Predigten
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Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
zur Eröffnung des diözesanen Kreuzfestes
(Bischof-Blum-Platz in Geisenheim, 14. September 2008)
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Einführung:
Schwestern und Brüder im Herrn!
Herzlich danke ich Herrn Bischof Dr. Tebartz-van Elst für seine Worte zur Begrüßung, aber auch für seine Einladung, das Bistum Limburg zu besuchen.
Mein Gruß gilt allen, die heute am Kreuzfest an der festlichen Eucharistiefeier am Abschlusstag der diözesanen Kreuzwoche 2008 hier in Geisenheim teilnehmen.
Das Kreuz Christi ist für uns Christen das Zeichen des Sieges über den Tod; denn der Vater erweckte Jesus, der am Kreuz starb, zu neuem Leben. Als Getaufte haben wir teil an diesem neuen Leben. Das erfüllt uns mit Hoffnung und Zuversicht. Zugleich sind wir aufgefordert, dieser neuen Wirklichkeit in unserem Denken und Tun täglich neu zu entsprechen, d. h. immer mehr Menschen nach dem Herzen Gottes zu werden, der uns mit seinem Heiligen Geist erfüllt. Gott will uns als Zeugen seiner Liebe, die den Mitmenschen die Antworten des Glaubens auf ihre oft nicht bewussten Fragen vorleben.
Bitten wir den Herrn zu Beginn dieser Feier, dass er uns zeige, wo wir dem alten Menschen noch verhaftet sind und wir uns zu wenig vom Heiligen Geist leiten lassen. Bitten wir, dass er uns unsere Schuld vergebe und uns für unseren Weg mit seiner Kraft erfülle.
Predigt:
Exzellenz,
liebe Brüder im Priester- und Diakonenamt,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
„Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3, 16). Diese Worte Jesu, die wir gerade im Evangelium gehört haben, sind uns eine Einladung, unseren irdischen Weg in Beharrlichkeit im Glauben zu gehen. Was das Kreuz Christi, mit dem uns das Kreuzfest konfrontiert, bedeutet, wie es uns zur Quelle der Gnade werden kann und wie wir es in der Nachfolge Christi tragen können, darüber wollen wir im Lichte der Lesungstexte nachdenken.
1. Welche Bedeutung hat das Kreuz? In der Ersten Lesung haben wir gehört, wie sich das Volk der Israeliten auf seinem Weg in das Gelobte Land, der es durch die Wüste führte, wegen des Mangels an Nahrung gegen Gott und Mose auflehnte. Eine Rettung vor der tödlichen Wirkung des Schlangenbisses war nur möglich, wenn man die Kupferschlange am Fahnenmast anblickte, d. h. wenn man sich entsprechend dem Willen Gottes im Glauben bekehrte. Die äußere, physische Hinwendung zur Kupferschlange war Zeichen einer inneren Bekehrung.
Im Kreuz Christi geht es um etwas Ähnliches, aber um etwas, das uns viel mehr gibt als die Rettung des natürlichen Lebens vor einem Schlangenbiss, nämlich um die Rettung aus den Sünden. Warum? Weil Christus am Kreuz sich selber seinem Vater geopfert hat: für uns, für unsere Rettung, für unser Heil. Der Evangelist Johannes beschreibt das mit den Worten: „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat.“ Man kann sich wohl fragen, warum es gerade das Kreuz ist, auf das die Erhöhung Christi folgt. Wir finden eine einleuchtende Antwort im Brief des Apostels Paulus an die Philipper: „Jesus Christus war Gott gleich war, … nahm Knechtsgestalt an, er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuze“ (Phil 2, 5-8). Der Tod am Kreuz bedeutete im allgemeinen Bewusstsein, dass der Verurteilte sogar von Gott verlassen war. Auch Jesus durchlitt unaussprechliche Finsternis und Not, auch wenn seine Worte am Kreuz: „Eloi, Eloi, lema sabachtani? Das heißt übersetzt; Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ (Mk 15, 34), die Anfangsworte des Psalms 22, erhellt waren durch das Vertrauen auf den Vater, das den Psalm durchzieht.
