Predigten

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Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
anlässlich des Diözesanordenstages

(Dom zu Limburg, 12. September 2008)

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Einführung:

Es ist für mich eine außerordentliche Freude, mit diesem feierlichen Pontifikalamt anlässlich des diözesanen Ordenstages meinen Besuch im Bistum Limburg zu beginnen. Ich danke Herrn Bischof Dr. Tebartz-van Elst für seine freundliche Einladung zu diesem Besuch und seinen herzlichen Willkommensgruß und freue mich auf die Gottesdienste und die Begegnungen in diesen Tagen.

Ich begrüße heute neben allen anderen, die an dieser Eucharistiefeier teilnehmen, besonders die Ordensleute, die von nah und fern nach Limburg gekommen sind, um diesen jährlichen Besinnungstag in der Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern zu begehen, die unter demselben Anruf Gottes stehen, auch wenn sie verschiedenen Gemeinschaften angehören.

Ein Tag wie dieser dient der Besinnung auf das, was die einzelnen trägt, aber auch dem Dank an Gott die Treue, mit der er unsere Wege begleitet. Das heutige Fest Mariä Namen geht zurück auf den Sieg der Christen gegen die Türken am 12. September 1683 vor Wien, der der Fürbitte der Gottesmutter zugeschrieben wird.

Ihr sollen auch wir immer neu anvertrauen. Bitten wir, dass der Herr uns auf ihre Fürsprache unsere Schuld vergebe.


Predigt:

„Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden“ (Lk 1, 30)

Liebe Brüder im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt,
liebe Ordensschwestern und Ordensbrüder!

Wie an dem Tag, als Gott uns zum geweihten Leben gerufen hat, und wie er uns morgen aus unseren gegenwärtigen Aufgaben heraus zu einem neuen Dienst vor ihm und am Nächsten rufen wird, so sagt er zu jedem von uns auch heute hier: „Fürchte dich nicht!“. Der Grund ist ganz einfach: Gott, der uns ruft, gibt uns auch die Kraft, auf seinen Ruf die rechte Antwort zu geben und die uns anvertraute Aufgabe zu erfüllen. Hilfreich ist dabei, in diesem Zusammenhang auch an das Wort zu denken, das Jesus seinen Jüngern sagte; „Mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht“ (Mt 11, 30).

Grundlegend ist dieses „Fürchte dich nicht!“ durch den Engel bei der Verkündigung der Menschwerdung des Sohnes Gottes zu Maria gesagt worden. Betrachten wir daher näher die Haltung Marias angesichts des Anrufs Gottes, um im Hinschauen auf sie unsere eigene Antwort Gott gegenüber zu erneuern und zu vertiefen. In dem Anruf erkennen wir die Güte Gottes für uns und für die durch uns mitbetroffenen Menschen. Und schließlich loben wir ihn für seine Gaben.

1. Von der Haltung Marias können wir lernen, was wir tun müssen, damit unsere Beziehung zu Gott eindeutig und klar ist wie ihre. Maria „erschrak über die Anrede (des Engels) und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe“ (Lk 1, 29). Nicht Ehrgeiz, sondern Furcht – nicht Genugtuung, sondern Nachdenken über die Bedeutung eines solchen Grußes. Maria aus Nazaret ist realistisch und lässt sich nicht verwirren. Als ihr verkündigt wird, dass sie „empfangen und einen Sohn gebären“ wird (Lk 1, 31), wagt sie daher im Hinblick auf ihren Lebensentwurf zu fragen: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne“ (Lk 1, 34)?

