Predigten

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Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
anlässlich der Feier des Blutfreitags

 (Basilika St. Martin zu Weingarten, 22. Mai 2009)




Predigt:

Sehr geehrter Herr Bischof,
sehr geehrte Vertreter des politischen und gesellschaftlichen Lebens,
sehr geehrte Blutreiter,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

„Durch sein Blut haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Eph 1, 7).

In diesem Satz aus dem Brief des Apostels Paulus an die Epheser haben wir den Schlüssel zu unserer heutigen Feier, die Grundlage der Reiterprozession mit dem Reliquiar des Blutes Christi, das Fundament unserer Eucharistiefeier, in der wir uns in, durch und mit Christus versammeln.

Im Glauben wissen wir uns in Christus erlöst, wie das Glaubensbekenntnis es sagt: „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen.“

Deshalb wollen wir hier im feierlichen Hochamt des Blutfreitages in Weingarten über folgende Fragen nachdenken:

Warum hat uns Gott durch das vergossene Blut Christi erlöst?
Was verlangt Gott von dem durch das Blut Christi Erlösten?
Und drittens: Was erwarten wir vom heutigen Fest für unser Leben als Christen?

Wenn wir uns bemühen, das Blut Christi als Quelle unseres Lebens als Christen in der Tiefe unseres Herzens mit innerer Hingabe zu verstehen, dann werden wir bereit, uns immer neu zu dieser Quelle zu bekehren und mit der Gnade Gottes als Erlöste zu leben. Wenn wir das Blut Christi in der Eucharistiefeier empfangen, lässt es uns eine neue Tiefe im Glauben erfahren.

1. Warum hat uns Gott durch das Blut seines menschgewordenen Sohnes erlöst?

Eine eindeutige Antwort gibt uns der Brief an die Hebräer: „Ohne dass Blut vergossen wird, gibt es keine Vergebung“ (Hebr 9, 22), denn nach dem Gesetz des Mose wird im auserwählten Volk Israel fast alles mit Blut gereinigt (vgl. ebd.). Denken wir im Alten Testament an das Osterlamm, an die Weihe des Gotteszeltes im Buch Exodus und des Tempels in Jerusalem, an das Opfer zur Versöhnung, das der Hohepriester an Ostern darbringen musste, wie auch die Opfer derer, die als Pilger nach Jerusalem kamen.

Aber, sagt der Hebräerbrief „das Blut von Stieren und Böcken kann unmöglich Sünden wegnehmen“ (Hebr 10, 4), und fährt fort, indem er Worte des Psalms 40 dem Erlöser in den Mund legt: „Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen; … Ja, ich komme … um deinen Willen, Gott, zu tun.“ Und abschließend heißt es: „Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Opfergabe des Leibes Jesu Christi ein für alle Mal geheiligt“ (Hebr 10, 4-10).

Wenn wir an die Opferung Isaak durch Abraham denken, hätten wir nichts anderes gewünscht als das, was geschehen ist. Gott hat Isaak verschont: „Strecke deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide!“ – spricht der Engel zu Abraham – „Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten“ (Gen 22, 12). Also im Opfer wurde Abraham wegen seines Gehorsams gerechtfertigt; aber das Opfer, das ihn rechtfertigt, ist nicht sein eigener Sohn, sondern wird der Sohn Gottes sein, Christus.

Gott der Vater hat seinen eingeborenen Sohn durch die Menschwerdung uns in allem gleich gemacht, außer in der Sünde, um uns von der Sünde zu erretten, denn „durch sein Blut haben wir die Erlösung“ (Eph 1, 7).

Gott hat sich selbst nichts erspart, denn „es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15, 13). Im menschgewordenen Sohn, der sein Blut für unsere Erlösung am Kreuz vergossen hat, zeigt uns Gott seine Liebe. Die Menschwerdung des Sohnes ermöglicht es Gott, sein Leben für uns zu opfern, damit wir wie Abraham auf ihn hören und ihm gehören.

2. Unsere zweite Frage lautet: Was verlangt Gott von dem durch das Blut Christi Erlösten?

Es geht darum, dass wir den Willen Gottes in seiner Liebe anerkennen, das Blutopfer Christi am Kreuz kann uns nicht gleichgültig lassen. Die Liebe Gottes ist ein Anruf an uns, auf seine Liebe zu antworten. Der Tod Christi am Kreuz hat eine Anziehungskraft, wie er selber zu seinen Jüngern sagte: „Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen“ (Joh 12, 32). Es hängt von uns ab, ob wir uns von ihm anziehen  lassen, uns aus den irdischen Fesseln lösen. Das haben wir mehrmals in der Osterzeit vom heiligen Paulus gehört: „Ihr seid mit Christus auferweckt, darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische“ (Kol 3, 1f).

Das bedeutet, dass wir unser Leben nach Gottes Willen ausrichten sollen, wie Christus uns im Vaterunser zu beten gelehrt hat: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“ (Mt 6, 10).

