Predigten
Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
anlässlich der Quirinuswallfahrt in Neuss
(Quirinusmünster zu Neuss, 3. Mai 2009)
Einführung:
Sehr geehrter, lieber Herr Regionaldekan,
liebe Mitbrüder im Priester-und Diakonenamt,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Ich danke dem Pfarrer des Quirinusmünsters, Msgr. Assmann, für die Einladung, diesen festlichen Gottesdienst mit Ihnen zu feiern, und begrüße alle, die ihn mit uns feiern.
Das heutige Jubiläum der Grundsteinlegung dieser Kirche vor 800 Jahren ist ein Fest, das uns unter drei Aspekten zur Dankbarkeit einlädt: Unser Dank gebührt zunächst Gott, von dem alles Gute kommt – „in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg 17, 28) -, er gilt dem heiligen Quirinus, der durch die Hingabe seines Lebens für Christus Zeuge des Glaubens und für uns ein Vorbild in der Nachfolge Christi ist, und schließlich schulden wir Dank Ihren Vorfahren, die den heiligen Quirinus zu ihrem Stadtpatron erhoben und ihm zu Ehren in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts dieses Münster errichtet haben, in dem sein Schrein seit 1250 aufbewahrt wird.
So wollen wir in dieser Messfeier Gott für seine vielfältigen Gaben danken, uns aber auch als sündige Menschen bekennen, die nicht immer bereit sind, uns dem Angebot seiner Liebe zu öffnen, und ihn um Vergebung unserer Sünden bitten.
Predigt:
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
In der Präfation zu Ehren der Heiligen hören wir den Satz: „In der Krönung ihrer Verdienste krönst du das Werk deiner Gnade ". Er bietet uns den Schlüssel für unsere heutige Betrachtung. Bei unserer Feier geht es um die Grundsteinlegung dieses Münsters vor 800 Jahren, um den heiligen Quirinus, Ihren Stadtpatron, und schließlich um Ihre Vorfahren, die den Heiligen mit einem würdigen Dom ehren wollten.
Das Gedenken an historische Ereignisse hat seine Bedeutung weniger im Blick auf die Vergangenheit als auf die Gegenwart und die Zukunft. Es geht um die Erinnerung, die heute bewahrt wird, auch damit spätere Generationen in den Genuss der bleibenden Werte kommen, die sich bestimmten Ereignissen oder Personen der Vergangenheit verdanken. So sagt z. B. Mose während der Wüstenwanderung zum Volk der Israeliten: „Schenkt allen Bestimmungen eure Beachtung. Heute beschwöre ich euch: Verpflichtet eure Kinder, dass auch sie auf alle Bestimmungen dieser Weisung achten und sie halten" (Dtn 32, 46).
Das Gedächtnis bedeutsamer Ereignisse der Vergangenheit ist geeignet, kostbare dauerhafte Werte weiterzugeben. Heute geht es um dieses Münster, das sich auch bei einem Vergleich mit dem Kölner Dom nicht zu verstecken braucht. Und der heilige Quirinus, ein römischer Märtyrer aus der Zeit des Kaisers Trajan am Anfang der zweiten Jahrhunderts nach Christus, wird heute auch als Quirinus von Neuss bezeichnet, weil er dank der Ehre, die ihm in Neuss zuteil wurde, auch anderswo bekannt wurde und der römischen Vergessenheit entrissen wurde.
Ich möchte deshalb das Wissen über den Stadtpatron etwas entfalten, damit die Verbindung mit dem, für den dieses Bauwerk errichtet wurde, enger wird und die Werte der Nachfolge Christi, für die er bis zur Hingabe seines Lebens eingestanden ist, auch uns immer tiefer prägen.
Quirinus war - so wird uns in der Legenda aurea überliefert - Tribun im römischen Heer und sollte bei der Christenverfolgung unter Kaiser Trajan drei Christen, die zum Tode verurteilt waren, im Mamertinischen Kerker unter Bewachung halten, Papst Alexander, Eventius und Theodulus. Die Treue zu Christus, der Mut, den diese angesichts des Todes hatten, und die Wunder, die sie vor den Augen des Quirinus wirkten, brachten ihn zur Bekehrung. Auch er wollte Anteil am Leben Christi haben und ließ sich zusammen mit seiner Tochter Balbina taufen. Dadurch legte er ein Zeugnis für Christus ab und lebte auf seine Weise das, was Petrus und Johannes nach der Heilung des Gelähmten dem Hohen Rat sagten: „Ob es vor Gott recht ist, mehr auf euch zu hören als auf Gott, das entscheidet selbst. Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben" (Apg 4, 19-20. War Quirinus dem Kaiser gegenüber untreu? Nein, denn er hatte sein Amt entsprechend dem Recht ausgeübt. Obwohl er um die Konsequenzen der Bekehrung wusste, zögerte er nicht, Christ zu werden. Durch das Zeugnis der drei vor seinen Augen hingerichteten Märtyrer wusste er auch, woher die Heilung des Gelähmten kam: „Es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen" (Apg 4, 12).
