Predigten
________________________________________________________________________________________________Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
am Fest der Heiligen Hildegard von Bingen
(Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Hildegard in Eibingen, 17. September 2008)
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
am Fest der Heiligen Hildegard von Bingen
(Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Hildegard in Eibingen, 17. September 2008)
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Einführung:
Ich danke Herrn Bischof Dr. Tebartz-van Elst für seine Einladung, diesem feierlichen Gottesdienst am Fest der heiligen Hildegard hier in Eibingen vorzustehen, und für seinen herzlichen Willkommensgruß jetzt zu Beginn der Feier.
Mit ihm begrüße ich alle, die sich hier vor der Pfarrkirche, der früheren Klosterkirche, zur Feier der Eucharistie versammelt haben.
Heilige können – und das trifft auch für die heilige Hildegard zu – für manche ihrer Mitmenschen unbequem sein, weil sie die Wirklichkeit mit prophetischer Klarheit sehen und Missstände unverblümt beim Namen nennen. Das gehört zu ihrem Dienst an den Menschen, der sich durch ihre Schriften auch späteren Generationen erweisen.
Bitten wir nun den Herrn, dass er uns zeige, wo wir uns ihm oder dem andern neben uns verweigern, wo wir es im Denken und Tun an Lauterkeit fehlen lassen, bitten wir, dass er uns auf die Fürsprache der heiligen Hildegard unsere Schuld vergebe.
Predigt:
„Gott … hilf uns, nach ihrem Vorbild über deine Wege nachzusinnen …, damit wir … das Licht deiner Wahrheit erkennen“ (Tagesgebet)
Exzellenz, lieber Bischof Franz-Peter,
liebe Brüder Bischöfe, Priester und Diakone,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Wenn wir Feste von Heiligen feiern – wie heute das der heiligen Hildegard von Bingen –, beten wir, dass wir auf ihre Fürbitte etwas von Gott empfangen. Es geht also um drei „Mitwirkende“: um Gott, um die Heiligen und um uns selber, die am Fest und, wie wir hoffen, immer zusammenwirken; so vertrauen wir heute, dass unsere Landsmännin Hildegard unsere Anliegen vor Gott bringt. Die Heiligen brauchen nicht unser Gebet, weil sie das endgültige Ziel ihres Lebens, das Reich Gottes, schon ganz und voll erreicht haben; wir aber brauchen ihre Hilfe, damit wir wie Bergsteiger, die an den Führer angeseilt sind, auf dem richtigen und sicheren Weg den Gipfel erreichen. Im Glaubensbekenntnis bekennen wir den Glauben an die „Gemeinschaft der Heiligen“; es geht nicht nur um eine theologische Aussage, sondern wesentlich auch um die Wirklichkeit unserer Beziehung zu Gott, bei der die Heiligen uns zur Seite stehen, damit wir wie sie und mit ihnen dem Reich Gottes angehören. An diesem Fest der heiligen Hildegard betrachten wir die Heilige als Vorbild, als Wegweiserin und als Fürsprecherin, wie das Tagesgebet sie uns vor Augen stellte.
1. Der Begriff „Vorbild“ enthält sprachlich zwei für uns hilfreiche Elemente: Die Vorsilbe „Vor“ lässt in ihrer räumlichen Bedeutung die heilige Hildegard als eine Christin vor uns stehen, die ihr Leben ganz und gar aus dem Glauben an Jesus Christus und in der Treue zu ihm geführt hat. Sie hat aber auch eine zeitliche Bedeutung und verweist dann darauf, dass Hildegard in einer längst vergangenen Zeit gelebt hat: um die Mitte des 12. Jahrhunderts, also in einer Zeit, die gekennzeichnet ist durch große Ereignisse in der Kirche und in Europa; es war die Zeit Bernhards von Clairvaux, der das Mönchtum des heiligen Benedikt erneuert und mit neuer Leuchtkraft erfüllt hat und die Adeligen zum Kreuzzug aufrief; es war eine Zeit, in der die Kirche in ganz Europa mit neuen Bistümern und Abteien eine Blütezeit erlebte.
Das zweite Element in „Vorbild“, „das Bild“, ist etwas, was wir direkt anschauen und verstehen können, solange unsere Augen offen sind. Die heilige Hildegard wird uns als eine Frau vorgestellt, die völlig den Erfordernissen ihrer Zeit entsprach, als Klausurfrau eifrig in der Verwirklichung der Nachfolge Christi, ganz Gott hingegeben wie auch den Menschen, denen sie durch zahlreichen Schriften ihre Gaben mitteilte, sei es durch ihre Schriften aus dem Bereich der Heilkunde und der Naturkunde für das irdische Leben, sei es in ihrer Glaubenskunde in Form von 26 Visionen, dem berühmten „Scivias“, sowie dem „Buch der Lebensverdienste“ – einer Sitten- und Tugendlehre - und dem „Buch der göttlichen Werke“, einer mystischen Kosmologie – um einzelne als Beispiele zu nennen. All das wurde uns gegeben, damit wir in diesen Werken Gott, den Schöpfer und Erlöser, als Quelle unseres Lebens anerkennen.
