Predigten

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Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
zum „Tag des Gnadenbildes“

(Klosterkirche der Abtei Marienstatt, 15. September 2009)




Einführung:

Hochwürdigster Herr Abt Andreas!

Für Ihre Einladung, am diesjährigen Fest der Sieben Schmerzen Mariens hier in der Wallfahrtskirche in Marienstatt das Pontifikalamt zu feiern, die Sie schon vor einem Jahr mündlich ausgesprochen und im letzten Februar schriftlich erneuert haben, bedanke ich mich herzlich. Vor einem Jahr war ich hier im Rahmen meines Bistumsbesuchs in der Kreuzwoche kurz zu Besuch; heute darf ich anlässlich des Festes der Schmerzen Mariens etwas länger bei Ihnen und Ihrer Klostergemeinschaft sowie den hiesigen Pilgern verweilen.

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Abteikirche Marienstatt im Nistertal ist ein Ort, an dem Sie Stille finden für das persönliche Gebet und Ermutigung in Ihren menschlichen Sorgen. Maria, voll Erbarmen, die Trösterin der Betrübten, ist unsere Fürsprecherin bei ihrem Sohn, unserem Erlöser. Unter ihrem Schutz wollen wir uns besinnen und als „arme Sünder“ das Erbarmen Gottes auf uns herabrufen, indem wir das Schuldbekenntnis sprechen.


Predigt:

Sehr geehrter, lieber Abt Andreas,
liebe Brüder aus dem Orden der Zisterzienser,
liebe Brüder und Schwestern!

„Obwohl er Sohn war, hat Christus durch Leiden den Gehorsam gelernt und ist allen, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden“ (Hebr 5, 7f).

Dieser Satz der Lesung aus dem Hebräerbrief gibt uns den Schlüssel zu unserer heutigen Wallfahrt. In Christus finden wir Heil, weil er durch seinen Gehorsam bis zum Tod am Kreuz unsere Erlösung bewirkt hat. Um die Sünde der Menschheit zu sühnen, war das Opfer seiner selbst der Weg der Versöhnung zwischen Mensch und Gott, wie der heilige Apostel Paulus in seinem Römerbrief schreibt: „Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht“ (Röm 5, 19).

In diesem dramatischen Austausch von Sünde und Heiligkeit, von Tod und Leben nimmt Maria aus Nazaret einen unersetzlichen Platz ein. Sie hat die Menschwerdung des Gottessohnes durch ihr „Fiat“ - ihr Ja zu der Ankündigung des Engels, sie solle Mutter des Messias werden - ermöglicht und so in ihrem Sohn Jesus den Priester, das Opfer und den Altar für unsere Erlösung geboren (vgl. Benedikt XVI., Nachsynodales Schreiben Sacramentum Caritatis 23).

Deshalb können wir mit Maria das Geheimnis unserer Erlösung im Opfer Christi am Kreuz besser verstehen und mit größerer Anbetung betrachten. Wenn wir sie auf dem Weg der Sieben Schmerzen begleiten, werden wir unsere eigenen Schmerzen, Leiden und Sorgen mit dem Leiden Christi verbinden, damit wir von Christus her Kraft und innere Ruhe erlangen, unser eigenes Kreuz zu tragen.

1. Seit meiner Kindheit weiß ich um die Sieben Schmerzen Mariens und ihre Verehrung, weil mein Pfarrer eine besondere Verehrung für sie hatte. Im Ferienort der Pfarrgemeinde für die Kinder, wo ich jeden Sommer drei oder sechs Wochen verbringen konnte, hatte er in einem Wäldchen in der Nähe die sieben Stationen der Schmerzen errichten lassen; und es war üblich, dass alle, die da waren, einmal in der Woche eine Andacht über die Sieben Schmerzen hielten. In der Hauskapelle wurden auf dem Altar sieben Tafeln der Schmerzen aufgestellt, die von einem begabten Künstler gemalt waren und mir heute noch vor Augen stehen. Zwei Stationen sind in den Evangelien erwähnt: die Darstellung Jesu im Tempel in Jerusalem, bei der der greise Simeon zu Maria über Jesus sagt: „Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen“ (Lk 2, 34f). Die andere Stelle betrifft die Szene unter dem Kreuz, bei der Jesus mit Bezug auf Johannes, den Jünger, den er liebte,  zu Maria sagt: „Frau, siehe, dein Sohn“ (vgl. Joh 19, 26). Die anderen fünf Schmerzen entfalten das Mitleiden Marias mit ihrem Sohne, ihre Mitwirkung an unserer Erlösung als Mutter des Erlösers. Die Sequenz der heutigen Liturgie, das „Stabat Mater“ – sie stammt wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert – entwickelt vorzüglich, was dieses Mitleid für Maria und für uns bedeutet. Auch wir sind aufgerufen, mit Maria am Leiden Christi teilzuhaben, damit wir so von dem, was uns belastet, genesen: „Alle Wunden, ihm geschlagen, Schmach und Kreuz mit ihm zu tragen, das sei fortan mein Gewinn.“

2. Folgen wir also Maria auf ihrem Kreuzweg, der schon am vierzigsten Tag nach der Geburt Jesu bei der Darstellung im Tempel begonnen hat. Welch ein Schmerz für eine Mutter, zu wissen, dass ihr Sohn Widerspruch erfahren wird und dass durch ihn viele in Israel zu Fall kommen werden (vgl. Lk 2, 34)! Was wird mit diesem Sohn werden, der vom Engel Gabriel der „Sohn des Höchsten“ genannt und dem der Thron seines Vaters David verheißen wird? Die Worte, die ihr beide von oben her gesagt werden, scheinen einander zu widersprechen. Wie soll Maria als Glaubende und treu zu ihrem Glauben Stehende damit umgehen, da sie doch ihr „Fiat“ weiter verwirklichen will? So ist es auch mit uns, wenn wir unsere Schwierigkeiten - welcher Art auch immer - nicht verstehen und keine Besserung absehen können.