Ist die Finsternis, die Jesus aushält, nicht die letzte Konsequenz der Menschwerdung des Sohnes Gottes für uns, der uns bis zur niedrigsten Stufe unserer sündigen Menschennatur gleich wird, er, der Allerheiligste, er unser Erlöser, der „unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen hat“ (1 Petr 2, 24), so dass der Apostel Paulus von Gott sagen kann: „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden“ (2 Kor 5, 21)?
In eben diesem Opfer Christi am Kreuz vollzieht sich unsere Erlösung: Und wenn wir jetzt Eucharistie feiern, ist sie die Vergegenwärtigung dieses einzigartigen Erlösungsopfers.
2. Das Kreuz ist - damit kommen wir zum zweiten Punkt unserer Überlegungen - die Quelle unserer Rettung, die Quelle der Gnade für die ganze Menschheit. Das, was Jesus beim Letzten Abendmahl getan und uns mit den Worten: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ zu tun aufgetragen hat, will es uns ermöglichen, die sakramentale Verbindung mit dieser Quelle ständig zu erhalten. Das Opfer war ein einziges und einmaliges und wird nicht – wie die Opfer des Alten Bundes - erneut vollzogen, vielmehr gilt, wie es der Hebräerbrief sagt: „So wurde Christus ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinwegzunehmen“ (Hebr 9, 28).
Sie kennen vielleicht Bilder aus dem Spätmittelalter, auf denen unter dem Gekreuzigten eine Frau – die Kirche – Blut und Wasser auffängt, die aus dem Herzen Jesu fließen. Gerade das weist uns hin auf das Tun der Kirche, die in den sieben Sakramenten die Gnade Christi an uns ausspendet. Davon spricht die Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, wenn sie sagt: „In jenem Leib – gemeint ist der Leib Christi, die Kirche - strömt Christi Leben auf die Gläubigen über, die durch die Sakramente auf geheimnisvolle und doch wirksame Weise mit Christus, der gelitten hat und verherrlicht ist, vereint werden“ (Lumen gentium 7, 1). Und in der Liturgiekonstitution desselben Konzils heißt es: „Aus der Seite des am Kreuz entschlafenen Christus ist das wunderbare Geheimnis der ganzen Kirche hervorgegangen“ (Sacrosanctum Concilium 5).
Was für eine Gnade, Zugang zu dieser Quelle zu haben, aus der unsere Heiligkeit fließt! Aber auch: welche Verantwortung, dass wir eine solche Gabe im Glauben würdig empfangen und aus ihr leben! In einer der geistigen Visionen von Bruder Klaus – es war die Zeit der sogenannten „rheinischen Mystik“, zu der auch der berühmte Thomas von Kempen, der Verfasser der immer noch inspirierenden Nachfolge Christi, zählt – in einer Vision also sah Bruder Klaus einen Dorfplatz voller Leute wie beim Markt. Die meisten litten unter Durst und gingen hin und her. Nur wenige traten in ein Haus, aus dem durch die Tür Wasser über die Treppe in Überfluss nach außen strömte. Sind wir nicht heute in unserem täglichen Leben diese Durstigen, wenn wir es versäumen, in unseren Kirchen die Sakramente zu empfangen, den Herrn im Allerheiligsten Sakrament anzubeten, beim Kreuz Christi in unserer Not und unserem Elend Zuflucht und Trost zu suchen? Was hätten wir dafür gegeben, auf dem Kalvarienberg beim Tode Christi anwesend zu sein! Und dabei handelt es sich, wenn ein Priester in einer unserer Kirchen und Kapellen die Eucharistie feiert, um dasselbe Opfer; das heißt: Christus am Kreuz ist für uns dieselbe Quelle, aus der für uns die Gnade fließt. Die Eucharistie ist nicht nur ein Zeichen der Erlösung wie die Schlange, die Mose in der Wüste erhöhte, sondern die Quelle der Erlösung
Die konsekrierte Hostie ist der Gekreuzigte, der sich für uns geopfert hat, damit wir an seinem Leben teilhaben können. Die Hostie ist sakramentales Zeugnis der unendlichen Liebe Gottes, der uns nicht in unseren Sünden weiterleben lassen will, sondern uns immer neu aufruft, für unser Verhalten an dem Vorbild Christi Maß zu nehmen, d. h. uns ständig zu bekehren, damit wir mit den Worten des Vaterunser immer wieder ehrlichen Herzens zum Vater im Himmel beten: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden!“ Wie stolz können wir sein, dass wir das Kreuz Christi in unserem täglichen Leben mittragen! Wie selig sind wir, an diesem Geheimnis teilzuhaben! Wie dankbar müssen wir Gott gegenüber dafür sein, dass wir zur Kirche Christi gehören, die uns aus dieser Quelle des ewigen Lebens die Gnade Gottes schenkt!
