Predigten
Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
mit der Priesterweihe von Br. Andrzej Dolega
(Kirche St. Paulus des Dominikanerklosters in Berlin-Tiergarten, 31. Mai 2009)
„Suchet den Herrn, dann werdet ihr leben“ (Am 5, 6)
Predigt:
Lieber Pater Andrzej,
„Suchet den Herrn, dann werdet ihr leben“ (Am 5, 6). Dieses Wort des Propheten Amos haben Sie für Ihr Primizbild gewählt, das auch die Anbetung des Kindes durch die Könige zeigt. Beides hat einen inneren Bezug zu Ihrer Priesterweihe. Die Gottsuche ist ein wesentliches Element im Leben des Christen, das gilt erst recht für den Priester und Ordensmann, der gleichsam von Amts wegen dazu berufen ist, anderen auf dem Weg zum Glauben und zur Vertiefung des Glaubens helfend zur Seite zu stehen. Zum anderen: Die Weisen aus dem Osten kommen, um als Repräsentanten der Heiden dem neugeborenen Messias zu huldigen. Seine Heilsbedeutung für alle Völker wird am heutigen Pfingstfest auch in der Weise offenbar, dass in der Herabkunft des Heiligen Geistes die Jünger mit Gottes Kraft und Weisheit für ihre Aufgabe bei allen Völkern erfüllt werden und so die Kirche geboren wird. In der Spannung zwischen beiden Elementen steht unser Leben als Christen und als Priester. In ihr sollen wir reifen und wachsen, ja Gott entgegenwachsen.
Liebe Brüder im Priesteramt,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Die Einführung meiner Predigt, die sich an Ihren Sohn und Bruder Andrzej richtete, der in dieser heiligen Messe zum Priester geweiht wird, soll der Leitfaden unserer Betrachtung sein – in der Absicht, dass durch seine Priesterweihe unser Glaube an der Güte Gottes gegenüber der Welt gestärkt wird und dass wir besser verstehen, was es bedeutet, Priester zu sein und was seine Mission ist und warum wir dieses Amt brauchen. Der Priester empfängt in der Weihe von Gott her seine Mission, seine Sendung: Alle Völker sollen das Wort Gottes hören, seine Gnade erlangen und so eine brüderliche Gemeinschaft bilden. Weil die Priesterweihe den Weihekandidaten befähigt, „in persona Christi“ - im Namen Christi, ja als Christus – zu handeln, wird er von heute an in, durch und mit Christus Mittler der Erlösung.
1. Die erste Verantwortung ist die Verkündigung der Frohbotschaft. Dieser Aufgabe haben sich die Apostel unmittelbar nach der Herabkunft des Heiligen Geistes gewidmet. Vorher waren sie schwach; alle Jünger hatten Jesus im Garten Gethsemani verlassen; nur einer - Johannes – fand nachher den Mut, mit Maria unter dem Kreuz zu stehen. An Pfingsten werden sie Verkünder der in Christus vollzogenen Erlösung.
Als Dominikaner – „Prediger-Bruder“ – ist Ihnen in besonderer Weise die Verantwortung aufgetragen, das Amt der Verkündigung in der Art und Weise des heiligen Dominikus auszuüben. „Den anderen weitergeben, was man zuvor betrachtet hat“, lautet das Motto Ihres Ordens. Vom heiligen Dominikus wird berichtet, dass er nur Gott auf den Lippen hatte – sei es im Gespräch mit ihm: im Gebet; sei es im Gespräch mit seinen Zeitgenossen: in der Predigt.
Als Priester sind Sie zunächst „Diener des Wortes Gottes“. Dazu sagt das Zweite Vatikanum im Dekret über Dienst und Leben der Priester Presbyterorum ordinis: „Niemals sollen die Priester ihre eigenen Gedanken vortragen, sondern immer Gottes Wort lehren und alle eindringlich zur Umkehr und zur Heiligung bewegen. … Die priesterliche Verkündigung ist aber in den gegenwärtigen Zeitumständen nicht selten außerordentlich schwer. … Der Dienst am Wort wird demgemäß auf verschiedene Weise ausgeübt, je nach den Erfordernissen der Zuhörer und den Gaben der Verkündiger“ (Presbyterorum ordinis, Nr. 4).
Also, lieber Bruder Andrzej, suchen auch Sie Gott im Gebet, im Studium, in der Vorbereitung der mannigfachen Predigtseelsorge, und Sie werden andere durch Ihre Predigt zum Leben erwecken.
2. Als Ergebnis der Predigt des Petrus am Pfingsttag konnten die Apostel „etwa dreitausend“ (Apg 2, 41) Menschen durch die Taufe in die Gemeinde aufnehmen. Die Predigt führt zur Bekehrung. Deshalb wäre das Priesteramt unvollständig ohne diese Seite des Heiligungsamtes. So hatte schon Jesus seine Jünger vor sich her in die Dörfer gesandt, „das Reich Gottes zu verkünden und zu heilen“ (Lk 9, 2). Und so sagte er den Jüngern vor seiner Himmelfahrt: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen. … Durch die, die zum Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen: … Die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden“ (Mk16, 15-18).
