Predigten

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail



Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
zum Abschluss des Kongresses „Freude am Glauben“

(Stiftsbasilika St. Peter und Alexander zu Aschaffenburg, 13. September 2009)




Einführung:

Liebe Brüder und Schwestern!

Christus ist es, der uns hier heute versammelt, Christus, den wir mit Petrus als unseren Messias, als den Sohn Gottes und unseren Erlöser verkünden. Freude am Glauben bedeutet, dass wir uns nicht nur in Worten zu ihm bekennen, sondern auch nach seinem Beispiel und seiner Lehre leben, dass wir also tun, was er von uns erwartet, ohne uns hinter dem Vorwand unserer Schwachheit zu verbergen. Wir möchten, dass wir uns immer mehr bewusst werden, was es bedeutet, Christ zu sein.

Im Wissen um unsere Unvollkommenheit und Schuld wollen wir uns besinnen, Gottes Erbarmen auf uns herabrufen und ihn bitten, dass er uns in dieser Feier seine Freude in Fülle schenke.   


Predigt:

„Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet“ (Jes50, 5).

Liebe Brüder und Schwestern!

Ja! Im Glauben hat uns Gott das Ohr geöffnet; er selber macht uns fähig, sein Wort zu hören, es anzunehmen und zu verwirklichen. Wenn Gott, der Schöpfer der Welt und die Quelle unseres Lebens, zu uns spricht, befähigt er uns, ihn nicht nur zu erkennen, sondern uns auch entsprechend seinem Willen zu verhalten und nach seiner Lehre zu handeln. Was für eine Gnade ist es, dass wir Gott kennen! Wie freute sich das Auserwählte Volk, dass Gott es nach der Befreiung aus Ägypten auf dem Weg in das Land der Verheißung begleitete. Uns aber, die wir heute leben, ist viel Größeres geschenkt: Vom Sohn, der zu unserer Erlösung Mensch geworden ist, heißt es im Johannesevangelium: „Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1, 11).

Wenn schon das Auserwählte Volk der Israeliten sich freuen konnte, wie viel mehr wir, die wir uns der Gegenwart des menschgewordenen Gottessohnes in unserer Mitte freuen dürfen! Mose sagte am Ende der vierzigjährigen Wüstenwanderung zum Volk: „Hat je ein Volk einen Gott mitten aus dem Feuer im Donner sprechen hören, wie du ihn gehört hast, und ist am Leben geblieben“ (Dtn 4, 33)? Wir freuen uns heute im Glauben an Christus, wir freuen uns, dass wir Anteil an seinem Leben haben.

1. „Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebr 11, 1), heißt es im Hebräerbrief als Hinführung zu einer Reihe von Zeugen Gottes oder Glaubenden aus der Heiligen Schrift als Vorbildern für unseren Glauben. Bei allen fängt es mit einem Anruf Gottes an, wie z. B. bei Abraham und Mose.

Das Gleiche ist bei uns ist am Tag unserer Taufe geschehen. In der Einführung zur Feier der Taufe hat uns der Priester gefragt: „Was erbittest du von der Kirche Gottes?“ Und unsere Paten und Eltern haben in unserem Namen geantwortet: „Den Glauben.“ Also ist unser Leben als Christen durch den Glauben gekennzeichnet, so dass wir vom festen Vertrauen auf das Erhoffte leben. Wir zählen auf Gottes Hilfe, Gottes Gnade, Gottes Leitung.

Damit sind wir an Gott gebunden - und berufen, Gott ähnlich zu werden. Christus erwartet von uns nicht weniger, als „vollkommen zu sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5, 48), wie er in der Bergpredigt sagt. Einem reichen jungen Mann, der ihn fragte: „Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“, antwortete Jesus, er solle die Gebote halten. Die aber hatte er schon gehalten. Als er dann nachfragte: „Was fehlt mir jetzt noch?“, lautete die Antwort Jesu – und das war zugleich ein Anruf an den jungen Mann: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir“ (vgl. Mt 19, 16-21). Das Ergebnis aber entsprach weder dem Anruf Jesu noch dem Wunsch des jungen Mannes: Er „ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen“ (Mt 19, 22).

Diese Begebenheit lässt uns besser verstehen, dass wir keine Freude am Glauben erlangen, wenn wir uns von unserem Reichtum nicht freimachen. Es geht dabei nicht in erster Linie um materielle Güter, sondern hauptsächlich um Ehrgeiz, Machtstreben, Schlemmerei, Geiz: Haltungen, die uns das Hören auf die Stimme Gottes erschweren. Deswegen müssen wir Gott bitten, dass er unser Ohr öffnet, so dass wir lebendige Gläubige werden.

Im Ritus der Taufe wird uns das augenfällig in Erinnerung gebracht, wenn der Priester Ohren, Nase und Mund mit der Hand berührt – in Erinnerung an die Heilung eines Taubstummen durch Jesus (vgl. Mk 7, 31-37).

