Predigten
Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt zur Feier des Liborifestes
(im Hohen Dom zu Paderborn, 27. Juli 2008)
„Im Auftrag deines Sohnes hat der heilige Liborius das Evangelium der Erlösung verkündet“
Predigt:
Schwestern und Brüder im Herrn!
„Im Auftrag deines Sohnes hat der heilige Liborius das Evangelium der Erlösung verkündet.“ Dieser Satz aus der zukünftigen Präfation der heutigen Festmesse des heiligen Liborius nennt uns den letzten Grund für die Feierlichkeiten zu seiner Ehre - oder genauer gesagt: zur Ehre Gottes, der im Wirken des hl. Liborius seine Liebe und Barmherzigkeit für die Menschen gezeigt und ihnen zugewandt hat.
Die Heiligen sind, wie ein Bube der Pfarrei Notre Dame in Genf, wo ich als Kaplan tätig war, einmal sagte, „jene, die vom Licht durchdrungen sind.“ Er dachte an die Glasfenster der Basilika, in denen Heilige dargestellt sind; aber es ist wahr: Die Heiligen sind von Christus, dem Licht der Welt, durchdrungen und bringen dieses Licht, das Evangelium Christi, zu uns, damit wir aus der Finsternis unserer Sünde erlöst werden. Was für ein Programm: Christus selber anwesend sein zu lassen. Nicht umsonst gibt es das Wort: „Der Priester ist Christus mitten unter uns.“ So schrieb schon der hl. Paulus an die Galater: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2, 20). Und in seinem Brief an die Philipper heißt es: „Für mich ist Christus das Leben, und Sterben ist Gewinn“ (Phil 1, 21). Es geht also um die ganze Hingabe des Apostels – des Bischofs Liborius und jedes Hirten in der Kirche an Christus. Diese Haltung ist unerlässlich, da wir als Amtsträger unsere Mitmenschen zur Erlösung führen sollen. Der gute Hirt tut seinen Dienst in einer Weise, dass die Schafe ihm folgen, weil sie seine Stimme kennen (vgl. Joh 10, 4). Diese Stimme ist ja die Predigt, der Katechismus und alles, was der Priester – und alle an seinem Lehramt Beteiligten – uns im Namen Christi sagen.
Betrachten wir also, wie der hl. Liborius in seiner Zeit das Evangelium der Erlösung verkündet hat – wie er durch sein Beispiel seine Zeitgenossen zum Glauben an Jesus Christus und durch ihn zur Erlösung geführt hat – wie er uns heute durch seine Fürbitte auf demselben Weg des Heiles begleitet, besonders die Leidenden. Diese drei Punkte werden uns in der Präfation vor Augen gestellt.
1. „Liborius hat das Evangelium der Erlösung verkündet und die Herzen der Menschen erleuchtet mit dem Licht des Glaubens.“ Die Verkündigung verlangt vom Prediger Mut, Beharrlichkeit und Weisheit. Es geht nicht um ihn selber, sondern um Christus. So sagte Jesus zu seinen Jüngern, bevor er zu seinem Vater zurückkehrte, um ihnen am Pfingstfest den Heiligen Geist zu senden: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern …. Und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28, 19f).
Als Hörer der Verkündigung des Evangeliums sind wir dafür verantwortlich, dass wir das Wort Christi nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern es auch in unseren Herzen Wurzeln schlagen lassen. Sie kennen das Gleichnis von dem Samen, der auf unterschiedliche Böden fiel: auf den Weg, auf felsigen Boden, unter die Disteln und Dornen. Ein anderer Teil aber fiel auf gutes Erdreich, wo er Wurzeln fasste und Frucht brachte (vgl. Mt 13, 3-9).
Obwohl uns nicht viel historisch Gesichertes über das Leben des hl. Liborius überliefert ist, weiß man doch, dass er in seiner Diözese Le Mans unermüdlich unterwegs war und die Pfarrgemeinden ständig besuchte, um den Gläubigen das Evangelium zu verkünden. Im 16. Jahrhundert hat ein anderer Bischof, der hl. Thomas von Villanova in Spanien, das Gleiche getan und sogar die Grenzen seiner Diözese nicht überschritten – im Gehorsam gegen die Vorschrift des Konzils von Trient über den Aufenthalt des Bischofs in seinem Bistum, wohl aber viermal alle Pfarreien seiner Diözese Valencia besucht. So wirkte auch der hl. Liborius in den 49 Jahren seines Episkopates. So ist es auch verständlich, dass er 17 neue Kirchen bauen ließ, damit sich die Gemeinden vor Ort zur Feier der Eucharistie versammeln und das Evangelium hören konnten.