3. Es bleibt schließlich noch ein dritter Punkt zu betrachten, damit wir am heutigen Kreuzfest uns nicht nur im Glauben „durch sein Kreuz erlöst“ wissen, sondern auch in der Gottesliebe ständig erneuert werden. Christus hat im Evangelium selbst dazu eingeladen, sein Joch, seine Bürde mitzutragen: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“ (Mt 11, 28).
Was müssen wir sein und tun, damit wir die versprochene Ruhe Christi in unseren täglichen Sorgen allen Widrigkeiten zum Trotz erfahren und uns ihrer freuen können? Nicht umsonst sagt Christus: „Kommt zu mir, … denn ich bin gütig und von Herzen demütig.“ Nicht ohne Grund betont Papst Benedikt immer wieder: Das Christentum ist nicht zunächst eine Lehre, sondern die lebendige Begegnung mit einer Person, mit Christus. Papst Johannes Paul II. meinte etwas Ähnliches, als er in seinem Apostolischen Schreiben für das Jubiläumsjahr 2000 schrieb: „Unser Programm ist Christus.“
Also tun wir recht, wenn wir das Kreuz Christi feiern - wenn wir in unseren Häusern, auf unseren Plätzen und an den Wegen das Kreuz Christi erhalten und pflegen – wenn wir das Kreuz Christi sichtbar tragen. All das ist aber nur ein Zeichen des Geheimnisses unserer Erlösung. Und ein solches Zeichen sollte immer Ausdruck unseres Glaubens sein. Das Kreuzzeichen selbst soll uns daran erinnern, dass wir nur in enger Beziehung mit dem Gekreuzigten ein Leben in Fülle führen können.
Und was für eine Gnade, wenn wir mit unserem Kreuz in der Nachfolge Christi im Hinschauen auf sein Kreuz unseren Weg beharrlich gehen! Das Kreuz ist kein Ziel für sich selbst, sondern ein Weg zur Ehre Gottes. In der Zweiten Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper haben wir gehört, dass Christus wegen seines Gehorsams bis zum Tod am Kreuz verherrlicht wurde und nun zur Rechten des Vaters sitzt. Im Anschluss an diese Aussage mahnt uns der Apostel: „Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil! Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus“ (Phil 2, 12-13). Wir sind also mit der Hilfe Gottes, mit der Gnade, die uns vom Kreuz her zukommt, nicht nur bereitwillige, sondern auch und hauptsächlich wohltätige Gläubige; und das sind wir nicht aus eigener Kraft, sondern durch die Gnade Gottes, wenn wir ihm unser Herz ganz öffnen.
Zum Abschluss noch ein Hinweis auf das, was wir tun müssen, damit sich das Kreuz Christi in uns möglichst fruchtbar entfalten kann. Eine Geschichte – sie wird auch bei den rheinischen Mystikern verwendet – erzählt von den Gläubigen, die zur Kommunion wie zu einer Wasserquelle gehen. Die einen kommen mit kleinen Bechern, andere mit größeren Gefäßen. Heute gäbe es daneben sicher auch noch Wasserlastwagen. Alle empfangen Wasser, soviel ihr Gefäß fasst; denn die Quelle fließt unbegrenzt. Wenn wir die Gnade Gottes in reichem Maße empfangen wollen, sollen wir zur Messe kommen, zu den Sakramenten gehen, – mit gütigem und bescheidenem Herzen. So finden wir Ruhe in und mit Gott, Ruhe in den Familien und an den Arbeitsplätzen, Ruhe in uns selber.
