Predigten
Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
zum Patrozinium im Jubiläumsjahr der Grundsteinlegung vor 750 Jahren
(Dom Unserer Lieben Frau zu Altenberg, 16. August 2009)
Einführung:
Liebe Brüder und Schwestern!
Das Hochfest Mariä Himmelfahrt hier in Ihrem „Bergischen Dom“ im Jubiläumsjahr seiner Grundsteinlegung vor 750 Jahren zu feiern, ist für uns seine besondere Gnade: Wir schauen von diesem Ort auf Erden den Himmel Gottes an, damit wir durch die Bekehrung unseres Herzens vom Himmel her Heiligkeit für unser Leben erlangen.
Die Himmelfahrt Marias ist uns ein Ansporn, immer das Ziel unseres Lebens im Auge zu behalten; „denn die Gestalt dieser Welt vergeht“ (1 Kor 7, 31), „der Gott aller Gnade aber“, so sagt es der Erste Petrusbrief, „wird euch, die ihr kurze Zeit leiden müsst, wiederaufrichten, stärken. kräftigen und auf festen Grund stellen“ (1 Petr 5, 10).
Der Blick auf die Geschichte dieses Domes, in dem trotz der widrigen Ereignisse, die ihn im Laufe der Jahrhunderte verschiedentlich betroffen haben, durchgängig die Liturgie gefeiert wurde, kann uns darin bestärken, dass wir trotz aller Schwächen und Sünden in unserem Leben nie mutlos werden oder verzweifeln.
Durch die Gnade Gottes sind wir immer zu Bekehrung und Neuanfang eingeladen. So wollen wir uns, bevor wir die heilige Liturgie feiern, besinnen und das Erbarmen Gottes auf uns herabrufen.
Predigt:
Liebe Brüder im Priester- und Diakonenamt,
liebe Brüder und Schwestern!
„Es erschien ein großes Zeichen am Himmel: Eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt“ (Offb 12, 1), so haben wir in der Ersten Lesung aus der Apokalypse gehört und das Gehörte vor unserem geistigen Auge gesehen. Warum wird uns dieser Text am heutigen Fest vorgetragen, und was bedeutet diese apokalyptische Erscheinung für uns, die wir ein vergangenes Ereignis - das Schicksal Marias am Ende ihres irdischen Lebens – feierlich begehen?
Die Bibelwissenschaftler erläutern diese Vision des Johannes auf Patmos als Verkündigung über die Zukunft der Kirche; die Frau stellt die Kirche dar, die trotz ihrer irdischen Leiden und Schwierigkeiten den Sieg über den Drachen davontragen wird. Die Hilfe Gottes ist ihr sicher, weil der Sohn zu Gott und seinem Thron entrückt ist (vgl. Offb 12, 5).
Diese Frau ist aber auch Maria, die von Gott begnadete Mutter Christi, die durch ihre Treue zum Willen Gottes das Schicksal ihres Sohnes teilt. Die heutige Feier des Festes Mariä Himmelfahrt ist für uns, die wir Glieder der Kirche sind, wie eine Darstellung auch unseres Schicksals; und wir möchten aus ihr einen Ansporn für unseres tägliches Leben empfangen. Dafür lade ich Sie ein, zwei unterschiedliche Darstellungen vom Ende des irdischen Weges Marias mit mir zu betrachten. Die eine ist unsere westliche Tradition von Mariä Himmelfahrt, die zweite die östliche, die von der Entschlafung Mariä spricht. In den verwendeten Begriffen wird schon den Grundunterschied zwischen den beiden Traditionen sichtbar – und noch mehr in den bildlichen Darstellungen.
1. Mariä Himmelfahrt wird im Westen dynamisch dargestellt: Maria ist auf dem Weg zum Himmel, wo ihr Sohn sie mit dem Vater und dem Heiligen Geist empfängt. Engel, die sie umgeben, geben ihr Geleit. Unten bleiben die zwölf Apostel zurück, deren Blicke nach oben – zum Himmel –gerichtet sind.
Was sagt uns dieses Bild? Zunächst: Dass nach dem irdischen Leben ein Weg zu Gott offen ist, erfüllt uns mit Freude. Wer wie Maria dem Willen Gottes treu bleibt, wird durch ihn in den Himmel aufgenommen. Diese Ausrichtung auf Gott war die Haltung Marias, wie ihre Verwandte Elisabet bestätigte: „Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ“ (Lk 1, 45). Jesus bestätigte diese Seligpreisung über seine Mutter, als eine Frau aus der Menge ihm zurief: „Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat“ und er ihr erwiderte: „Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen“ (vgl. Lk 11, 27f).
Wer hätte besser als Maria das Wort Gottes gehört, das durch ihr „Fiat“, durch ihren Glauben unsere menschliche Natur angenommen hat? Mariä Himmelfahrt bedeutet für uns die Aufforderung, auf dem Weg des Glaubens treu voranzuschreiten, indem wir immer wieder, immer kraftvoller und immer großzügiger den Willen Gottes verwirklichen – „wie im Himmel, so auf der Erde“ (Mt 6, 10). Die Dynamik unserer westlichen Tradition in den Bildern der Himmelfahrt der Gottesmutter ist wie eine Triebkraft für den Glauben, durch die unsere Hoffnung auf das Endziel gestärkt wird. Die Apostel unten haben ihren Blick nach oben gerichtet. Das heißt keineswegs, dass wir die Erde mit all ihren Sorgen, unseren alltäglichen Angelegenheiten und Verantwortungen vergessen. Ganz im Gegenteil: je mehr wir nach Gott ausschauen, desto mehr sind wir in den konkreten Aufgaben dieser Welt tätig. Und Maria auf ihrem Weg zum Himmel ist uns ein Vorbild; die Schar der Engel, die sie und uns umgeben, versichern uns, dass wir auf dem richtigen Wege sind; und oben kümmert sich Gott um uns. Der Himmel steht uns offen.