2. „Dem Beispiel Christi, des guten Hirten, folgend, mühte er sich um die ihm anvertraute Herde.“ Selig die Diözese Le Mans, die einen solchen guten Hirten - den dritten nach Julianus und Pavasius – hatte; selig die Diözesen, die in ihren Hirten – Bischöfen und Priestern – Christus selber erkennen können. In meiner Heimatpfarrei pflegte man bei der Primiz eines aus der Gemeinde stammenden Neupriesters (als ich 1963 meine Primiz feierte, gab es 23 lebende Priester aus der Gemeinde) zu singen: „Der Priester ist Christus mitten unter uns auf Erden.“ Was für eine Verantwortung, aber auch was für eine Gnade, in der Ausübung unseres Priesteramtes unseren Mitmenschen die Gnade des Erlösungswerkes Christi mitteilen zu können!
Die Fruchtbarkeit des Wirkens des hl. Liborius zeigt sich auch in den vielen Mitarbeitern, die er in seiner bischöflichen Zeit weihen konnte: 217 Priester, 186 Diakone und 93 Subdiakone. Das Abbild Christi, des guten Hirten, hat sich in seinen Priestern, Diakonen und Subdiakonen vervielfacht.
Die Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche Lumen gentium sagt: „Als sorgsame Mitarbeiter, als Hilfe und Organ der Bischöfe bilden die Priester, die zum Dienst am Volk Gottes gerufen sind, in Einheit mit ihrem Bischof ein einziges Presbyterium, das freilich mit unterschiedlichen Aufgaben betraut ist. In den einzelnen örtlichen Gemeinden der Gläubigen machen sie den Bischof … gewissermaßen gegenwärtig“ (Lumen gentium 28,2).
Es geht um die gleiche Mission; die Kirche Christi zu bilden, das Volk Gottes zu versammeln, ihm die Wahrheit des Evangeliums zu verkünden und durch die Sakramente die Gnade der Erlösung den Menschen mitzuteilen.
Die gleiche Mission: ja, aber in verschiedenen Ämtern, die der Gliederung der Kirche dienen. „Sind etwa alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer? … Strebt nach den höheren Gnadengaben!“ (1 Kor 12, 29f), schrieb der Apostel Paulus in seinem Ersten Brief an die Korinther, eine Gemeinde, in der Zwietracht herrschte. So war es zur Zeit des hl. Liborius, so ist es auch heute in unserer Kirche. Damit unsere Diözesen und Pfarreien wirkliche Gemeinden Christi sind, muss die Ausübung der verschiedenen Ämter – mit oder ohne Weihe – in der Kraft einer höheren Gabe verwirklicht werden: mit der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Mitmenschen. Deshalb hat Paulus im 13. Kapitel des Briefes in dem heute so genannten Hohenlied der Liebe der Gemeinde von Korinth die Liebe als Mittel des Friedens und der Versöhnung vor Augen gestellt.
Das Beispiel Christi, des guten Hirten, der sein Leben für seine Schafe hingibt, war dem hl. Liborius wie ein Polarstern für seinen Hirtendienst. Das sei er auch für uns – Bischöfe und Priester – im Hinblick auf die uns anvertrauten Menschen, Gläubige und Nichtglaubende.
3. „Dem Hohen Priester vereint, erhebt er jetzt seine Stimme, erhebt er jetzt sein fürbittendes Gebet, um für die Kranken und Leidenden und alle Gläubigen von dir Trost, Heilung und Stärkung zu erflehen.“
In diesem Satz der Präfation liegt der Hauptgrund unserer Feierlichkeiten hier in Paderborn. Es ist ja selbstverständlich, dass Liborius, der so viel Gutes für seine Diözese Le Mans getan hatte, nach seinem Tod am 9. Juni 397 als Schutzpatron und Fürsprecher seiner Herde im Himmel geehrt wurde. Seine Gebeine – in der Apostelkirche in Le Mans beigesetzt – waren bald das Ziel zahlreicher Pilger, die von ihm Hilfe in ihren Anliegen erhofften, so dass sich sein Ruhm über die Grenzen seines Bistums verbreitete. Im fränkischen Reich war es üblich, Reliquien zu teilen und auch anderen Kirchengemeinden als Zeichen desselben Glaubens, derselben Hoffnung und derselben Liebe davon zu geben. So sind Gebeine des hl. Liborius, die eine Gruppe Paderborner von Bischof Aldrich von Le Mans bekommen hatte, am Pfingstsonntag, dem 28. Mai 836, unter großer Anteilnahme des Volkes in Paderborn angekommen und voll Freude in Empfang genommen worden.
