Predigten
Eucharistiefeier
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Rahmen des Internationalen Symposions
zum Jubiläum „160 Jahre Bonifatiuswerk“
(Katholischen Akademie Schwerte, 28. September 2009)
Einführung:
Liebe Brüder und Schwestern!
Wenn Christus, unsere Wahrheit und unser Leben, sich in der Eucharistiefeier uns schenkt, lässt er uns zugleich ihm ähnlich werden – als Glieder seines mystischen Leibes, der Kirche. Der Glaube führt uns zu ihm und ist, wie Kardinal Newman sagte, „ein Risiko, das durch das Licht verdient wird“. Deswegen hat uns Jesus gesagt: „Ihr seid das Salz der Erde. … Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt 5, 13f). Das Motto unseres Symposions besagt das Gleiche, und als Mitarbeiter des Bonifatiuswerks und Empfänger seiner Zuwendungen möchten wir immer tiefer aus dem Glauben leben, damit das Erlösungswerk Christi breiter aufleuchtet.
Predigt:
„Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch“ (Sach 8, 23)
Liebe Mitbrüder im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt,
liebe Mitarbeiter des Bonfatiuswerks,
liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Die Feststellung der Völker, dass Gott mit dem Erwählten Volk Israel ist, von der wir in der Lesung aus dem Propheten Sacharja gehört haben, war für Israel ein gern angenommenes Zeugnis dafür, dass es Gott treu war, dass es seine Sendung dem Willen Gottes gemäß gut verwirklichte: den wahren Gott, den Schöpfer der Welt und den Erlöser aller Völker, vor allen Völkern zu bezeugen und sie alle zu ihm zu führen.
Ist das nicht auch die Sendung des neuen Israel, der Kirche, die – wie wir schon im Römerbrief des Apostels Paulus unter Bezugnahme auf die Propheten Hosea und Jesaja lesen können - als Volk Gottes bezeichnet wird? Ist es nicht deshalb auch die Sendung der Kirche, der Welt die Kunde von Gott zu bringen und ihn allen Völkern zu verkünden? Hat Jesus seinen Aposteln nicht diese Sendung anvertraut, als er vor seiner Himmelfahrt zu ihnen sagte: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ (Mt 28, 19)?
Deshalb sehe ich auch in der Existenz und der Tätigkeit des Bonifatiuswerks eine direkte und angepasste Antwort der Kirche auf den Auftrag des auferstandenen Herrn und eine zeitgemäße Mitwirkung an der Verwirklichung der Prophezeiung des Sacharja. Lassen wir uns also durch den Propheten führen und im Lichte seines Wortes das Bonifatiuswerk, das 1849 zur Unterstützung unserer katholischen Brüder und Schwestern in der deutschen Diaspora gegründet wurde und dessen Aktivitäten 1974 auf Skandinavien und 1995 auch auf Lettland und Estland ausgedehnt wurde, in dem nunmehr schon seit 160 Jahren währenden Einsatz bedenken. So ist die Mission des Bonifatiuswerks nicht nur eine unserer Zeit angepasste Verlängerung der Missionstätigkeit des heiligen Bonifatius im 8. Jahrhundert, sondern eine konkrete Verwirklichung der Sendung der Kirche als Volk Gottes, die ihre Wurzeln im Ruf Gottes an Abraham hat und dann durch alle Propheten bis zur Menschwerdung Christi das Selbstverständnis Israels geprägt hat.
1. Erinnern wir uns an die Ansprache von Papst Johannes Paul II. auf dem Domplatz in Fulda am 18. November 1980. Dort sagte er: „Mit Bonifatius begann gewissermaßen die Geschichte des Christentums in Eurem Land. … Diese Geschichte soll jetzt neu beginnen, und zwar durch Euch, durch Euer im Geiste des heiligen Bonifatius geformtes Zeugnis.“ Ein solcher Aufruf gilt natürlich zunächst allen dort Versammelten und darüber hinaus den deutschen Katholiken insgesamt, er scheint mir aber einen besonderen Bezug zu Ihnen zu haben, den Mitgliedern des Bonifatiuswerks, und zu all seinen Förderern, – heute wie gestern, morgen wie heute. Die Kirche ist ja Tradition, Überlieferung, Geschichte; und was ein Bonifatius, was unsere Vorfahren in der Vergangenheit getan haben, das wollen wir heute tun und den Menschen der nachwachsenden Generation den Glauben weitergeben, auch wenn sie oft in der Situation der Diaspora leben. Die Völker, die Bonifatius missionierte, waren nicht ohne Religion, sondern verehrten Götzen, deren Verehrung auf ihre eigene Sippe begrenzt war. Wie war es möglich, sie für den Gott aller Völker zu gewinnen und ihre Interessen über ihre eigenen Grenzen hinaus auszuweiten? Bonifatius sah Mittel und Wege, die dafür geeignet schienen: Das erste war die Gründung eines Klosters in Amöneburg im Jahre 721. Das zweite: Er wollte, dass der Papst selbst ihm den Auftrag für seine Missionstätigkeit erteilte. Das Klosterleben hatte Anknüpfungspunkte bei den Sitten der Germanenstämme in einer Art von Familienleben. Als er im Jahre 723 als Bischof mit dem päpstlichen Missionsauftrag von Rom zurückkam, gab er den Ortsgemeinden der Germanen eine wahre katholische Weite.
Im Werk des heiligen Bonifatius können wir also für alle Zeiten gültige Richtlinien für das Bonifatiuswerk erkennen. Das wird etwa deutlich in der Berücksichtigung der vor Ort vorgefundenen Kulturen und Traditionen –in der Unterstützung der Ortsgemeinden durch den Bau von Kirchen, in der Beschaffung von Hilfsmittel für die Bischöfe, die Priester und die Pastoralreferenten bei der Verbreitung der Lehre der Kirche - und in vielem anderen mehr. Und das alles ist Ausdruck und Zeugnis unseres katholischen Glaubens und der Mitsorge von Menschen, die Mitglieder der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche sind.
