersten Lesung unmittelbar folgt, nicht nur hinzugefügt, weil er dem Volk Israel verspricht, dass sein Heil bald kommen wird, sondern auch, weil er einen kräftigen Impuls für den heutigen Weltmissionssonntag darstellt. Was Gott für sein Bundesvolk Israel tut, das gilt auch als Grundmission desselben Volkes in der Welt: die Existenz und Herrschaft Gottes bekannt zu machen, auf dass alle Völker zum Heil gelangen. Wir wissen, dass diese Sendung durch die Menschwerdung Christi und die Sendung der Apostel in die ganze Welt Wirklichkeit geworden ist und heutzutage in der Kirche und durch sie noch im Gange ist.
Als Glieder der Kirche, des Gottesvolkes des Neuen Bundes, haben wir Anteil an dieser Sendung, die Herrschaft Gottes, seine Güte und seine Heilsgnade allen Menschen bekannt zu machen. Was wir von Gott empfangen haben, dürfen wir nicht für uns allein behalten, sondern müssen es an alle Menschen austeilen.
Betrachten wir also, was eine solche Teilnahme an der Sendung der Kirche von unserer Seite verlangt, wie wir sie ausüben können, und schließlich, welches Ergebnis sie für uns und für die Welt hat.
1. In der zu Beginn der Messfeier schon erwähnten Botschaft zum heutigen Missionssonntags schreibt der Heilige Vater: „Ziel der Mission der Kirche ist es in der Tat, alle Völker auf ihrem Weg zu Gott durch die Geschichte mit den Licht des Evangeliums zu erleuchten“ (Präambel).
Als Christen sind wir Licht der Welt geworden (vgl. Mt 5, 14), sofern wir Christus nachahmen, der sagte. „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgen will, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8, 12). Unser Christsein, das wir in der Taufe empfangen haben, lässt uns also an der „Lichtmission“ Christi teilhaben. Wir sind aus unserem Wesen heraus Missionare. Es ist wie mit Petrus und Johannes, die nach der Heilung des Gelähmten im Namen Jesu, des Auferstandenen, zu den Ältesten und den Mitgliedern des Hohen Rates sagen: „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4, 20). Der Glaube, den wir in der Taufe empfangen haben, soll in unserem Leben wahrgenommen werden. Das Licht soll nicht unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter gestellt werden, damit die Menschen „eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5, 15f), wie es in der Bergpredigt heißt. Wichtig ist, dass das Licht angezündet wird und angezündet bleibt. Das ist ein Bild für unseren Glauben.
2. Da wir durch den Glauben Licht für die Welt sind, stellt sich uns die Frage, wie wir unseren Glauben so bezeugen können, dass andere durch uns zu Gott geführt werden. Das geschieht durch unsere Hingabe an Gott, wie wir leicht aus den Gleichnissen von der Öllampe und der Kerze erkennen können. Indem sie Licht ausstrahlen, werden beide in ihrer Substanz verbraucht: Die Kerze wird kleiner, und das Öl im Gefäß nimmt ab. Unsere missionarische Verantwortung braucht unsere Hingabe an Gott - im Gebet - und an die Menschen, indem wir die Missionswerke unterstützen oder, wenn uns Gott dazu beruft, durch unseren persönlichen Einsatz als Laienmissionar oder in einer Gemeinschaft des geweihten Lebens. Niemand sollte sich als von der missionarischen Verantwortung dispensiert betrachten; das Gebet ist jedem möglich. Und wir sollten den Missionswerken, die trotz der Finanzkrise weiterhin ihre Aufgaben erfüllen, im Rahmen unserer Möglichkeiten helfen, dass ihnen die Mittel für ihren Dienst zur Verfügung stehen. Das Endergebnis einer solchen Großzügigkeit – unserer Hingabe an Gott und die Menschen – ist anders als bei der Öllampe und der Kerze: Je mehr ich durch Gebet und Opfer Licht der Welt bin, umso mehr empfange ich Gottes Gnade. Gott ist eben der, der immer mehr das Öl seiner Gnade in mein Gefäß füllt.