Die Heiligen wirken auch noch nach ihrem Tod, und zwar deswegen, weil sie nicht sich selber uns bringen, sondern weil sie in sich Christus als das Licht der Welt haben für uns aufleuchten und uns erstrahlen lassen. Ihre Fürbitte ist für uns wie eine Brücke zum Himmel. Nicht umsonst verkünden wir im Glaubensbekenntnis unseren Glauben an „die Gemeinschaft der Heiligen“, die uns, die wir als durch die Taufe Geheiligte noch auf Erden leben, mit den Verstorbenen verbindet, die schon die Herrlichkeit des Himmels erlangt haben. Und einige von diesen haben für uns eine größere Bedeutung, weil ihr Leben auf Erden für uns Vorbild ist.
Es ist wohl bekannt, dass in der Vorstellung des Mittelalters jeder Heilige sozusagen seinen Sonderbereich hatte. So wird etwa auch heute noch der hl. Antonius von Padua angerufen, wenn es um das Wiederfinden verlorener Sachen geht. Der hl. Liborius hilft besonders, wenn es um Nieren- und Steinkrankheiten geht. Aber auch über die Leibesnöte hinaus dürfen wir uns ihm anvertrauen. Das wird deutlich, wenn es in einem der Liborilieder heißt: „und im Tod verlass uns nicht!“ und dieser Vers das Geistliche Leitwort des Liborifestes 2008 bildet. In einer Zeit, in der das menschliche Leben in weiten Teilen der Bevölkerung nicht mehr aus dem christlichen Glauben gedeutet und verstanden wird, steht für manche auch die Unantastbarkeit des Lebens nicht nur am Anfang zur Disposition, sondern auch, wenn es um das Sterben geht. Ja, die ersten versuchen, unter dem Deckmantel der freien Selbstbestimmung des Menschen sich als Helfer zum Selbstmord einen neuen Markt zu erschließen. Christlicher Glaube sagt, dass Gott der Herr über Leben und Tod ist, dass der Tod im Plane Gottes der Übergang zu einem neuen, einem größeren Leben, ja, zu einem Leben in der Gemeinschaft mit Gott ist, zu dem Jesus uns durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung das Tor geöffnet hat. So kann der Apostel Paulus in seinem Brief an die Philipper schreiben: „Ich sehne mich danach, aufzubrechen und in Christus zu sein“ (Phil 1, 23). In demselben Sinne ist es zu verstehen, wenn die hl. Therese von Lisieux schreibt: „Ich sterbe nicht; ich gehe ins Leben ein“ (Brief vom 9. 6. 1897). Mein Professor für Dogmatik im Priesterseminar pflegte zu sagen: „Für diejenigen, die in der Gnade Gottes leben, ist der Tod ein schienengleicher Bahnübergang.“ An uns ist es, in der rechten Gesinnung auf unseren Tod zuzugehen und zugleich um eine gute Todesstunde zu beten – so, wenn wir im Ave Maria die Gottesmutter bitten: Bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes.
„und im Tod verlass uns nicht!“ Dieser Liedvers weist und darauf hin, dass auch der hl. Liborius uns Helfer ist in unserem Gebet um einen guten Tod, den wir aus Gottes Hand annehmen. Sein Leben ist uns Mahnung, seinem Beispiel im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe zu folgen, d. h. wahrhaftig Kinder Gottes zu sein.
Am Schluss unserer Betrachtung zum Fest des heiligen Bischofs Liborius, bei der wir uns von der Eigenpräfation seines Messformulars haben leiten lassen, möchte ich nur noch Folgendes sagen: Feierlichkeiten zu Ehren eines Heiligen sind für uns eine große Hilfe. Der Blick auf seinen Lebensweg, der uns als Beispiel eines gelungenen Lebens aus der Kraft des Glaubens vor Augen gestellt wird, erfüllt uns mit Freude und Zuversicht, und seiner Fürbitte dürfen wir uns immer neu anvertrauen. Heilige sind für uns wie ein Sprungbrett, von dem aus wir eine bessere Sicht haben, oder besser, auf die andere Seite springen können: im Glauben an Gott, indem wir nichts Christus vorziehen – wozu uns Papst Benedikt nach dem Vorbild des hl. Cyprian und des hl. Benedikt immer wieder ermahnt – und andererseits uns einlassen auf die Nächstenliebe – im Gedenken an das Wort Christi: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt (Joh 13, 35).
So hat der hl. Liborius es gemacht, so wollen auch wir es tun! Amen.






