Predigten

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Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
anlässlich des 160jährigen Bestehens der Kolpingfamilie Köln-Zentral

(Minoritenkirche zu Köln,
3. Mai 2009)



Predigt:

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Ja! Jesus ist der Sohn des Zimmermanns, weil Gott Vater Josef als Pflegevater für das menschliche Leben seines Sohnes erwählt hat: „Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen. … Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen“ (Mt 1, 20-21).

Betrachten wir also den heiligen Josef in seiner Verantwortung für das menschliche Leben des Sohnes Gottes, um in ihr ein Vorbild für Ihre Verantwortung im Kolpingwerk zu erkennen, auf dass Sie aus dieser Tagung am Grab des seligen Adolph Kolping für Ihren Dienst neue Kraft schöpfen. Es lohnt sich sicher, immer wieder an den Ausgangspunkt seines Werkes zu kommen, um sein Charisma, das auf die Kirche und die Welt ausgerichtet ist, für sich und andere neu zum Leuchten zu bringen. Der heilige Josef ist ja der Beschützer der Heiligen Familie. Und aus seiner Beziehung zu Jesus und Maria lassen sich die Grundwerte des Handwerkerstandes bei Kolping ablesen, die es für die Sendung der Kirche fruchtbar zu machen gilt. Ist nicht der heilige Josef auch der Schutzpatron der Kirche?

1. Das Fest des heiligen Josef des Arbeiters wurde 1955 von Papst Pius XII. eingeführt, um den weltlichen Tag der Arbeit – den 1. Mai – auch mit einem christlichen Gehalt zu füllen. Dazu bot sich Josef von Nazaret an, war er doch Arbeiter – Zimmermann, wie Zeitgenossen sagen – aber auch und hauptsächlich, weil er durch seine Arbeit den Lebensunterhalt für Jesus und Maria verdiente. Die Evangelien sagen nicht viel über Josef, sie überliefern kein einziges Wort aus seinem Mund, wohl aber schildern sie ihn als treuen und guten Mann, der sich vorbehaltlos von Gott in Dienst nehmen lässt. Nicht erst in Betlehem, nicht erst auf der Flucht nach Ägypten sieht man ihn verantwortungsvoll handeln, schon nach der Erscheinung des Engels, der ihm im Traum den Heilsplan Gottes erklärt, entspricht er in Gehorsam dem Auftrag, der ihm übermittelt wird. Er erfüllt auch die Vorschriften des Gesetzes bei der Darstellung des Kindes im Tempel. Wir können fragen, warum der Sohn Gottes dreißig Jahre lang das einfache und gewöhnliche Familienleben im Haus von Nazaret gelebt hat, bevor er sich in seinem öffentlichen Wirken der Welt geoffenbart hat. Die Antwort scheint mir klar: Im Vierten Eucharistischen Hochgebet heißt es: „Er hat wie wir als Mensch gelebt, in allem uns gleich außer der Sünde.“ Und der Apostel Paulus schreibt in seinem Brief an die Philipper: „Er (Jesus) war Gott gleich, … entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen“ (Phil 2, 6-7).

Wir können wohl überlegen, was es für Josef bedeutete, Jesus, der „vom Heiligen Geist ist“ (Mt 1,21), zu erziehen, ihn das Handwerk des Zimmermanns zu lehren, ihm die religiösen und gesellschaftlichen Sitten seines Volkes zu vermitteln.

Solche Vermittlung gehört auch zu Ihrer Verantwortung im Kolpingwerk. Es geht um die Vermittlung von Werten an junge Menschen, die Ihnen anvertraut sind und die zu einem immer besser gelingenden menschlichen Leben heranreifen sollen. Denken Sie also öfters an Josef in seinem Haus in Nazaret, damit Ihre Häuser und Werke immer neu von demselben Geist und derselben Gesinnung, die dort lebendig waren, erfüllt sind.

2. So hat es der selige Adolph Kolping gewollt und gehandhabt, als er vor 160 Jahren den Gesellenverein hier in Köln gründete. Es war eine Zeit großer Unruhe in der Arbeiterschaft, die Karl Marx 1848 mit dem „Manifest der Kommunistischen Partei“, das er zusammen mit Friedrich Engels verfasst hatte, und mit seinem Werk „Das Kapital“ provoziert hat. Auf Seiten der Kirche antwortete 1849 ein Priester – Wilhelm Emmanuel von Ketteler – mit sechs Predigten zu den großen sozialen Fragen der Zeit im Mainzer Dom (vgl. Reinhard Marx, Das Kapital, S. 12ff).

Der junge Kolping hatte an seiner ersten Kaplanstelle in Elberfeld den von dem Laien Johann Gregor Breuer gegründeten katholischen Gesellenverein kennengelernt und dann als zweiter Präses geleitet .Am 6. Mai 1849 - er war damals 36 Jahre alt - gründete er den Kölner Gesellenverein, die Keimzelle des heutigen internationalen Kolpingwerks. Als Präses ist er der Vater der Kolpingfamilie. Es geht ihm nicht nur um bessere menschliche Bedingungen im Arbeitsleben, sondern auch um bessere Lebensbedingungen im häuslichen Bereich, in der Gesellschaft und in allen Bereichen der menschlichen Bildung - genau wie im Haus von Nazaret. Anders als Engels und Marx setzt Kolping sich persönlich dafür ein, dass die jungen Handwerker menschlich vorankommen. Nicht die Revolution wird als Hebel zur Verbesserung der Gesellschaft gefordert, sondern die Nächstenliebe und die Bekehrung des eigenen Herzens zu Christus, dem Herrn und Erlöser.

