Ansprachen

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDF | Drucken | E-Mail



Ansprache
des Doyens des Diplomatischen Corps,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
beim Empfang der Bundeskanzlerin für das Diplomatische Corps

(Bundeskanzleramt, 25. Januar 2010)



   
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin!
Sehr geehrte Bundesministerinnen und Bundesminister!

Wenn wir Ihnen als Botschafter und Vertreter fast aller Staaten und der internationalen Organisationen heute unsere Glückwünsche zum neuen Jahr übermitteln, sind wir uns bewusst, dass Ihre Verantwortung für das Wohl des deutschen Volkes, verehrte Frau Bundeskanzlerin, in der heutigen Zeit immer schwerer wird. Nicht ohne Grund sagt Johann Wolfgang von Goethe: „Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst“ (Faust I, Vers 328 f).

Nach den letzten Bundestagswahlen haben Sie mit einer neuen Regierungskoalition neue Wege geöffnet. Wir nehmen diese Gelegenheit wahr, um Ihnen, Frau Bundeskanzlerin, und allen Bundesministerinnen und Bundesministern unsere besten Wünsche für Ihren Dienst in der neuen Legislaturperiode auszusprechen.

Unter den vielen Aufgaben, die Ihre Regierung zu bewältigen hat, scheint uns der Klimaschutz einen besonderen Stellenwert zu haben. Auf der Weltklimakonferenz in Kopenhagen haben Sie angesichts der weltweit sehr divergierenden Positionen versucht, die gemeinsame Verantwortung aller deutlich ins Bewusstsein zu heben, um so dem nächsten Treffen in Bonn im Juni dieses Jahres zum Erfolg zu verhelfen, damit die Menschheit dann in Mexiko nach Möglichkeit ein glaubwürdiges Programm für ihre Zukunft bekommt. Keine leichte Verantwortung für Sie, Frau Bundeskanzlerin. Aber Ihre Erfahrung als Ministerin für Umweltschutz unter Bundeskanzler Helmut Kohl und Ihr anerkanntes Engagement in dieser Sache in den vergangenen Jahren als Bundeskanzlerin zeigen, dass Sie nicht nur mit der Problematik bestens vertraut, sondern auch von ihrer Dringlichkeit durchdrungen sind. Es sei mir gestattet, in diesem Zusammenhang einen Satz aus der Botschaft Papst Benedikts XVI. zur Feier des Weltfriedenstages am 1. Januar 2010 zu zitieren, die wesentlich dieser Thematik gewidmet ist: „Die Menschheit braucht eine tiefe kulturelle Erneuerung; sie muss jene Werte wiederentdecken, die ein festes Fundament darstellen, auf dem eine bessere Zukunft für alle aufgebaut werden kann“ (Nr. 5), denn „die Krisensituationen, die sie heute erlebt – sei es im Bereich der Wirtschaft, in der Nahrungsmittelversorgung, der Umwelt oder der Gesellschaft – sind im Grunde genommen auch moralische Krisen, die alle miteinander verknüpft sind. Sie machen eine Neuplanung des gemeinsamen Wegs der Menschen notwendig“ (ebd.).

Vor einem solchen Programm könnte man den Mut verlieren, wenn man es als einzelner allein zu verwirklichen hätte. Doch die Weltgesellschaft in ihrer Vielfalt, deren Vertreter wir hier sind, besitzt diesen Mut. Unter dem Schutzdach der Vereinten Nationen und ihrer auf die einzelnen Felder der Politik spezialisierten Institutionen hat die Weltgesellschaft die nötigen Mittel, ihre Zukunft in Solidarität und mit Nachdruck zu fördern.

Bei Goethe könnte man da Ermutigung finden, dessen Faust in seiner verzweifelten Lage ruft: „O glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen. Was man nicht weiß, das eben brauchte man, und was man weiß, kann man nicht brauchen“ (Faust I, Verse 1064 ff).

Deshalb ist in Ihrer Verantwortung für das Wohl der Deutschen wie auch auf der europäischen und auf der Weltebene, sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin, viel Engagement und Hoffnung nötig – im Zusammenwirken mit Ihrer Regierung und Ihren Beratern. Auch wir unsererseits sind bereit, daran mitzuarbeiten, wie es von Diplomaten erwartet werden muss.

Die Welt schaut in diesen Tagen und Wochen mit besonderer Anteilnahme nach Haiti, wo ungezählte Menschen Opfer des Erdbebens wurden und viele weitere auf Hilfe angewiesen sind. Ihnen allen gelten unsere Anteilnahme und unser Mitgefühl.

Das neue Jahr steht noch am Anfang, und so viele Termine sind schon in unsere Kalender eingetragen. Wie sie wahrgenommen werden, hängt teilweise von uns ab, aber zum größten Teil auch vom Mitwirken so vieler anderer. Es sei mir gestattet, uns als Schlüssel bei all unseren Unternehmungen ein Wort des römischen Philosophen Seneca vor Augen zu halten, der sagt: „Die Seele soll man ändern, nicht das Klima.“ Der Philosoph dachte damals wohl an einen Ortswechsel; heute dagegen gilt es, das ganze Weltklima zu verändern. Dazu braucht es weltweit Menschen, die sich tatkräftig und verantwortungsbewusst dieser Aufgabe widmen.

Ein fruchtbares und gottgesegnete neues Jahr, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, wünsche ich Ihnen, Ihrer Regierung und dem ganzen deutschen Volk.