Amen!
Schwestern und Brüder im Herrn!
Herzlich danke ich Herrn Bischof Dr. Tebartz-van Elst für seine Worte zur Begrüßung, aber auch für seine Einladung, das Bistum Limburg zu besuchen.
Mein Gruß gilt allen, die heute am Kreuzfest an der festlichen Eucharistiefeier am Abschlusstag der diözesanen Kreuzwoche 2008 hier in Geisenheim teilnehmen.
Das Kreuz Christi ist für uns Christen das Zeichen des Sieges über den Tod; denn der Vater erweckte Jesus, der am Kreuz starb, zu neuem Leben. Als Getaufte haben wir teil an diesem neuen Leben. Das erfüllt uns mit Hoffnung und Zuversicht. Zugleich sind wir aufgefordert, dieser neuen Wirklichkeit in unserem Denken und Tun täglich neu zu entsprechen, d. h. immer mehr Menschen nach dem Herzen Gottes zu werden, der uns mit seinem Heiligen Geist erfüllt. Gott will uns als Zeugen seiner Liebe, die den Mitmenschen die Antworten des Glaubens auf ihre oft nicht bewussten Fragen vorleben.
Bitten wir den Herrn zu Beginn dieser Feier, dass er uns zeige, wo wir dem alten Menschen noch verhaftet sind und wir uns zu wenig vom Heiligen Geist leiten lassen. Bitten wir, dass er uns unsere Schuld vergebe und uns für unseren Weg mit seiner Kraft erfülle.
Predigt:
Exzellenz,
liebe Brüder im Priester- und Diakonenamt,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
„Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3, 16). Diese Worte Jesu, die wir gerade im Evangelium gehört haben, sind uns eine Einladung, unseren irdischen Weg in Beharrlichkeit im Glauben zu gehen. Was das Kreuz Christi, mit dem uns das Kreuzfest konfrontiert, bedeutet, wie es uns zur Quelle der Gnade werden kann und wie wir es in der Nachfolge Christi tragen können, darüber wollen wir im Lichte der Lesungstexte nachdenken.
1. Welche Bedeutung hat das Kreuz? In der Ersten Lesung haben wir gehört, wie sich das Volk der Israeliten auf seinem Weg in das Gelobte Land, der es durch die Wüste führte, wegen des Mangels an Nahrung gegen Gott und Mose auflehnte. Eine Rettung vor der tödlichen Wirkung des Schlangenbisses war nur möglich, wenn man die Kupferschlange am Fahnenmast anblickte, d. h. wenn man sich entsprechend dem Willen Gottes im Glauben bekehrte. Die äußere, physische Hinwendung zur Kupferschlange war Zeichen einer inneren Bekehrung.
Im Kreuz Christi geht es um etwas Ähnliches, aber um etwas, das uns viel mehr gibt als die Rettung des natürlichen Lebens vor einem Schlangenbiss, nämlich um die Rettung aus den Sünden. Warum? Weil Christus am Kreuz sich selber seinem Vater geopfert hat: für uns, für unsere Rettung, für unser Heil. Der Evangelist Johannes beschreibt das mit den Worten: „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat.“ Man kann sich wohl fragen, warum es gerade das Kreuz ist, auf das die Erhöhung Christi folgt. Wir finden eine einleuchtende Antwort im Brief des Apostels Paulus an die Philipper: „Jesus Christus war Gott gleich war, … nahm Knechtsgestalt an, er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuze“ (Phil 2, 5-8). Der Tod am Kreuz bedeutete im allgemeinen Bewusstsein, dass der Verurteilte sogar von Gott verlassen war. Auch Jesus durchlitt unaussprechliche Finsternis und Not, auch wenn seine Worte am Kreuz: „Eloi, Eloi, lema sabachtani? Das heißt übersetzt; Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ (Mk 15, 34), die Anfangsworte des Psalms 22, erhellt waren durch das Vertrauen auf den Vater, das den Psalm durchzieht.