Die Heilskraft Gottes wird in den Sakramenten geschenkt. Das Zweite Vatikanum sagt über das Heiligungsamt der Priester: „In der Taufe führen sie die Menschen dem Volk Gottes zu; im Sakrament der Buße versöhnen sie die Sünder mit Gott und der Kirche; in der Krankensalbung richten sie die Kranken auf; vor allem in der Messfeier bringen sie in sakramentaler Form das Opfer Christi dar. … Die Zusammenkunft zur Feier der Eucharistie, der der Priester vorsteht, ist die Mitte der Gemeinschaft der Gläubigen“ (Presbyterorum ordinis, Nr. 5).
Was den Priester als Priester eindeutig kennzeichnet und auszeichnet, ist eben die Feier der Eucharistie, in der er in der Person Christi handelt. Bei der Wandlung von Brot und Wein spricht er: „Das ist mein Leib - das ist der Kelch meines Blutes.“ Und am Schluss des Hochgebetes ist es der Priester, der im Namen der ganzen Gemeinde und mit ihr den Lobpreis auf das Wirken der Allerheiligsten Dreifaltigkeit beschließt. Die Eucharistie ist wahrlich das Zentrum der christlichen Gemeinde (vgl. Presbyterorum ordinis, Nr. 5), und die ganze seelsorgliche Tätigkeit findet hier ihren vollkommenen Ausdruck und ihre tiefste Sinndeutung.
So, lieber Pater Andrzej, werden Sie als Priester den „Gottsuchenden“ den Zugang zu Gott geben, der sie leben lassen, ja ihnen das Leben in Fülle schenken wird.
3. Das Priesteramt ist darauf ausgerichtet, die Menschen zu Gott zu führen – nicht jeden allein, sondern alle miteinander. Als Hirte nach dem Vorbild des Guten Hirten sammelt der Priester die Gläubigen und bildet so die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen. Es geht nicht darum, als Ausdruck von Vollmacht Befehle zu erteilen, sondern anderen zu helfen, ihnen zu raten, sie zu unterstützen – und zwar als Dienst. Erinnern wir uns an die Worte Jesu an seine Jünger beim Letzten Abendmahl: „Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen“ (Joh 13, 13-14). Das Gleichnis vom guten Hirten ist noch eindrucksvoller: „Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe“ (Joh 10, 11).
Das Leitungsamt des Priesters ist nicht eine in sein Belieben gestellte Beschäftigung, sondern ein ständiges Hingehen: zu Gott, um seinen Willen zu erfüllen – zu den ihm anvertrauten Menschen, um sie in der Einheit der Kirche als Heilsgemeinschaft zu halten.
In dem schon mehrfach zitierten Konzilsdekret Presbyterorum ordinis wird dieses Amt in seiner ganzen Breite und Bedeutung als Vollmacht zur Auferbauung der Kirche dargestellt: „In der Auferbauung der Kirche müssen die Priester allen nach dem Beispiel des Herrn mit echter Menschlichkeit begegnen. Dabei sollen sie sich ihnen gegenüber nicht nach Menschengefallen verhalten, sondern so, wie es die Lehre und das christliche Leben erheischt“ (Presbyterorum ordinis, Nr. 6).
Der Apostel Paulus - an dessen Geburt vor 2000 Jahren die Kirche in diesem Jahr mit der Feier des Paulusjahres erinnert und dessen Schutz diese Kirche und dieses Kloster in besonderer Weise anvertraut sind – also, der Apostel Paulus gibt uns einen Schlüssel für das Verstehen der vielfältigen Aufgaben des Priesters und deren erfolgreiche Erfüllung. Er schreibt an die Korinther: „Wir verkündigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen“ (2 Kor 4, 5); und er fügt hinzu: „Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt“ (2 Kor 4, 7).
Also, lieber Pater Andrzej, empfangen Sie mit Hoffnung und Zuversicht die Priesterweihe. Ihre Schwachheit – unsere Schwachheit als Menschen – ist ein Ansporn, Christus immer in und durch uns wirken zu lassen.
Dazu haben wir zahlreiche heilige Priester aus allen Jahrhunderten vor Augen, die die Kirche durch ihren priesterlichen Dienst geprägt haben. Der heilige Dominikus, der Gründer Ihres Ordens, wird Ihnen in besonderer Weise vertraut sein – der heilige Paulus, der nicht nur in seinen Briefen, sondern auch in seinem ganzen Leben ein ausgezeichnetes Vorbild priesterlicher Existenz ist – Ihr Namenspatron, der heilige Andreas, der seinen Bruder Simon zu Jesus führt; und schauen Sie auf den heiligen Pfarrer von Ars, Johannes Maria Vianney, den Papst Benedikt zum Schutzpatron aller Priester erhoben hat: die bevorstehende 150. Wiederkehr seines Todes hat er zum Anlass genommen, ein spezielles „Priesterjahr“ vom 19. Juni 2009 bis zum 29. Juni 2010 auszurufen, das der Heiligung der Priester gewidmet ist.
Priester für die Auferbauung der Kirche sollen wir sein - wie die Jünger der ersten christlichen Gemeinde, die „ein Herz und eine Seele“ (Apg 4, 32) waren.
Willkommen im Priesteramt, lieber Pater Andrzej, auf dass Sie mit uns in den verschiedenen Aufgaben des priesterlichen Amtes, das Ihnen heute in der Weihe anvertraut wird, allen Menschen, denen sie auf Ihrem Weg begegnen, Gott bringen.
Amen!