Sicher, jede und jeder von uns hat sich entsprechende Fragen gestellt, als er die ersten Zeichen des Rufes Gottes zum geweihten Leben gespürt hat. Ist es möglich, dass ich armer Sünder mich mit meinem ganzen Leben Gott weihen kann? Werde ich das in Treue durchhalten? Bin ich in der Lage, eine solche Verantwortung auf mich zu nehmen? Wie kann ich einen solchen Einsatz erfüllen? Gott antwortete – durch unseren Geistlichen Begleiter oder durch einen Vertrauten, nicht selten auch durch die Eltern -: „Fürchte dich nicht!“ Und allmählich ist uns durch ein vertieftes Abklären der Fragen klar geworden, dass Christus uns tatsächlich in seine Nachfolge ruft und auch uns das Wort zuspricht: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28, 20).

Deshalb ist es gut, dass wir uns an unseren Weg zum geweihten Leben erinnern, vielleicht hie und da Notizen wieder lesen, die wir uns in jener Zeit gemacht haben, oder Texte, die wir damals abgeschrieben haben. Und dazu kommt die Erinnerung an die Begeisterung, die uns seinerzeit bei dem Gedanken beseelte, uns Gott zu weihen, unser Leben als ungeteilte Gabe Gott zu schenken. Immer steht uns dabei auch die Mahnung des Erlösers an die Gemeinde von Ephesus vor Augen: „Bedenke, von welcher Höhe du gefallen bist. Kehr zurück zu deinen ersten Werken! Wenn du nicht umkehrst, werde ich kommen und deinen Leuchter von seiner Stelle wegrücken“ (Offb 2, 5).

2. Damit wir unserer Berufung treu bleiben, ist es unerlässlich, dass wir wie Maria im Magnificat die Güte Gottes anerkennen: „Der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig“ (Lk 1, 49). Wir sollten wie Maria so mit dem Wort Gottes vertraut sein, dass unser ganzes Leben von ihm beleuchtet und genährt wird. Dazu schreibt Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Deus caritas est : „Im Wort Gottes ist Maria wirklich zu Hause. Sie redet und denkt mit dem Wort Gottes; das Wort Gottes wird zu ihrem Wort, und ihr Wort kommt vom Wort Gottes her. So ist auch sichtbar, dass ihre Gedanken Mitdenken mit Gottes Gedanken sind, dass ihr Wollen Mitwollen mit dem Willen Gottes ist. Weil sie zuinnerst von Gottes Wort durchdrungen war, konnte sie Mutter des fleischgewordenen Wortes werden“ (Deus caritas est 41).

Dasselbe erlebte der Prophet Jesaja, wie wir in der Lesung gehört haben: „Von Herzen will ich mich freuen über den Herrn. Meine Seele soll jubeln über meinen Gott. Denn er kleidet mich in Gewänder des Heiles“ (Jes 61, 10). Die Erkenntnis der Güte Gottes uns gegenüber und gegenüber der Welt wird in und durch unsere Hingabe an die Mitmenschen wahrhaft fruchtbar, wenn wir Gott den ersten Platz in all unseren Tätigkeiten geben. Sie kennen ja die Antwort von Mutter Teresa von Kalkutta an einen Journalisten, der sie wegen ihres sozialen Einsatzes zugunsten der Mitmenschen gelobt hatte: „Nein! Ich habe mein Leben Gott geweiht.“ Von Gott her, oder besser gesagt: aus Gott heraus – er ist die Liebe, er ist der Schöpfer, er ist der Erlöser – kommt die Fruchtbarkeit unseres geweihten Lebens, eben weil Gott an mir Großes getan hat (vgl. Lk 1, 49).

Eine solche Haltung heißt Demut und ist nicht leicht. In der Demut verbinden sich eine Gabe Gottes und die Umsetzung in die menschliche Tat, weil sie eine Tugend ist. Falls Sie einmal das Bonner Münster besuchen, bitten Sie den Münsterführer, den Chorraum betreten zu dürfen. In einem Fußbodenmosaik sind hinter dem heutigen Altar die Kardinaltugenden dargestellt: fünf, und nicht vier, wie sie der Katechismus ausweist, weil als letzte und höchste die Demut gezeigt wird. Die Jungfrau Maria aus Nazaret war von Anfang an von dieser Tugend der Demut beseelt: Sie antwortete auf den Ruf Gottes: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1, 38). So wollen wir sein, wir alle im geweihten Leben.