3. Das wurde für Maria schon bald klar, als sie nach dem Besuch der Weisen (vgl. Mt 2, 1-11) nach Ägypten fliehen musste, um das Leben des Kindes zu retten (vgl. Mt 2, 13 15). Die Warnung wurde Josef durch einen Engel gegeben, aber Josef musste alles selbst in die Wege leiten. Nie war der Spruch „Hilf dir selbst, dann wird der Himmel dir helfen“ mehr wahr als hier.

4. Als Jesus zwölf Jahre alt ist, sehen wir, wie Maria und Josef, die mit ihm zum Paschafest in Jerusalem sind, ihn am Ende des Festes nicht finden und suchen, allein drei Tage in Jerusalem. Die Eltern unter Ihnen können sich vorstellen, welche Gedanken Maria und auch Josef dabei bewegen. Die Antwort Jesu auf die betroffene Frage Marias hat ihren Glauben sicher gestärkt: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört“ (Lk 2, 49)? Sie verstehen sein Wort nicht (vgl. Lk 2, 50), aber „seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen“ (Lk 2, 51). Ist es nicht auch bei uns so, wenn wir keine Antwort in unseren Sorgen und Leiden bekommen? Damit wir aber im Glauben beharrlich bleiben, brauchen wir wie Maria Demut und Zeit des stillen Bedenkens.

5. Schließlich treffen wir Maria auf dem Weg nach Golgota. Die Ereignisse haben sich nach dem Letzten Abendmahl überstürzt. Ihr Sohn Jesus ist im Ölgarten verhaftet und von den Hohepriestern und dem Hohen Rat wegen Gotteslästerung des Todes schuldig befunden worden (vgl. Mt 26, 36-66). Jetzt ist Jesus auf dem Weg zur Kreuzigung, ihr Sohn, der Sohn des Höchsten. Jetzt durchdringt wie noch nie ein Schwert ihre Seele. Was für ein Widerspruch, dass der Sohn Gottes wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt wird! Sicher haben die vier Schmerzen des Todes Christi sie dazu geführt, das „Fiat“ ihres Glaubens noch hochherziger zu sprechen.

Und wir selber bitten Gott auf dem Kreuzweg unseres Lebens, uns die nötige Kraft zu geben. Jesus hat uns, seine Jünger, gemahnt: „ Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mk 8, 34). Ohne ständiges Gebet und Gottes Hilfe wäre uns das nicht möglich. Deshalb sagt uns Jesus auch: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. … Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht“ (Mt 11, 28.30).

6. „Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala“ (Joh 19, 25). Der Beistand von Verwandten und Freunden ist bei schmerzlichen Ereignissen sicher eine Hilfe, aber das ändert nicht viel an den Schmerzen. Als Jesus den Jünger Maria als Sohn anvertraut, ist ihr das Schwert noch tiefer in die Seele gedrungen, wie der heilige Bernhard von Clairvaux uns sagt. Er hatte eine tiefe Marienfrömmigkeit und konnte deshalb die Gefühle Marias unter dem Kreuz miterleiden. Das gilt auch für uns, wenn wir die Schmerzen Marias mit tiefem Glauben und Liebe betrachten.

7. Die Evangelien erwähnen zwar nicht, dass der Leichnam Jesu vom Kreuz abgenommen und in den Schoß Marias gelegt wird, doch ist die Darstellung Marias mit dem Leichnam Jesu auf ihrem Schoß - gemeinhin als Pietà bezeichnet – vortrefflich geeignet, zum Ausdruck zu bringen, was der Tod des Sohnes des Höchsten für seine Mutter bedeutet, die ihm das menschliche Leben gegeben hat. In diesem Augenblick betrachten wir Maria als Mutter der Kirche: „Ach für seiner Brüder Schulden sah sie ihn die Marter dulden, Geißeln, Dornen, Spott und Hohn.“

8. Am Grab wird Maria nicht mehr erwähnt; doch wie könnte sie abwesend sein, wenn die Frauen, die mit ihr unter dem Kreuz gestanden haben,  mit Josef von Arimathäa und Nikodemus den Leichnam für das Begräbnis vorbereiten (vgl. Joh 19, 38-42). Auch hier kann sie die Ereignisse in ihrem Herzen bewahren, mit dem Glauben an die Worte, die ihr Sohn vor dem Zug nach Jerusalem den Jüngern sagte: „Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert werden, und sie werden ihn töten, aber am dritten Tag wird er auferstehen“ (Mt 17, 22f; vgl. auch Mt 20, 17-19).

Auch wir wissen im Glauben, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Dazu sagt uns der heilige Paulus in seinem Ersten Brief an die Thessalonicher: „Wenn Jesus – und das ist unser Glaube – gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“ (1 Thess 4, 14). Es lohnt sich also, dass wir trotz aller Leiden und Widrigkeiten bis zum Ende ausharren im Glauben an Jesus Christus, unseren Erlöser, damit wir gerettet werden (vgl. Mk 13, 13; Mt 10, 22; 24, 13).

So werden wir im Schlussgebet zu Gott beten: „Gib, dass wir im Gedenken an die Schmerzen der seligen Jungfrau Maria bereit sind, die Bedrängnisse unseres Lebens zu ertragen und so zu ergänzen, was noch fehlt an den Leiden Christi für seinen Leib, der die Kirche ist“ (15. September).

Möge Maria, die Mutter Gottes und Mutter der Kirche, uns von Gott diese Gnade erlangen!