In diesen Werken ist die heilige Hildegard Abbild Gottes und Vorbild; denn in ihr und in ihrem Werk wird die Liebe Gottes - oder besser gesagt: Gott als Liebe (vgl. 1 Joh 4, 16) – sichtbar. „Die Heiligen sind“, wie ein Bube der Pfarrei Notre-Dame in Genf, wo ich als Kaplan tätig war, einmal sagte, „jene, die vom Licht durchdrungen sind.“ Er dachte an die Glasfenster der Basilika, auf denen Heilige dargestellt sind. Im heutigen Tagesgebet sagen wir nichts anderes, wenn wir hoffen, durch die heilige Hildegard „in der Dunkelheit dieser Welt das Licht der Klarheit Gottes (zu) erkennen“ (Tagesgebet).
2. Die heilige Hildegard ist uns Wegweiserin in der Art und Weise, wie sie Zeugin Christi war. Die Heiligsprechung ist nichts anderes als die Anerkennung, dass der betreffende Christ sich völlig Gott hingegeben hat und ihm immer treu geblieben ist. Sicher war es für Hildegard wie für uns ein Kampf gegen sich selbst, um „Christus nichts vorzuziehen“, wie Papst Benedikt mit dem heiligen Cyprian und dem Mönchsvater Benedikt immer wieder mahnt. Wenn Christus zu seinen Jüngern sagte: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Mt 5, 48), hat er von ihnen - und von uns heute – nicht etwas Unmögliches verlangt; denn er steht uns zur Seite. Das zeigt sich schon darin, wie er uns im Gebet des Vaterunser lehrt, die Hilfe Gottes zu erbitten. Alle Heiligen – und besonders Hildegard in ihrer Klausur – sind Giganten im Gebet, weil sie wissen, dass wir ohne Gott nichts tun können (vgl. Joh 15, 5).
Es kann nicht darum gehen, die Heilige in allen Bereichen des Lebens einfach nachzuahmen, wie manchmal Fans einen Sportler oder Musikstar bis hin zur Kleidung zu kopieren versuchen; es geht vielmehr um die gleiche Beharrlichkeit in der Treue zu Christus, um die Großzügigkeit in der Nächstenliebe, um die Demut. In allen Heiligen finden wir die gleichen Züge oder Grundrisse des Abbildes Christi, aber in der Vielfalt der Anpassung an die zeitlichen oder lokalen Gegebenheiten.
So beten wir heute im Tagesgebet vom Fest der heiligen Hildegard zu Gott: „Hilf uns, nach ihrem Vorbild über deine Wege nachzusinnen“, also nicht, die Einzelheiten der Heiligkeit der heiligen Hildegard nachzuahmen, sondern ihr in ihrer Hingabe an Christus zu folgen. Sie ist für uns auch heute noch die erste der Seilschaft, die uns auf sicherem Weg zu Christus führt. Ihre geistlichen Schriften helfen uns auch heute noch, Christus zu betrachten, ihn tief zu erkennen und ihn immer tiefer zu lieben.
In dieser Messfeier kommt das Wort „Weg“ in den Amtsgebeten des Priesters dreimal vor: im Tagesgebet, im Gabengebet und im Schlussgebet. Ich sehe darin einen besonderen Hinweis an uns, dass es eine Gottesgabe ist, die heilige Hildegard als Wegweiserin nehmen zu können.
3. Schließlich ist die heilige Hildegard mit und in Christus und im Heiligen Geist unsere Fürsprecherin beim Vater. Warum? Einfach deswegen, weil unsere Brüder und Schwestern, die das Reich Gottes erreicht haben, uns nicht vergessen. Der heilige Paulus sagt zu Recht, dass „die Liebe niemals aufhört“ (1 Kor 13, 8): sicher die Liebe zu Gott, weil das Erreichen des Reiches Gottes für den Menschen ja darin besteht, dass er ewig in und mit Gott ist; das gilt aber auch für die Nächstenliebe; denn die Heiligen kümmern sich auch um uns, die wir noch auf dem Weg zum Himmel sind, wo die „Gemeinschaft der Heiligen“ ihre Vollkommenheit erreicht.