2. Freude am Glauben ist also Frucht der Antwort auf Gottes Ruf, ganz anders als es in der Europahymne heißt, die Schillers Gedicht „Ode an die Freude“ entnommen ist und in den letzten Satz der Neunten Sinfonie von Ludwig van Beethoven Eingang gefunden hat. Sie beginnt mit den Versen: „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.“

Freude am Glauben ist also Frucht der Hingabe seiner selbst an Gott. Wenn der reiche Jüngling sich von allem gelöst hat, was die Welt ihm bietet, dann gilt ihm die Einladung Jesu: „Folge mir nach“. Die Heiligen wissen, was das kostet, aber auch, wie viel Freude daraus erwächst. Denken wir an den heiligen Franziskus, der in seinem Sonnengesang Sonne, Wasser und sogar den Tod seine Geschwister nennt, oder an den heiligen Bruder Klaus, von dem das berühmte Hingabegebet stammt: „O Herr, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.“

In diesem Zusammenhang müssen wir uns fragen, worin das besteht, was wir „Freude“ nennen. Manche von Ihnen kennen vielleicht aus den „Fioretti“ die Antwort, die der heilige Franziskus von Assisi Bruder Leo gab, damit der verstehe, was die vollkommene Freude ist. Er sagte: Sie besteht nicht darin, dass alle Mitbrüder heilig sind - nicht darin, dass sie Wunder wirken - auch nicht darin, dass sie alle Sprachen der Welt, alle Wissenschaften und Schriften kennen oder sogar wie Engel sprechen. Nachdem sie im Gespräch gut drei Kilometer gegangen waren, fragte Bruder Leo: „Vater, worin besteht denn nun die vollkommene Freude?“ Franziskus antwortete: „Wenn wir am Ende unseres Weges durchnässt und hungrig zum Konvent kommen und der Bruder uns wie Verbrecher wegschickt, dann ist das für uns vollkommene Freude, wenn wir es als etwas, das Christus uns geschickt hat und das wir um seiner Liebe willen erleiden dürfen, annehmen und nicht gegen den Pförtner murren.“ Warum? Weil das ein Mittel ist, sich selbst zu bezwingen, um Gottes Willen anzunehmen.

Christus hat uns ermahnt, uns nicht zu täuschen: „Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16, 24). Die ausführlichste Darstellung der Nachfolge Christi ist uns von ihm selber in den Seligpreisungen der Bergpredigt gegeben worden: Selig die Armen, die Trauernden, die Sanftmütigen, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, die Barmherzigen, die reinen Herzens sind, die Friedensstifter und schlussendlich: „Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein“ (Mt 5, 11f).

Wir verstehen also, warum Jesus uns im Vaterunser lehrt, zu Gott zu beten: „Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde“ (Mt 6, 10).

3. Eine solche Haltung scheint uns aber oft nicht nur schwer verständlich, sondern sogar unmöglich zu verwirklichen. Deshalb ist es absolut nötig, unser Ohr für die Stimme Gottes offen zu halten. Das „offene Ohr“ hat hier zu tun mit der Beziehung zu dem, der zu uns spricht. Es geht um das gegenseitige Hören und Sprechen; deshalb ist unser Gebet zu Gott eine unerlässliche Voraussetzung dafür, dass wir seine Stimme hören und annehmen. Und dabei ist der Ursprung unseres Gebets eine Initiative Gottes. Sie wissen: Diejenigen unter uns, die als Priester, Diakone oder Ordenschristen zum Stundengebet verpflichtet sind, beginnen es jeden Tag mit den Worten: „Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde“ (Ps 51, 17).

Das sagte König David in seinem Bußgebet nach dem Mord an dem Hethiter Uria (vgl. 2 Sam 11). Als Sünder hat er anerkannt, dass Gott ihm nur dann Freude schenken kann, wenn er seine Tat bereut.

Außerdem scheint es mir ein angemessener Weg, die Psalmen als Wegweiser zu Gott zu nehmen, damit wir ihn tatsächlich hören können. Denn sie umfassen praktisch alle unsere Lebenssituationen, so dass wir alles, was mit uns geschieht, ihm im Glauben hinhalten können. So können wir ihn in schwierigen Situationen um seine Hilfe anrufen und andererseits uns über seine Güte freuen. In der Einheitsübersetzung der Bibel kommt das Wort Freude in den Psalmen vierundzwanzigmal vor und 271-mal in der ganzen Bibel.

Uns aber geht es nun darum, dass wir die Freude fortwährend und immer behalten, weil wir immer an Gott glauben. Glaube und Freude sind miteinander verbunden und immer in uns wirksam, wie der Psalm 43 sagt: „Ich will zum Altar Gottes treten, zum Gott meiner Freude“ (Ps 23, 4). Dieser Vers wird bei der Außerordentlichen Form der Feier der Eucharistie vom Priester auch am Anfang der heiligen Messe gebetet.

Wir würden nicht wie in dieser Feier zum Altar treten, wenn wir nicht den Glauben hätten; und wir sind sicher, dass uns durch den Glauben die größte Freude geschenkt wird. Der Glaube erscheint mir als das unabdingbare Mittel zur Erlangung der Freude (vgl. Hebr 11, 1). Wie der Bildhauer mit seinem Meißel das erhoffte Werk aus dem Marmor erstehen lässt, so schaffen wir uns ein Leben der Freude, wenn wir im Glauben handeln. Der Apostel Paulus hat dafür das Bild des Wettkämpfers im Stadion verwendet, der für den Siegeskranz, der bei ihm aber nur vergänglich ist, völlig enthaltsam lebt (vgl. 1 Kor 9, 25). Das ist für uns Christen, die wir einen unvergänglichen Siegeskranz erringen wollen, ein Ansporn, uns um einen Glauben zu bemühen, der durch Werke ausgewiesen ist, wozu uns die Lesung aus dem Jakobusbrief auffordert.

Um die Freude am Glauben zu empfangen, sie zu bewahren und zu vertiefen, ist es uns aufgegeben, Gott „mit ganzem Herzen“ zu dienen, wie wir im Tagesgebet erbeten haben. Möge uns geschenkt werden, dass unser Leben immer mehr zu einem lebendigen Zeugnis für sie werde.

Amen.