2. Die ostkirchliche Form der Entschlafung Mariä ermöglicht es uns, zusätzliche Betrachtungselemente hinzuzufügen. Maria liegt in den Darstellungen dieser Tradition auf dem Sterbebett, die zwölf Apostel sind um sie versammelt und haben ihren Blick auf sie gerichtet. Hinten oder ganz oben sieht man Jesus, den Auferstandenen, mit einer kleinen weißen menschlichen Figur in seinen Händen. Die Figur stellt die Seele Marias dar. In manchen Darstellungen gibt es noch Seraphim über Christus oder an seiner Seite.
„Entschlafen“ bedeutet, dass das Leben immer da ist; der Tod wird nicht als Vernichtung gesehen, sondern als eine Brücke vom irdischen zum ewigen Leben. In diesem Sinne heißt es in einer der Präfationen für die Verstorbenen: „Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen. Und wenn die Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, ist uns im Himmel eine ewige Wohnung bereitet.“ Am Fest der Entschlafung Mariä werden wir also darauf aufmerksam gemacht, dass unser irdisches Leben einmal zu Ende geht, dass mit dem Tod aber die Hoffnung verbunden ist, über die Brücke des Todes ins ewige Leben zu gelangen. Durch seine Auferstehung hat Christus den Tod besiegt, wie wir in der Zweiten Lesung aus dem Ersten Korintherbrief des Apostels Paulus gehört haben, der schreibt: „Christus ist von den Toten auferweckt worden als erster der Entschlafenen“ (1 Kor 15, 20). Und in Bezug auf die Treue im Glauben als Weg zur Erlösung schreibt er im Philipperbrief: „Christus will ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen“ (Phil 3, 10f). Es geht also um Beharrlichkeit im Glauben, die uns die Kraft geben wird, wenn wir uns bemühen, das Vorbild der Heiligen nachzuahmen.
Deshalb schauen die Apostel auf Maria in ihrem Sterben. So sagt uns der Hebräerbrief über die Treue im Glauben: „Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf das Ende ihres Lebens und ahmt ihren Glauben nach“ (Hebr 13, 7). Hat jemand mehr und besser als Maria sein ganzes Leben im Glauben geführt? Wie die Apostel schauen wir heute Maria in der himmlischen Glorie, im Ausgang ihres irdischen Lebens. Ahmen wir ihren Glauben nach!
3. Nachdem wir diese doppelte Darstellung des Festgeheimnisses betrachtet haben, darf ich zum Schluss einige Aspekte herausgreifen, die sich als Ansatzpunkte für unser geistliches Leben anbieten:
1. Der Glaube an Christus, unseren Erlöser, ist das Fundament für die Ausrichtung unseres Lebens. Wie wir uns im Straßenverkehr nach dem Navigator im Auto richten, um ans Ziel der Reise zu kommen, so müssen wir auf die Stimme Gottes hören, damit wir wie Maria zur offenen Himmelspforte gelangen.
2. Das Beispiel der Heiligen und insbesondere der allerseligsten Jungfrau Maria, die das Wort Gottes angenommen und befolgt haben (vgl. Lk 11, 27), ist für uns ein Ansporn, auf ihren Spuren unseren Weg zu gehen.
3. Das Ende unseres irdischen Lebens öffnet uns den Himmel, wo uns Christus mit seiner Mutter und allen, die uns vorausgegangen sind, empfangen wird. Der Himmel, d. h. das ewige Leben in und mit Gott, mit den Engeln, in deren Gesang wir einstimmen dürfen, erwartet uns, so dass unsere Freude, in den Himmel einzutreten, durch das heutige Fest vermehrt wird. Ihre Vorfahren, die vor 750 Jahren den Grundstein für diesen Dom gelegt haben, hatten denselben Glauben und dieselbe Hoffnung wie wir, unsere Verantwortung heute ist es, ihren Glauben und ihre Hoffnung nachzuahmen (vgl. Hebr 13, 7) und sie an die nächste Generation weiterzugeben.
Im Tagesgebet des heutigen Festes haben wir Gott gebeten, er möge uns schenken, dass wir auf dieses Zeichen der Hoffnung und des Trostes schauen und auf dem Wege bleiben, der hinführt zu seiner Herrlichkeit. Mit den Ostkirchen können wir Maria an ihrem Fest mit den Worten preisen: „Im Gebären hast du die Jungfräulichkeit bewahrt und im Entschlafen die Welt nicht verlassen, Gottesgebärerin. Zum Leben gingst du hinüber, die du selbst Mutter des Lebens bist, und rettest uns durch deine Fürsprache vor dem Tode“ (Troparion). Mögen uns beide Fürbitten heute, morgen und immer den Schutz Gottes erhalten!
Amen.