Ist die Finsternis, die Jesus aushält, nicht die letzte Konsequenz der Menschwerdung des Sohnes Gottes für uns, der uns bis zur niedrigsten Stufe unserer sündigen Menschennatur gleich wird, er, der Allerheiligste, er unser Erlöser, der „unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen hat“ (1 Petr 2, 24), so dass der Apostel Paulus von Gott sagen kann: „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden“ (2 Kor 5, 21)?
In eben diesem Opfer Christi am Kreuz vollzieht sich unsere Erlösung: Und wenn wir jetzt Eucharistie feiern, ist sie die Vergegenwärtigung dieses einzigartigen Erlösungsopfers.
2. Das Kreuz ist - damit kommen wir zum zweiten Punkt unserer Überlegungen - die Quelle unserer Rettung, die Quelle der Gnade für die ganze Menschheit. Das, was Jesus beim Letzten Abendmahl getan und uns mit den Worten: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ zu tun aufgetragen hat, will es uns ermöglichen, die sakramentale Verbindung mit dieser Quelle ständig zu erhalten. Das Opfer war ein einziges und einmaliges und wird nicht – wie die Opfer des Alten Bundes - erneut vollzogen, vielmehr gilt, wie es der Hebräerbrief sagt: „So wurde Christus ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinwegzunehmen“ (Hebr 9, 28).
Sie kennen vielleicht Bilder aus dem Spätmittelalter, auf denen unter dem Gekreuzigten eine Frau – die Kirche – Blut und Wasser auffängt, die aus dem Herzen Jesu fließen. Gerade das weist uns hin auf das Tun der Kirche, die in den sieben Sakramenten die Gnade Christi an uns ausspendet. Davon spricht die Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, wenn sie sagt: „In jenem Leib – gemeint ist der Leib Christi, die Kirche - strömt Christi Leben auf die Gläubigen über, die durch die Sakramente auf geheimnisvolle und doch wirksame Weise mit Christus, der gelitten hat und verherrlicht ist, vereint werden“ (Lumen gentium 7, 1). Und in der Liturgiekonstitution desselben Konzils heißt es: „Aus der Seite des am Kreuz entschlafenen Christus ist das wunderbare Geheimnis der ganzen Kirche hervorgegangen“ (Sacrosanctum Concilium 5).
Was für eine Gnade, Zugang zu dieser Quelle zu haben, aus der unsere Heiligkeit fließt! Aber auch: welche Verantwortung, dass wir eine solche Gabe im Glauben würdig empfangen und aus ihr leben! In einer der geistigen Visionen von Bruder Klaus – es war die Zeit der sogenannten „rheinischen Mystik“, zu der auch der berühmte Thomas von Kempen, der Verfasser der immer noch inspirierenden Nachfolge Christi, zählt – in einer Vision also sah Bruder Klaus einen Dorfplatz voller Leute wie beim Markt. Die meisten litten unter Durst und gingen hin und her. Nur wenige traten in ein Haus, aus dem durch die Tür Wasser über die Treppe in Überfluss nach außen strömte. Sind wir nicht heute in unserem täglichen Leben diese Durstigen, wenn wir es versäumen, in unseren Kirchen die Sakramente zu empfangen, den Herrn im Allerheiligsten Sakrament anzubeten, beim Kreuz Christi in unserer Not und unserem Elend Zuflucht und Trost zu suchen? Was hätten wir dafür gegeben, auf dem Kalvarienberg beim Tode Christi anwesend zu sein! Und dabei handelt es sich, wenn ein Priester in einer unserer Kirchen und Kapellen die Eucharistie feiert, um dasselbe Opfer; das heißt: Christus am Kreuz ist für uns dieselbe Quelle, aus der für uns die Gnade fließt. Die Eucharistie ist nicht nur ein Zeichen der Erlösung wie die Schlange, die Mose in der Wüste erhöhte, sondern die Quelle der Erlösung
Die konsekrierte Hostie ist der Gekreuzigte, der sich für uns geopfert hat, damit wir an seinem Leben teilhaben können. Die Hostie ist sakramentales Zeugnis der unendlichen Liebe Gottes, der uns nicht in unseren Sünden weiterleben lassen will, sondern uns immer neu aufruft, für unser Verhalten an dem Vorbild Christi Maß zu nehmen, d. h. uns ständig zu bekehren, damit wir mit den Worten des Vaterunser immer wieder ehrlichen Herzens zum Vater im Himmel beten: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden!“ Wie stolz können wir sein, dass wir das Kreuz Christi in unserem täglichen Leben mittragen! Wie selig sind wir, an diesem Geheimnis teilzuhaben! Wie dankbar müssen wir Gott gegenüber dafür sein, dass wir zur Kirche Christi gehören, die uns aus dieser Quelle des ewigen Lebens die Gnade Gottes schenkt!