Das Fest der heiligen Hildegard ist uns ein Ansporn, ihr unsere Anliegen anzuvertrauen. Und wir werden sicher nicht enttäuscht, da sie auf Erden so viel für die Menschen getan hat und immer noch weiter tut durch ihre Fürbitte und ihre Schriften. Heutzutage werden besonders die heilkundlichen gelesen, die das Ziel haben, uns zu Ehrfurcht und zu Respekt vor der Schöpfung Gottes zu führen. Hildegard von Bingen wird so ein Vorbild des Glaubens an Gott, den Schöpfer, und das in einer Gesellschaft, die die Schöpfung durch ein überzogenes Konsumdenken zu vernichten droht.
Wenn wir unsere Betrachtung zusammenfassen, können wir die drei Lesungen dieser Messfeier in unseren Herzen zum Klingen bringen.
Die erste aus dem Buch der Weisheit lässt uns verstehen, dass die heilige Hildegard so begabt war – ihre zahlreichen Schriften lassen keinen Zweifel daran aufkommen -,weil sie Gott in sich herrschen ließ. Ihre Einsiedelei war keine Flucht aus der Welt, sondern ein Dienst an der Welt in und durch Christus.
Die Zweite Lesung aus dem Ersten Brief des Apostel Paulus an Timotheus lenkt unseren Blick darauf, wie Hildegard entsprechend den Gaben, die Gott ihr schenkte, in Treue ihren Weg ging, allen Schwierigkeiten und Anfeindungen zum Trotz, so dass sie für die Gläubigen ein Vorbild in ihren Worten, in ihrem Lebenswandel, in ihrer Liebe, im Glauben und in der Lauterkeit ist (vgl. 1 Tim 4, 12). Gibt es eine bessere Definition eines heiligen Menschen?
Das Evangelium schließlich, das Gleichnis von den Klugen und törichten Jungfrauen, enthält eine gerade auch für die heutige Zeit notwendige Weisung, genügend Öl in unseren Krügen mitzunehmen. Die heilige Hildegard hat es getan, indem sie einen lebendigen Glauben, eine unerschütterliche Hoffnung und eine wirksame Gottes- und Nächstenliebe bewahrte.
So hat sie gelebt, so wollen wir es tun: mit der Gnade Gottes, unserem geistigen Öl in den Krügen, die wir seit unserer Taufe in der Kirche besitzen.
Amen!
Ich danke Herrn Bischof Dr. Tebartz-van Elst für seine Einladung, diesem feierlichen Gottesdienst am Fest der heiligen Hildegard hier in Eibingen vorzustehen, und für seinen herzlichen Willkommensgruß jetzt zu Beginn der Feier.
Mit ihm begrüße ich alle, die sich hier vor der Pfarrkirche, der früheren Klosterkirche, zur Feier der Eucharistie versammelt haben.
Heilige können – und das trifft auch für die heilige Hildegard zu – für manche ihrer Mitmenschen unbequem sein, weil sie die Wirklichkeit mit prophetischer Klarheit sehen und Missstände unverblümt beim Namen nennen. Das gehört zu ihrem Dienst an den Menschen, der sich durch ihre Schriften auch späteren Generationen erweisen.
Bitten wir nun den Herrn, dass er uns zeige, wo wir uns ihm oder dem andern neben uns verweigern, wo wir es im Denken und Tun an Lauterkeit fehlen lassen, bitten wir, dass er uns auf die Fürsprache der heiligen Hildegard unsere Schuld vergebe.
Predigt:
„Gott … hilf uns, nach ihrem Vorbild über deine Wege nachzusinnen …, damit wir … das Licht deiner Wahrheit erkennen“ (Tagesgebet)
Exzellenz, lieber Bischof Franz-Peter,
liebe Brüder Bischöfe, Priester und Diakone,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Wenn wir Feste von Heiligen feiern – wie heute das der heiligen Hildegard von Bingen –, beten wir, dass wir auf ihre Fürbitte etwas von Gott empfangen. Es geht also um drei „Mitwirkende“: um Gott, um die Heiligen und um uns selber, die am Fest und, wie wir hoffen, immer zusammenwirken; so vertrauen wir heute, dass unsere Landsmännin Hildegard unsere Anliegen vor Gott bringt. Die Heiligen brauchen nicht unser Gebet, weil sie das endgültige Ziel ihres Lebens, das Reich Gottes, schon ganz und voll erreicht haben; wir aber brauchen ihre Hilfe, damit wir wie Bergsteiger, die an den Führer angeseilt sind, auf dem richtigen und sicheren Weg den Gipfel erreichen. Im Glaubensbekenntnis bekennen wir den Glauben an die „Gemeinschaft der Heiligen“; es geht nicht nur um eine theologische Aussage, sondern wesentlich auch um die Wirklichkeit unserer Beziehung zu Gott, bei der die Heiligen uns zur Seite stehen, damit wir wie sie und mit ihnen dem Reich Gottes angehören. An diesem Fest der heiligen Hildegard betrachten wir die Heilige als Vorbild, als Wegweiserin und als Fürsprecherin, wie das Tagesgebet sie uns vor Augen stellte.