3. Unsere Haltung angesichts des Rufes Gottes ist letztlich wie bei Maria das Lob Gottes. Manche von Ihnen kennen die selige Elisabeth von der heiligsten Dreifaltigkeit, eine Karmelitin aus Dijon um die Wende zum 20. Jahrhundert, die sich in Anspielung auf eine Stelle im Epheserbrief des heiligen Paulus (vgl. Eph 1, 6) selber „laus gloriae“ – „Lob der Herrlichkeit“ – nannte. Wir sehen, wie das Gebet in dieser Beziehung für uns unerlässlich ist, damit wir immer bereit sind, auf den Anruf Gottes eine positive Antwort zu geben – in Worten und Taten. Das Gebet, das Lob Gottes, ist nie eine Zeit, die der Nächstenliebe entzogen wird; es ist gerade umgekehrt: Je mehr wir im Gebet Gott verbunden sind, desto mehr durchdringt es uns und geht von uns Strahlkraft aus auf unsere Umgebung. Nicht ohne Grund sagt uns Christus: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“ (Mt 11, 28), unmittelbar bevor er über sein Joch spricht, das nicht drückt, und über seine leichte Bürde (vgl. Mt 11, 30).

Es geht also um Gott und uns zusammen, nicht um Gott oder uns. In der heutigen Welt ist es nicht einfach, für ein solches Zusammenwirken Verständnis wecken, weil so viele in ihrem Denken gottlos sind. Deshalb ist es für uns eine besondere Aufgabe, die Gegenwart Gottes – und damit auch seine Existenz – in unserer Welt durch unsere Treue zu unserer Berufung zum geweihten Leben lesbar und sichtbar zu machen. In diesem Sinne hat sich ein Foto-Journalist einmal geäußert, der beruflich die ganze Welt bereist hatte. Er sagte: „Ich glaube nicht an Gott; aber ich habe ihn in so vielen Werken der Kirche in der Welt am Werk gesehen.“ Und dieser Glaube an Gott war hauptsächlich der von Ordensschwestern in Krankenhäusern, Armenapotheken und Schulen. Nichts anderes sagt das Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über das geweihte Leben, wenn es dort heißt: „Je inniger die Ordensleute durch solche Selbsthingabe, die das ganze Leben umfasst, mit Christus vereinigt werden, desto reicher wird das Leben der Kirche und desto fruchtbarer deren Apostolat“ (Perfectae caritatis 1, 3). Es geht also um die Echtheit unserer Weihe an Gott, d. h. dass wir wie Maria jederzeit Gott sagen können: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1, 38).

Am Ende unserer Betrachtung wollen wir, durch Gottes Wort und Güte (wie die Batterien unserer Handys) neu aufgeladen, nach vorne schauen. Es ist gut für uns, den Tag unserer Profess oder Priesterweihe in Erinnerung zu rufen. Seither haben wir so manche Enttäuschungen erlebt, dass wir bisweilen kaum mehr an die Zukunft zu denken wagen. Und dennoch sollen wir an sie denken, und zwar in der Art und Weise, wie Maria bei der Verkündigung sagte: „ Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ In ihrem Lobgesang hat sie auch ausdrücklich anerkannt, dass Gott „sich erbarmt von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten“ (Lk 1, 50). Haben wir also Mut! Denn – wie ein afrikanischer Bischof zu sagen pflegte – „Gott ist nicht geistesabwesend“. Gott ist für uns da - auch angesichts der Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, dass unsere Zahl immer kleiner wird.

Fürchten wir uns nicht! Denn wie der Heilige Geist über Maria gekommen ist (vgl. Lk 1, 35), so wird die Kraft des Allerhöchsten auch auf uns alle herabkommen, auf unsere Gemeinschaften, auf die ganze Kirche!

Amen.