3. Es bleibt schließlich noch ein dritter Punkt zu betrachten, damit wir am heutigen Kreuzfest uns nicht nur im Glauben „durch sein Kreuz erlöst“ wissen, sondern auch in der Gottesliebe ständig erneuert werden. Christus hat im Evangelium selbst dazu eingeladen, sein Joch, seine Bürde mitzutragen: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“ (Mt 11, 28).
Was müssen wir sein und tun, damit wir die versprochene Ruhe Christi in unseren täglichen Sorgen allen Widrigkeiten zum Trotz erfahren und uns ihrer freuen können? Nicht umsonst sagt Christus: „Kommt zu mir, … denn ich bin gütig und von Herzen demütig.“ Nicht ohne Grund betont Papst Benedikt immer wieder: Das Christentum ist nicht zunächst eine Lehre, sondern die lebendige Begegnung mit einer Person, mit Christus. Papst Johannes Paul II. meinte etwas Ähnliches, als er in seinem Apostolischen Schreiben für das Jubiläumsjahr 2000 schrieb: „Unser Programm ist Christus.“
Also tun wir recht, wenn wir das Kreuz Christi feiern - wenn wir in unseren Häusern, auf unseren Plätzen und an den Wegen das Kreuz Christi erhalten und pflegen – wenn wir das Kreuz Christi sichtbar tragen. All das ist aber nur ein Zeichen des Geheimnisses unserer Erlösung. Und ein solches Zeichen sollte immer Ausdruck unseres Glaubens sein. Das Kreuzzeichen selbst soll uns daran erinnern, dass wir nur in enger Beziehung mit dem Gekreuzigten ein Leben in Fülle führen können.
Und was für eine Gnade, wenn wir mit unserem Kreuz in der Nachfolge Christi im Hinschauen auf sein Kreuz unseren Weg beharrlich gehen! Das Kreuz ist kein Ziel für sich selbst, sondern ein Weg zur Ehre Gottes. In der Zweiten Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper haben wir gehört, dass Christus wegen seines Gehorsams bis zum Tod am Kreuz verherrlicht wurde und nun zur Rechten des Vaters sitzt. Im Anschluss an diese Aussage mahnt uns der Apostel: „Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil! Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus“ (Phil 2, 12-13). Wir sind also mit der Hilfe Gottes, mit der Gnade, die uns vom Kreuz her zukommt, nicht nur bereitwillige, sondern auch und hauptsächlich wohltätige Gläubige; und das sind wir nicht aus eigener Kraft, sondern durch die Gnade Gottes, wenn wir ihm unser Herz ganz öffnen.
Zum Abschluss noch ein Hinweis auf das, was wir tun müssen, damit sich das Kreuz Christi in uns möglichst fruchtbar entfalten kann. Eine Geschichte – sie wird auch bei den rheinischen Mystikern verwendet – erzählt von den Gläubigen, die zur Kommunion wie zu einer Wasserquelle gehen. Die einen kommen mit kleinen Bechern, andere mit größeren Gefäßen. Heute gäbe es daneben sicher auch noch Wasserlastwagen. Alle empfangen Wasser, soviel ihr Gefäß fasst; denn die Quelle fließt unbegrenzt. Wenn wir die Gnade Gottes in reichem Maße empfangen wollen, sollen wir zur Messe kommen, zu den Sakramenten gehen, – mit gütigem und bescheidenem Herzen. So finden wir Ruhe in und mit Gott, Ruhe in den Familien und an den Arbeitsplätzen, Ruhe in uns selber.
Amen!