1. Der Begriff „Vorbild“ enthält sprachlich zwei für uns hilfreiche Elemente: Die Vorsilbe „Vor“ lässt in ihrer räumlichen Bedeutung die heilige Hildegard als eine Christin vor uns stehen, die ihr Leben ganz und gar aus dem Glauben an Jesus Christus und in der Treue zu ihm geführt hat. Sie hat aber auch eine zeitliche Bedeutung und verweist dann darauf, dass Hildegard in einer längst vergangenen Zeit gelebt hat: um die Mitte des 12. Jahrhunderts, also in einer Zeit, die gekennzeichnet ist durch große Ereignisse in der Kirche und in Europa; es war die Zeit Bernhards von Clairvaux, der das Mönchtum des heiligen Benedikt erneuert und mit neuer Leuchtkraft erfüllt hat und die Adeligen zum Kreuzzug aufrief; es war eine Zeit, in der die Kirche in ganz Europa mit neuen Bistümern und Abteien eine Blütezeit erlebte.
Das zweite Element in „Vorbild“, „das Bild“, ist etwas, was wir direkt anschauen und verstehen können, solange unsere Augen offen sind. Die heilige Hildegard wird uns als eine Frau vorgestellt, die völlig den Erfordernissen ihrer Zeit entsprach, als Klausurfrau eifrig in der Verwirklichung der Nachfolge Christi, ganz Gott hingegeben wie auch den Menschen, denen sie durch zahlreichen Schriften ihre Gaben mitteilte, sei es durch ihre Schriften aus dem Bereich der Heilkunde und der Naturkunde für das irdische Leben, sei es in ihrer Glaubenskunde in Form von 26 Visionen, dem berühmten „Scivias“, sowie dem „Buch der Lebensverdienste“ – einer Sitten- und Tugendlehre - und dem „Buch der göttlichen Werke“, einer mystischen Kosmologie – um einzelne als Beispiele zu nennen. All das wurde uns gegeben, damit wir in diesen Werken Gott, den Schöpfer und Erlöser, als Quelle unseres Lebens anerkennen.
In diesen Werken ist die heilige Hildegard Abbild Gottes und Vorbild; denn in ihr und in ihrem Werk wird die Liebe Gottes - oder besser gesagt: Gott als Liebe (vgl. 1 Joh 4, 16) – sichtbar. „Die Heiligen sind“, wie ein Bube der Pfarrei Notre-Dame in Genf, wo ich als Kaplan tätig war, einmal sagte, „jene, die vom Licht durchdrungen sind.“ Er dachte an die Glasfenster der Basilika, auf denen Heilige dargestellt sind. Im heutigen Tagesgebet sagen wir nichts anderes, wenn wir hoffen, durch die heilige Hildegard „in der Dunkelheit dieser Welt das Licht der Klarheit Gottes (zu) erkennen“ (Tagesgebet).
2. Die heilige Hildegard ist uns Wegweiserin in der Art und Weise, wie sie Zeugin Christi war. Die Heiligsprechung ist nichts anderes als die Anerkennung, dass der betreffende Christ sich völlig Gott hingegeben hat und ihm immer treu geblieben ist. Sicher war es für Hildegard wie für uns ein Kampf gegen sich selbst, um „Christus nichts vorzuziehen“, wie Papst Benedikt mit dem heiligen Cyprian und dem Mönchsvater Benedikt immer wieder mahnt. Wenn Christus zu seinen Jüngern sagte: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Mt 5, 48), hat er von ihnen - und von uns heute – nicht etwas Unmögliches verlangt; denn er steht uns zur Seite. Das zeigt sich schon darin, wie er uns im Gebet des Vaterunser lehrt, die Hilfe Gottes zu erbitten. Alle Heiligen – und besonders Hildegard in ihrer Klausur – sind Giganten im Gebet, weil sie wissen, dass wir ohne Gott nichts tun können (vgl. Joh 15, 5).