2. Im Propheten Sacharja erscheint der Wunsch der Völker, nach Jerusalem zu gehen und sich mit dem erwählten Volk zu verbinden, als Erfolg des Verhaltens Israels unter den Völkern. Das war nicht das Ergebnis einer einzelnen Tat oder eines beeindruckenden Wunders, sondern die Frucht einer beharrlichen Treue, zu der Sacharja das Volk Israel einlädt. Unsere Lesung ist der letzte Text über den neuen Anfang des Volkes Israel im eigenen Land nach seiner Rückkehr nach der Babylonischen Gefangenschaft. Der ursprüngliche Glaube an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs braucht Ansporn und Unterstützung; die Schwierigkeiten, die sich in der wiedererlangten Freiheit im Hinblick auf das soziale Miteinander und auf die Notwendigkeit, neue Strukturen zu schaffen, ergeben haben, haben vielleicht dazu geführt, dass die Amtsträger – die Führer des Volkes und die Priester – den Mut verloren haben. Im Namen Gottes steht nun der Prophet hoch über solchen Hindernissen und lässt vor dem Volk eine strahlende Zukunft aufleuchten. Die Grundsendung des Volkes, die Grundsendung Abrahams hat eine Zukunft, Israel steht in Treue zu seinen Vorfahren.
Diese Erfahrung Israels ist für uns heute eine Einladung, den Quellgrund des Bonifatiuswerks immer vor Augen zu haben. Die Zeiten sind sicher anders, nach der Wende gibt es neue Verpflichtungen, in der heutigen Welt der Globalisierung öffnen sich neue Erfordernisse, auf die wir eine Antwort geben müssen:
z. B. auf die wachsende Bedeutung der katholischen Gemeinden in den skandinavischen Ländern, besonders wegen der zunehmenden Zahl von Immigranten aus katholischen Ländern,
und auf die Bedürfnisse unserer orthodoxen Brüder, die in der gleichen Lage sind,
schließlich auf die Notwendigkeit, den Glauben in der Gesellschaft mit Hilfe der neuen Kommunikationstechnologien zu verbreiten
und in diesem Zusammenhang auf die Notwendigkeit, geeignete Katecheten für den Umgang mit diesen Mitteln heranzubilden.
Im Hohenlied der Liebe des Ersten Korintherbriefes macht der Apostel Paulus deutlich, dass die Liebe schöpferisch und erfinderisch ist (vgl. 1 Kor 13). Wenn wir auf die Programme und Wirksamkeiten des Bonifatiuswerks schauen, erkennen wir, dass es in der Erfüllung seiner Aufgaben von einer Liebe erfüllt ist, die von Gott her kommt. So zeigt sich, dass sich dank seines vielfältigen Einsatzes immer neue Menschen den Diasporagemeinden anschließen, weil sie erkannt haben, dass Gott dort ist.
3. Ein Drittes sollte ich noch erwähnen als Zeugnis für die Sendung der Kirche in der Diaspora. Das Motto der diesjährigen Diaspora-Aktion, die am 2. November in Görlitz eröffnet wird, lautet: „Der Einzelne zählt – egal wo“. Ein solches Motto ist wirklich katholisch, weil das Heil Gottes in Christus zu allen Völkern gekommen ist. „egal wo“: Den Brüdern Jakobus und Johannes, denen er den Beinamen „Donnersöhne“ gab (vgl. Mk 3, 17), machte Jesus Vorhaltungen, als sie die Bewohner eines samaritischen Dorfes mit Feuer vom Himmel vernichten wollten, weil diese nicht bereit waren, Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem eine Unterkunft zu geben. Er machte mehrfach deutlich, dass das Entscheidende nicht die Volkszugehörigkeit ist, sondern die Bereitschaft, sich im Glauben seiner Botschaft zu öffnen. „Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19, 10).
Ein zweites Merkmal von „egal wo“ oder „gleich wer“ sehe ich im Zusammenleben der Menschen in Europa. Wie Sie vielleicht wissen, hat die Europäische Union die Person in das Zentrum ihrer Arbeit gestellt. In seinem Wirken hat das Bonifatiuswerk die gleiche Zielsetzung, doch geht seine noch das hinaus, was die Politik will: Uns geht es um die Erlösung und Heiligung jeder Person ohne irgendeine Diskriminierung, weil die Jünger Christi aus allen Völkern berufen werden.
Zusammenfassend können wir sagen: Wir freuen uns, dass wir mit dem Bonifatiuswerk arbeiten dürfen, sei es, dass wir von ihm Hilfe erbitten und empfangen, sei es, dass wir es aktiv unterstützen, so dass es erfolgreich weiterarbeiten kann. Wir danken denen, die vor 160 Jahren so klug und weitsichtig ihre christliche Verantwortung für die Diasporagemeinden gesehen und konkret wahrgenommen haben, wie auch ihren Nachfolgern, die die von ihnen betreuten Aufgabengebiete – geographisch und sozial – ausweiteten.
Ja, wie Christus, der gekommen ist, die Menschen zu retten - „egal wo“, „egal wen“ -, so will das Bonifatiuswerk seiner christlichen Verantwortung für die Rettung unserer Mitchristen in der Diaspora gerecht werden. Der Prophet Sacharja ist uns dabei ein Ansporn, auf dass die Zukunft hell leuchtend wird, wenn wir heute in Treue tun, was unser Glaube von uns verlangt, weil Gott mit uns ist.
Amen!