Unser Weg dahin - oder besser gesagt: unsere Bekehrung zu Gott - geht über das Blut Christi, über sein Kreuz. Wenn wir in der heiligen Eucharistie, durch die Kommunion den Leib und das Blut Christi empfangen, werden wir eins mit Christus, und wir werden fähig, mit, in und durch ihn - wie er am Ölberg – zum Vater zu sagen,: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt 26, 39).

Der Evangelist Lukas sagt dazu ergänzend: „Sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte“ (Lk 22, 44). Bitten wir, dass auch wir zu solcher Hingabe an Gottes Willen bereit sind, wenn wir Entscheidungen zu treffen haben. Die Heiligen sind uns in solchen Zusammenhängen Vorbilder, wie z. B. mein Landsmann, Bruder Klaus von Flüe, der Gott in seinem Gebet bat: „Mein Herr und mein Gott, o nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir!“

3. Das heutige Fest des Blutfreitages ist uns ein willkommener Anlass, uns neu der erlösenden Kraft des Blutes Christi auszusetzen. Die Gnade Gottes für die Erlösung der Menschheit, uns „ein für allemal“ (vgl. Hebr 10, 10) am Kreuz geschenkt, wird nun auf dem Altar für uns heute gegenwärtig gesetzt. Es ist kein anderes oder neues Opfer; es ist das Opfer Christi am Kreuz. Jesus hat seinen Jüngern am Abendmahl aufgetragen: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22, 19).

Christus selber lädt uns ein, seinen Leib zu empfangen, sein Blut zu trinken: „Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt“ (Joh 6, 51). Es gefällt mir, besonders auf deutschen Gemälden der Spätgotik, zu sehen, wie dies von unseren Vorfahren verstanden wurde: Die Kirche ist als eine Frau dargestellt, die das aus dem durchbohrten Herzen Jesu fließende Blut mit ihrem Kelch auffängt. Sind wir wie sie so bereit, beim Kreuz zu stehen, um der Gnade Gottes nicht verlustig zu gehen? Ein Bild – wieder von Bruder Klaus vorgestellt – mahnt uns, die Gaben Gottes anzunehmen. Bruder Klaus sah in einer Vision einen Dorfplatz, auf dem ein Wochenmarkt stattfand. Die anwesenden Leute – Verkäufer und Käufer – waren sehr beschäftigt, aber auch alle durstig, weil der Brunnen des Dorfplatzes kein Wasser hatte. Aus einem Haus aber floss Wasser, und Bruder Klaus wunderte sich: „Warum gehen diese Leute nicht in dieses Haus hinein, wenn so viel Wasser dort herausfließt?“. Es handelte sich – Sie haben es schon vermutet – um die Dorfkirche. Christus bietet uns seine Erlösung durch die Sakramente, hauptsächlich durch die Eucharistie, in reichem Maße an, aber wir Menschen sind in der Versuchung, auf seine Anwesenheit inmitten unserer Gesellschaft keine Acht zu geben. Was würde Bruder Klaus heute sagen, wenn er sähe, wie viele Menschen am Sonntag lieber zu Hause bleiben oder in der ganzen Welt herumlaufen, anstatt in die Pfarrkirche einzutreten, um ihren Durst nach Erlösung zu stillen? Und warum tun sich unsere Familien oft so schwer, durch ein vorgelebtes christliches Leben ihre Söhne zu ermutigen, sich zu prüfen, ob Gott sie etwa auf den Weg des Priestertums ruft, damit mehr Menschen da sind, die andere zu den Quellen der Erlösung führen?

Die weiter wachsende Zahl derer, die als Reiter und Gläubige an der Prozession und dem Hochamt am Blutfreitag teilnehmen, ist ein Zeichen dafür, dass unser Glaube weiter lebendig ist und sich hier Ausdruck verschafft. Sonst würde man nicht alle Vorbereitungen auf sich nehmen und den heutigen Tag dafür freimachen, wenn man nicht an die Liebe Christi zu uns glaubte. Das Blutreliquiar ist - äußerlich betrachtet – unscheinbar, aber seine Bedeutung für unseren Glauben ist unüberbietbar, ja grenzenlos - wie die unendliche Liebe und Barmherzigkeit Gottes für uns Sünder. Ja! Wir alle reihen uns als Glaubende in die Schar derer ein, wie die Reiter Christus als unserm Erlöser huldigen.

In der Apokalypse, dem letzten Buch der Bibel, schauen wir Christus als den siegreichen Reiter auf einem weißen Ross, mit einem blutgetränkten Mantel. Er ist der König der Könige und Herr der Herren (vgl. Apk 19, 11-16), der Führer aller, die „ihre Kleider im Blut des Lammes gewaschen haben“ (Apk 22, 14). Er ist auch unser Halt und unsere Kraft in dieser Zeit - und unsere Hoffnung für die Ewigkeit.

Amen!