Predigten

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Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
zur Eröffnung der Wallfahrtszeit in Kevelaer

(Basilika St. Marien, 1. Mai 2009)

 



„Trösterin der Betrübten, bitte für uns!“
„Tut alles, was er euch sagen wird!“

Predigt
:

Schwestern und Brüder im Herrn!

Jedes Heiligtum hat uns eine eigene Botschaft zu vermitteln; und zugleich geben uns alle Heiligtümer, die der Muttergottes geweiht sind, dieselbe Weisung: die Worte, die Maria bei der Hochzeit in Kana den Dienern sagt und die die letzten sind, die uns von Maria in den Evangelien überliefert sind: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2, 5). Maria ist die, die uns besser als jeder andere den Weg zu Christus bereitet, der unser Weg, unsere Wahrheit und unser Leben ist (vgl. Joh 14, 6). Sie führt uns rasch und sicher zu ihm.

Hier in Kevelaer sind es drei Elemente, die das Kevelaerer Heiligtum kennzeichnen und sozusagen sein Charisma bilden: das Kreuz am Kreuzweg, das „unscheinbare irdische Abbild“ der Muttergottes und das Pilgerportal, das heute für die diesjährige Wallfahrtszeit feierlich geöffnet worden ist. Diese drei Merkmale stehen in enger Beziehung zueinander und sind uns Mittel und Ansporn zur Bekehrung, Zeugnis des Trostes, den wir suchen, Schilde des Heiles und der Heiligkeit, zu denen wir zeit unserer ganzen irdischen Pilgerschaft unterwegs sind.

1. Das Kreuz am Kreuzweg war von Anfang an der Ort, an dem das Heiligtum der Muttergottes errichtet werden sollte. „An dieser Stelle sollst du ein Kapellchen bauen“, sagte um Weihnachten 1641 eine Stimme von dem Hagelkreuz zu dem Handelsmann Hendrick Busman, als er dort betete. Ja, wie immer noch üblich, stand ein solches Kreuz an einer Wegkreuzung, die Rhein und Maas miteinander verband – in jener Zeit war Kevelaer eine wichtige Station auf dem Handelsweg von Köln über Nimwegen nach Amsterdam. Der Handelsmann Hendrick Busman und viele andere gingen regelmäßig diesen Weg. Das Kreuz Christi war auf ihrem Weg inmitten ihrer Geschäfte Erinnerung an die Erlösung, Erinnerung an die Barmherzigkeit Gottes für uns arme Sünder, Erinnerung an die Unzulänglichkeit unseres irdischen Lebens, denn „die Gestalt dieser Welt vergeht“ (1 Kor 7, 31).

Wenn aber ein Kreuz durch regelmäßiges Passieren der Stelle selbstverständlich, allzu selbstverständlich und vertraut wird, braucht man einen Ansporn, es in seiner Bedeutung neu zu entdecken. Das Hagelkreuz, das Hendrick Busman damals ansprach, lässt uns z. B. die Frage hören: Warum trägst du ein Kreuz am Hals oder - besonders bei uns Priestern und Bischöfen – auf deiner Jacke? Was bedeutet uns das Kreuz in unseren Wohnungen, auf unseren Kirchtürmen, in unseren Schulzimmern und Gerichtshöfen? Ein Schmuck? Ja! Ein Stück Erbe unserer christlichen Kultur? Ja! Aber zuerst und ursprünglich ist es ein Zeugnis der Barmherzigkeit Gottes. Im Glaubensbekenntnis sprechen wir: „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.“ Jetzt ist beim Hagelkreuz etwas Neues erschienen: Damit Handelsleute und andere Reisende an diesem Kreuzweg mehr auf die Bedeutung des Kreuzes für ihre Erlösung achtgeben, wollte Maria anwesend sein – als Wegweiserin zu Christus. War nicht sie es, die den Apostel Johannes zum Kreuz führte? War nicht sie die Vermittlerin beim ersten Wunder Jesu auf der Hochzeit zu Kana? Ist nicht sie die „Trösterin der Betrübten“, bei der wir Schutz finden – wie Kinder bei ihrer Mutter?

Mit dem ersten kleinen Heiligtum ist bald ein großer Komplex von Kirchen und Gebetsorten entstanden, die uns zu Christus führen sollen – zum Bußsakrament, zur Eucharistie, zu den anderen Sakramenten.

2. Das unscheinbare Gnadenbild der Gottesmutter, ein in Antwerpen gefertigter Kupferstich, der die „Trösterin der Betrübten“ vor dem Hintergrund der Stadt Luxemburg darstellt, ist der kostbarste Schatz des Heiligtums von Kevelaer. Das Bild wurde in jener Zeit mehrfach gedruckt. Aber dieses hier, das die Frau Busmans Mechel Scholt schließlich doch gekauft hat, nachdem sie es vorher abgelehnt hatte, weil ihr der Preis auf dem Hintergrund ihres geringen Einkommens zu hoch schien, ist das Gnadenbild, zu dem wir heute pilgern. Warum?