Es kann nicht darum gehen, die Heilige in allen Bereichen des Lebens einfach nachzuahmen, wie manchmal Fans einen Sportler oder Musikstar bis hin zur Kleidung zu kopieren versuchen; es geht vielmehr um die gleiche Beharrlichkeit in der Treue zu Christus, um die Großzügigkeit in der Nächstenliebe, um die Demut. In allen Heiligen finden wir die gleichen Züge oder Grundrisse des Abbildes Christi, aber in der Vielfalt der Anpassung an die zeitlichen oder lokalen Gegebenheiten.
So beten wir heute im Tagesgebet vom Fest der heiligen Hildegard zu Gott: „Hilf uns, nach ihrem Vorbild über deine Wege nachzusinnen“, also nicht, die Einzelheiten der Heiligkeit der heiligen Hildegard nachzuahmen, sondern ihr in ihrer Hingabe an Christus zu folgen. Sie ist für uns auch heute noch die erste der Seilschaft, die uns auf sicherem Weg zu Christus führt. Ihre geistlichen Schriften helfen uns auch heute noch, Christus zu betrachten, ihn tief zu erkennen und ihn immer tiefer zu lieben.
In dieser Messfeier kommt das Wort „Weg“ in den Amtsgebeten des Priesters dreimal vor: im Tagesgebet, im Gabengebet und im Schlussgebet. Ich sehe darin einen besonderen Hinweis an uns, dass es eine Gottesgabe ist, die heilige Hildegard als Wegweiserin nehmen zu können.
3. Schließlich ist die heilige Hildegard mit und in Christus und im Heiligen Geist unsere Fürsprecherin beim Vater. Warum? Einfach deswegen, weil unsere Brüder und Schwestern, die das Reich Gottes erreicht haben, uns nicht vergessen. Der heilige Paulus sagt zu Recht, dass „die Liebe niemals aufhört“ (1 Kor 13, 8): sicher die Liebe zu Gott, weil das Erreichen des Reiches Gottes für den Menschen ja darin besteht, dass er ewig in und mit Gott ist; das gilt aber auch für die Nächstenliebe; denn die Heiligen kümmern sich auch um uns, die wir noch auf dem Weg zum Himmel sind, wo die „Gemeinschaft der Heiligen“ ihre Vollkommenheit erreicht.
Das Fest der heiligen Hildegard ist uns ein Ansporn, ihr unsere Anliegen anzuvertrauen. Und wir werden sicher nicht enttäuscht, da sie auf Erden so viel für die Menschen getan hat und immer noch weiter tut durch ihre Fürbitte und ihre Schriften. Heutzutage werden besonders die heilkundlichen gelesen, die das Ziel haben, uns zu Ehrfurcht und zu Respekt vor der Schöpfung Gottes zu führen. Hildegard von Bingen wird so ein Vorbild des Glaubens an Gott, den Schöpfer, und das in einer Gesellschaft, die die Schöpfung durch ein überzogenes Konsumdenken zu vernichten droht.
Wenn wir unsere Betrachtung zusammenfassen, können wir die drei Lesungen dieser Messfeier in unseren Herzen zum Klingen bringen.
Die erste aus dem Buch der Weisheit lässt uns verstehen, dass die heilige Hildegard so begabt war – ihre zahlreichen Schriften lassen keinen Zweifel daran aufkommen -,weil sie Gott in sich herrschen ließ. Ihre Einsiedelei war keine Flucht aus der Welt, sondern ein Dienst an der Welt in und durch Christus.
Die Zweite Lesung aus dem Ersten Brief des Apostel Paulus an Timotheus lenkt unseren Blick darauf, wie Hildegard entsprechend den Gaben, die Gott ihr schenkte, in Treue ihren Weg ging, allen Schwierigkeiten und Anfeindungen zum Trotz, so dass sie für die Gläubigen ein Vorbild in ihren Worten, in ihrem Lebenswandel, in ihrer Liebe, im Glauben und in der Lauterkeit ist (vgl. 1 Tim 4, 12). Gibt es eine bessere Definition eines heiligen Menschen?
Das Evangelium schließlich, das Gleichnis von den Klugen und törichten Jungfrauen, enthält eine gerade auch für die heutige Zeit notwendige Weisung, genügend Öl in unseren Krügen mitzunehmen. Die heilige Hildegard hat es getan, indem sie einen lebendigen Glauben, eine unerschütterliche Hoffnung und eine wirksame Gottes- und Nächstenliebe bewahrte.
So hat sie gelebt, so wollen wir es tun: mit der Gnade Gottes, unserem geistigen Öl in den Krügen, die wir seit unserer Taufe in der Kirche besitzen.
Amen!