3. Licht der Welt zu sein, zeitigt zwei Ergebnisse: für das Licht selber und für die durch das Licht erleuchteten Menschen. Ein lebendiger Glaube lässt einen Menschen Christus ähnlicher werden, so dass er mit Paulus sagen kann: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2, 20). In der Zweiten Lesung sind wir daran erinnert worden, wie Christus sich durch seine Erniedrigung in der Menschwerdung uns gleich gemacht hat, so dass wir an seiner Gottheit teilhaben können.
Licht der Welt: das bedeutet aber hauptsächlich die Wirkung des Glaubens in der Gesellschaft. Es geht ja um die Verkündigung des Evangeliums bei allen Völkern - um die Mission der Kirche im strengen Sinn -, aber nicht nur darum, denn der Glaube wird durch unsere Taten lebendig, so dass unsere Treue zu Christus Zeugnis seiner Erlösungstat wird. Sie kennen vielleicht die Feststellung der Heiden in der Zeit des Frühchristentums, die über die Menschen in den christlichen Gemeinden sagten: „Seht, wie sie einander lieben.“
Das Wunder der Heilung des blinden Bartimäus, von dem das heutige Evangelium spricht, hat eine ähnliche Bedeutung. Er hatte gehört, dass Jesus aus Nazaret vorbeikam, und wusste, dass er schon viele Kranke geheilt hatte: Allen Versuchen zum Trotz, ihn zum Schweigen zu bringen, rief er zu Jesus: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir.“ Und Jesus ließ ihn zu sich kommen und ihn sein Anliegen formulieren: „Ich möchte wieder sehen können“, und heilte ihn (vgl. Mk 10, 46-52).
Das Wunder der Blindenheilung in Jericho lässt uns die Rolle des Glaubens in der Sendung der Kirche besser verstehen. „Dein Glaube hat dir geholfen“ (Mk 10, 52), sagte Jesus zum Blinden. Dieser Glaube war ihm durch andere gebracht worden, die ihm von dem Wundertäter aus Nazaret berichtet hatten. Der Glaube wirkt „von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (2 Kor 3, 18), weil er in uns das Licht Christi leuchten lässt.
Wenn wir unsere Betrachtung zusammenfassen, können wir sagen, sie soll uns zu einer vertieften Teilnahme am Leben der Kirche ermutigen und zu einem erneuerten Einsatz für sie. Schon unsere eigene Umgebung steht christlichen Werten nicht selten mehr oder weniger fremd gegenüber. Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass Papst Johannes Paul II. über den Text der geplanten Verfassung für Europa – an ihre Stelle ist heute der Lissabon-Vertrag getreten -, empört war, weil in ihrer Präambel die christlichen Werte nicht ausdrücklich als Grundelemente der europäischen Identität erwähnt waren. Die heutige Gesellschaft vergisst leider immer mehr ihre christlichen Wurzeln und ihre Geschichte. Es ist deshalb unsere Pflicht, unser Christsein so zu leben, dass das in uns wirkende Licht sie sichtbar macht. Man kann natürlich die Augen schließen, um die Lampe, die das Licht bringt, nicht zu sehen und von ihr nichts Gutes entgegenzunehmen. Das, was Gott von uns erwartet, ist, dass wir in dem Glauben leuchten, den er uns geschenkt hat. „Missionarisch sein“ bedeutet also hier und heute, bei uns zu Hause wie in der ganzen Welt die Frohbotschaft Christi zu verbreiten.
Wenn wir das tun, werden wir damit positiv auf den Wunsch des Papstes antworten, der uns als Hirte der Universalkirche im Glauben bestärkt. „Die Kirche strebt danach“, schreibt er in der Botschaft zum heutigen Weltmissionssonntag, „die Welt durch die Verkündigung des Evangeliums der Liebe zu verwandeln, die ‚eine dunkle Welt immer mehr erhellt und uns den Mut zum Leben und zum Handeln gibt … und damit das Licht Gottes in die Welt einzulassen‘“ (Nr. 2).
Mögen also alle Völker in und durch uns Christen dieses Licht empfangen und mit uns an der Güte Gottes teilhaben, wie es der Prophet Jeremia verheißen hat.
Amen!






