Ansprachen

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Ansprache
des Doyens des Diplomatischen Corps,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten

Schloss Bellevue, 11. Januar 2011



   
Sehr verehrter Herr Bundespräsident!
   
Zum ersten Mal empfangen Sie hier im Schloss Bellevue das Diplomatische Corps, um als oberster Repräsentant des deutschen Volkes seine Neujahrswünsche entgegenzunehmen. Wir, die Vertreter vieler Staaten und internationaler Organisationen, nehmen diese Gelegenheit gern wahr, um die Beziehungen zwischen unseren Völkern und Deutschland zu festigen. Denn wir sind uns bewusst, dass auch über eine solche protokollarische Veranstaltung - wenn auch vielleicht zunächst unmerklich - das Miteinander von unseren Völkern und Deutschland gefördert wird.

Woher kommt der Brauch, sich an der Jahreswende gegenseitig Glück zu wünschen, und welchen Sinn hat er? Der Ursprung steht in Zusammenhang mit der Geburt eines Sohnes oder einer Tochter, weil sie neues Leben bedeutet, Hoffnung und Wachstum. Da ist es nicht nur angemessen, sondern auch wichtig, dem Neugeborenen Anteil an den Gütern zu wünschen, auf dass es diese - wie die Gratulanten - in Frieden und Freude genießen kann.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

In ähnlicher Weise ist es am Anfang eines neuen Jahres angemessen und wichtig, dass die Mitglieder der Völkerfamilie, als deren Vertreter wir jetzt vor Ihnen stehen, einander Wünsche für ein fruchtbares und frohes neues Jahr übermitteln. Das Gute, das Beste dem anderen zu wünschen, entspricht einem von Vertrauen geprägten Miteinander, und die Diplomatie ist dafür bekanntlich die beste Vermittlerin. Manche mögen vielleicht daran Zweifel hegen, wenn man erlebt, dass den Wünschen, Aussagen und Beschlüssen mancher internationaler Konferenzen über dieselben Themen in der Konsequenz keine sichtbaren Umsetzungen folgen. Die Wirklichkeit sieht eben öfter völlig anders aus. Lohnt es sich dann überhaupt, Wünsche zu äußern? Wird nicht der Skeptiker - wie der Kohelet der Bibel - spotten und wieder und wieder feststellen, dass alles Windhauch ist (vgl. Koh 1, 2)? „Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne“ (Koh 1 2f.)? Später heißt es aber auch: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen“ (Koh 3, 1f.) usw.   

Dem entspricht es, dass wir die Wechselfolge der Jahre und der Jahreszeiten zum Grund gegenseitiger guter Wünsche machen - in der Hoffnung, dass die Erfahrung der Vergangenheit der Verbesserung der Gegenwart dient und uns so eine weite und hellere Zukunft vorbereitet.

Für die ganze Welt waren die drei letzten Jahre mit Unsicherheit über die Zukunft belastet. Obwohl die Finanz- und Wirtschaftskrise noch nicht völlig überwunden ist, scheinen die Aussichten für die nächste Zukunft besser zu sein. Was aber sind die Konsequenzen aus dieser doppelten Krise für die Gesellschaft, insbesondere für die Familien und die junge Generation?

In Ihrer Weihnachtsansprache an das deutsche Volk haben Sie, Herr Bundespräsident, an diese gedacht und sie ermutigt, die Hoffnung zu bewahren, indem Sie ihnen Hilfen zur Verfügung stellen, aber auch, weil es viele Menschen gibt, die bereit sind, sich für andere einzusetzen und Verantwortung zu übernehmen.

Auch auf der Weltebene müssen wir solidarisch sein, indem wir alle gemeinsam an der Lösung der heutigen Gesellschaftskrise mitarbeiten. Niemand, kein Volk darf sich dem entziehen, weil wir auf dem zunehmend globalisierten Erdkreis immer mehr zusammenrücken und deshalb zu größerer Solidarität aufgerufen sind.

Ich möchte hier auf einen Schlüssel hinweisen, der bei der Lösung der heutigen gesellschaftlichen Krise, die so viel Verunsicherung mit sich bringt, eine wichtige Rolle spielt. Nicht nur die Probleme der Finanzen, der Wirtschaft und des Klimawandels bereiten den Menschen Sorgen, sondern auch der zunehmende Konsum von Drogen, der Terrorismus, die Kriegsgefahr in so vielen Teilen der Erde und die Verfolgung religiöser Minderheiten sind dazu angetan, der Zukunft eher mit sehr gemischten Gefühlen entgegenzusehen, so dass unsere heutigen Glückwünsche manchen mehr als virtuelle denn als aktuelle erscheinen mögen.

Der Schlüssel zu einer helleren Zukunft, von dem ich sprach, findet sich in der Tiefe des Herzen eines jeden von uns, wenn dieses Heiligtum der Beziehung eines jeden zu Gott hin offen bleibt und anerkannt wird. Daran hat uns Papst Benedikt XVI. in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2011 erinnert, die unter dem Motto steht: „Religionsfreiheit, ein Weg für den Frieden“. Aus ihr möchte ich eine Stelle zitieren, die uns verstehen lässt, wie das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben aus dem innersten Personkern eines jeden hervorgeht: „Ohne die Anerkennung des eigenen geistigen Wesens, ohne die Öffnung auf das Transzendente hin zieht der Mensch sich auf sich selbst zurück, kann er keine Antworten auf die Fragen seines Herzens nach dem Sinn des Lebens finden und keine dauerhaften ethischen Werte und Grundsätze gewinnen, kann er nicht einmal echte Freiheit erfahren und eine gerechte Gesellschaft entwickeln“ (Nr. 2a).

Der Einsatz dafür, dass die vom Papst angesprochene Religionsfreiheit keinem Menschen vorenthalten wird, ist immer ein Beitrag dazu, dass der Friede in der Welt sicherer wird.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, unsere guten Wünsche gelten Ihnen und über Sie der Bundesregierung, den Bundesländern und ihren Regierungen sowie allen Organen des Staates: Wir wünschen Ihnen ein erfolgreiches, gottgesegnetes und frohes Jahr 2011!