Gott handelt mit wenigen Mitteln; es geht nicht um das Bild als Kunstwerk wie z. B. bei der Pietà Michelangelos im Petersdom – die künstlerische Vollkommenheit und Schönheit könnte die Vermittlung Marias beeinträchtigen, weil wir mehr die Kunst als die Botschaft des Bildes betrachten. Wer erstmals als Pilger nach Kevelaer kommt, ist erstaunt, wie schlicht das Gnadenbild ist. Aber dann verstehen wir, dass es seit Jahrhunderten wie eine Gnadenquelle das Heiligtum bereichert hat.

Das Heiligtum wurde genau an der von der Stimme angegebenen Stelle errichtet: am Kreuzweg in der Nähe des Hagelkreuzes. Es ist auch heute noch – dank der Treue der für das Pilgerheiligtum Verantwortlichen – vom Weg aus zu sehen. Man braucht nicht einmal in ein Gebäude einzutreten. Man könnte es vom Auto aus anschauen und grüßen, in jener Zeit von der Kutsche aus, ohne anzuhalten: ein Gruß zur Muttergottes – ihr Trost für uns Betrübte. Maria ist ja Wegweiserin, keine Straßenblockade und kein Hindernis.

Warum gerade ein Bild Marias in der Nähe eines Hagelkreuzes? Wir sind nicht alle wie der gute Schächer, der seine Fehler und Missetaten anerkannte und Jesus um sein Erbarmen bat. Manche schämen sich, sich im Gebet direkt an Christus zu wenden, manchmal, weil sie Schwierigkeiten haben, seine ganze Lehre anzunehmen. So war es bei einem Gefangenen, der wegen eines Verbrechens, das er begangen hatte, lebenslänglich eingesperrt war, aber auch wegen anderer, zu denen er andere verleitet hatte. Doch hatte er sich besonnen und war ein „vorbildlicher Gefangener“ geworden. Eines Tages offenbarte er dem Gefängnisseelsorger das Geheimnis seiner Bekehrung. „Pater“, sagte er, „ich kann das Vaterunser nicht beten, weil ich nicht bereit bin, anderen ihre Schuld zu vergeben. Ich habe aber meiner Mutter am Anfang meiner ersten Gefängnisstrafe versprochen, jeden Tag einmal das Ave Maria zu beten. Maria hat mir aus meiner Misere herausgeholfen; sie ist meine Trösterin.“ Vor seinem Tod konnte sich dieser Räuber und Verbrecher mit Christus und mit „den anderen“ versöhnen – dank Maria, der Wegweiserin zu Christus.

3. Das Pilgerportal an der Marienbasilika ist etwas Neues, das für uns und alle Pilger ein Zeichen und Mittel der Bekehrung ist. Ein Portal ist für das Betreten und Verlassen der Basilika eine unabdingbare Voraussetzung. Aus einem Raum in einen anderen zu gehen – von außen nach innen oder umgekehrt: wer durch ein Portal geht, bekommt eine andere Position. Draußen ist es kalt, innen warm – oder im Sommer umgekehrt. Weltliches, hektisches Leben außen, religiöses, beschauliches innen, Stille innen, irdische Geschäftigkeit draußen.

Durch das Pilgerportal in die Marienbasilika einzutreten, bedeutet, einen ganz bestimmten Weg anzunehmen. Maria führt uns zu ihrem Sohn. Die Darstellung auf den zwei Teilen des Portals dient uns als Katechese über die Bedeutung unserer Anwesenheit hier in Kevelaer. Sie stellt „die Kirche auf dem Weg durch die Zeit“ dar, d. h. von der Menschwerdung Christi und der Entstehung der Kirche an Pfingsten bis zum Himmel, zur Auferstehung der Toten und zum ewigen Leben.

Im Gleichnis vom Hirten und seiner Herde hat sich Christus nicht nur als den guten Hirten seiner Schafe bezeichnet, sondern auch als das Portal: „Ich bin die Tür. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden“ (Joh 10, 9). Das Portal ist also ein Zeugnis der Erlösung in Christus, durch Christus und mit Christus. Wie der Apostel Petrus nach der Heilung des Gelähmten sagte, „ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden“ (Apg 4, 12).

Maria ist auf dem Portal zweimal dargestellt: im Bild von Pfingsten inmitten der Apostel und dann am Ende ihres und der Kirche irdischen Weges im Himmel, in den sie mit Leib und Seele aufgenommen ist. Sie stellt ja die Kirche dar auf ihrem Weg zur Vollendung und Heiligung. Sie ist ja Mutter Christi und Mutter der Kirche und deshalb auch Trösterin der Betrübten. Mit ihr weitet sich die enge Tür des Heiles: Ihr Sohn Jesus verschließt sich nicht den Bitten seiner Mutter.

Wenn wir unsere Betrachtung über das Charisma Kevelaers für unsere irdische Pilgerschaft zusammenfassen, ist es besonders eines, was wir mit nach Hause nehmen sollen: die Weisung an die Tischdiener bei der Hochzeit zu Kana: „Was er euch sagt, das tut!“

Als Mutter ist Maria seinetwegen in unserer Mitte. Ihr irdisches Bild ist unscheinbar. Sie weist auf ihn, der als Licht der Welt unser Herz erleuchten will. Als Wegweiserin steht sie für uns an jeder Kreuzung unseres Lebens, in jeder Entscheidung ist sie diejenige, die uns die richtige Richtung weist.

Amen.