Ob dieses Martyrium sich in allen Einzelheiten wirklich so abgespielt hat, wie es überliefert wird, ist für uns nicht entscheidend, unstrittig wahr aber bleibt, dass Quirinus ein Zeuge Christi war, der seinen Glauben an Christus mit dem Leben bezahlt hat. Wie alle Märtyrer hat er die Mahnung Jesu ernst genommen: „Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein" (Lk 14. 26).
So haben Sie in Ihrem Stadtpatron ein vortreffliches Vorbild des christlichen Lebens. Da Neuss schon zur Trajans Zeit eine Garnisonstadt am Rhein war - Castrum novaesium genannt -, verstehen wir, warum die Kontakte mit Rom so gut waren - bis hin zur Überführung der Gebeine des Märtyrertribuns von Rom nach Neuss.
2. Deshalb verstehen wir, warum die hiesigen Menschen vor 800 Jahren ein neues Münster zu Ehren des heiligen Quirinus errichten wollten. Die Grundsteinlegung erinnert uns an den Vers 22 von Psalm 118, den die Apostel Petrus und Johannes in dem schon kurz erwähnten Verhör vor dem Hohen Rat in Jerusalem zitieren und auf Jesus Christus anwenden: „Er (Jesus) ist der Stein, der von den Bauleuten verworfen wurde, der aber zum Eckstein geworden ist" (Apg 4, 11). Um dasselbe Bild geht es, wenn es bei der Ankündigung der kommenden Rolle des Petrus in der Kirche geht: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen" (Mt 16, 18). In beiden Fällen geht es also um Festigkeit des Fundaments: Das, was gemacht wird, soll auf immer so bestehen.
Ist unsere heutige Feier nicht eine gute Gelegenheit, den Glauben mit dem Ausdruck der Frömmigkeit zu Ehren des heiligen Quirinus, dessen Schrein wir hier vor Augen haben, zu verbinden, um unsere christlichen Werte neu zur Geltung zu bringen und zu verstärken? Dieses Münster ist trotz der Schäden, die es im Zweiten Weltkrieg erlitten hat, ein Zeuge dieser Werte. Seiner Wiederherstellung unmittelbar nach Kriegsende und in Treue zu seiner ursprünglichen Gestalt weist auf die gleichen christlichen Wurzeln. Derselbe Glaube und die gleiche Verehrung für den Stadtpatron verbinden uns mit den früheren Generationen. Sie können alle stolz darauf sein; Sie tragen aber auch Verantwortung dafür, diesen Glauben und diese Frömmigkeit, diese christlichen Werte künftigen Generationen weiterzugeben.
Dazu kann ich Ihnen ein sicheres und wirksames Mittel anraten: Tragen Sie Sorge für Ihre Familien, für das Familienleben, für die religiöse Bildung Ihrer Kinder.- Die Familie sollte wieder der Hauptträger der Überlieferung menschlicher und christlicher Werte sein. Solche Verantwortung wahrzunehmen, ist sicher heute viel schwieriger als gestern, weil es heute viel mehr Akteure außerhalb der Familie gibt, die Werte - ihre Werte - vermitteln möchten. Aber es geht um unser Gemeinwohl, für das alle eine Verantwortung tragen. In Übereinstimmung mit Papst Johannes Paul IL, der in seiner ersten Enzyklika Redemptor hominis (4. März 1979) sagt: „Der Mensch ist der erste und grundlegende Weg der Kirche" (Nr. 14), sage ich heute: „Die Familie ist der Weg der Kirche."
3. Damit sind wir zum dritten Feld unserer Betrachtung gekommen: Was bedeutet für uns heute das Martyrium des heiligen Quirinus? Was bedeutet für uns heute sein Münster mitten in der Stadt Neuss? Ist es ein Denkmal für Touristen oder der Ort der täglichen Begegnung mit Christus? Ein Held aus alter grausamer Vorzeit, in der Religionsfreiheit unbekannt war, oder ein Vorbild für meine Beziehung zu Christus, in der es darum geht, dem Willen Gottes den ersten Platz zu geben - bis hin zur Selbsthingabe? Dieses Münster hat Jahrhunderte überdauert. Würde das so bleiben, wenn wir seine ursprüngliche Bedeutung nicht bewahren? Dies ist eine ernste und sehr bedenkenswerte Frage. Da wir aber ein geschichtliches Ereignis feiern - und in ihm auch den Heiligen, der mehrfach in der Geschichte der Stadt die Macht seiner Fürsprache gezeigt hat -, haben wir es selbst in der Hand, aus der Feier neu Kraft und Mut zu schöpfen. Wir stehen in der Nachfolge jener Bauleute, die vor 800 Jahren den Grundstein dieses Münsters gelegt haben. Wir verehren den heiligen Tribun Quirinus als Zeugen des christlichen Lebens und haben den Wunsch, selber nach seinem Vorbild zu leben.
Diese Entscheidung ist verwurzelt im Herzen eines jeden von uns und auch in der Stadt Neuss. Der heilige Quirinus von Neuss ist Ihr Stadtpatron. Von hier ist er in andere Städte und Länder gebracht worden.
Möge er Ihnen allen als Fürsprecher von Gott die Gnade erbitten, dass auch für Sie in Abwandlung des eingangs zitierte Wortes aus der Präfation für die Heiligen gilt: „In der Krönung unserer Verdienste krönt Gott das Werk seiner Gnade ".
Amen.