Das Charisma des seligen Adolph Kolping ist das Charisma der Kirche, Ihr Charisma in und mit der Kirche. Es geht also darum, unsere Verantwortung treu, beharrlich und großzügig in der heutigen Welt zu leben. Gerade die aktuelle weltweite Wirtschaftskrise – eine Tochter der Finanzkrise – ist für uns eine neue Herausforderung, das Charisma Kolpings neu kräftig leuchten zu lassen. Sicher muss die Situation an jedem Ort gesondert betrachtet werden, aber alle Kolpinghäuser und sonstigen Einrichtungen des Kolpingwerkes besitzen einen gemeinsamen Schatz: Das Haus von Nazaret, die Heilige Familie mit Jesus, Maria und Josef ist die Quelle der Kraft für Ihren Einsatz, der darauf abzielt, den jungen Menschen Lebensmut und Vertrauen in das Gelingen ihres Lebens zu erhalten.

3. Es scheint mir wichtig, gerade hier in Köln noch einen dritten Punkt zu erwähnen. Sie werden staunen, aber ich möchte es nicht versäumen, Sie auf die Auszeichnung hinzuweisen, dass diese Versammlung in der Nähe des Kölner Domes stattfindet. Sie werden wissen, dass im Dom die Reliquien der Weisen aufbewahrt werden, die aus dem Osten kamen, um dem Jesuskind in Betlehem zu huldigen, und von denen das Matthäusevangelium sagt: „Sie zogen auf einem anderen Weg heim in ihr Land“ (Mt 2, 12).

Ihr Besuch war – nach dem Besuch der Hirten an Weihnachten – sicher für den heiligen Josef auch eine Bestätigung, das der Sohn Marias „vom Heiligen Geist ist“ (vgl. Mt 1, 20), aber auch ein Ansporn zur Vertiefung des Glaubens an Gottes Liebe. Was hat er gedacht, als er die Geschenke Gold, Weihrauch und Myrrhe (vgl. Mt 2, 11) sah? Was hat er mit den Gaben gemacht? Das Evangelium sagt nichts darüber, auch wir wollen nicht darüber spekulieren. Die anschließende Flucht nach Ägypten zeigt einmal mehr die Bereitschaft des heiligen Josef, sich im Gehorsam von Gott führen zu lassen, und gibt uns ein Beispiel für das Vertrauen in GottesVorsehung und Beistand.

Es sind Taten, die uns heute zum gleichen Vertrauen bringen, sofern wir die Anwesenheit Gottes in unserer Welt anerkennen. Der selige Adolph Kolping ist uns in dieser Beziehung ein Vorbild; denn trotz vieler Widerstände und Schwierigkeiten hat er die Hoffnung auf ein besseres Leben für seine jungen Gesellen bewahrt. Er orientiert sich an dem Wort des Ersten Petrusbriefes: „… freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt; denn so könnt ihr auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln“ (1 Petr 4, 13). Da Sie an seinem Charisma teilhaben, gilt auch Ihnen diese Ermutigung des Apostels.

Im Hinschauen auf die in der Nachbarschaft ausgestellten Reliquien der Weisen aus dem Osten drängt sich uns ein zweiter Gedanke auf, der in Zusammenhang steht mit dem schon zitierten Satz: „Sie zogen auf einem anderen Weg heim in ihr Land“ (Mt 2, 12). Die Weisung, die die Weisen erhielten, kann - auf den Generalrat bezogen – in dem Sinne verstanden werden, dass seine Mitglieder sich nach diesem Treffen auf der geistig-geistlichen Ebene von Gott weiterführen lassen - im Rahmen der uns immer neu aufgetragenen Bekehrung des eigenen Herzens, aber auch der Neuevangelisierung als Aufgabe nach außen. Denn jedes Treffen im Rahmen des Kolpingwerkes möchte die Mitglieder dazu bringen, die Familie von Nazaret besser nachzuahmen.

Am Schluss unserer Betrachtung möchte ich noch eines erwähnen: Wie war es für den heiligen Josef, für den seligen Adolph Kolping und andere in der Kirche Engagierte möglich, so viel zu schaffen, so in Treue zu Gott zu leben, mit solchem Einsatz und solchem Erfolg ihre Verantwortung in der Welt zu leben? Das Geheimnis ihres Lebens ist offenkundig: Sie lebten aus der Kraft der Stille, der Betrachtung der Geheimnisse Gottes und des Gebetes.

Der heilige Josef wird hie und da als der Stumme bezeichnet, eben weil die Heilige Schrift uns kein Wort aus seinem Munde überliefert. Doch sein ganzes Leben ist eindrucksvoll: Er arbeitet als Zimmermann, er vollzieht den Heilswillen Gottes im Gehorsam, ohne nachzufragen. Für ihn gilt, was später der Apostel Paulus über die Korinther schreibt: Er ist „ein Brief Christi, … geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln von Stein, sondern – wie auf Tafeln im Herzen von Fleisch“ (2 Kor 3, 3).

Möge sich der Heilige Geist Ihnen allen wie dem seligen Adolph Kolping in Ihrem Herzen einen deutlichen Abdruck verschaffen.

Amen.