Ansprachen
„Europa Ost und West – politisch und katholisch“
Vortrag
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
zum 50-jährigen Jubiläum der Apostolischen Exarchie
München, 19. September 2009
Vortrag
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
zum 50-jährigen Jubiläum der Apostolischen Exarchie
München, 19. September 2009
Eminenz,
sehr geehter Bischof Kryk,
sehr geehrte Vertreter des politischen und gesellschaftlichen Lebens,
sehr geehrte Festgäste,
liebe Brüder und Schwestern!
Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Apostolischen Exarchie für katholische Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien bin ich eingeladen worden, als Vertreter des Heiligen Vaters in Deutschland, den Festvortrag zu halten, wobei ich das Thema „Europa Ost und West – politisch und katholisch“ behandeln werde; ich sollte sogar „kirchenpolitisch“ hinzufügen.
Es geht also um unsere heutige Lage, dass Europa eine einheitliche Wirklichkeit bildet, die aber nicht blockweise einseitig oder massiv undifferenziert, sondern vielfältig, bunt und verschiednartig ist. Sei es gesellschaftlich, kulturell, politisch und sogar religiös. Die Globalisierung der Welt hat auch für Europa Konsequenzen. Sobald man „Ost und West“ für Europa sagt, versteht man sofort, daß Unterschiede in obengenannten Bereichen bestehen, wie die Geschichte Europas es beweist.
1.) Wo aber ist die ideelle Grenze zwischen Ost und West? Im Bezug auf die Sonne, die immer im Osten auf- und im Westen untergeht, ist sie von meinem Standort abhängig. Als ich in Japan Nuntiatursekretär war, war es für mich anfangs verwirrend Weltkarten zu sehen, die Japan in der Mitte, Amerika im Osten und Europa ganz im Westen zeigten.
Für unseren Kontinent könnte eine ideelle Grenze von Athen über Istanbul, Moskau bis nach St. Petersburg gezogen werden; oder besser von Ravenna über Wien, Prag, Warschau, Kaunas nach St. Petersburg. Es geht, wenn wir von Europa sprechen, nicht hauptsächlich um die Landkarte, als um die kulturelle Prägung der Völker, um ihre Geschichte und ihre Weltanschauung. Wie auch für die Europäische Union geht es hauptsächlich um gemeinsame Werte, denen die beteiligten Völker der Union teilhaben und von denen sie leben.
Eine interne Grenze Europas zwischen Ost und West soll aber keine Hürde sein, wohl aber eine Brücke zwischen zwei mehr oder weniger homogenen kulturellen Bereichen. Um den wohlbekannten – und bis zum übermäßigen Gebrauch angewendeten – Ausdruck Papst Johannes Paul II. zu zitieren: Europa soll mit ihren zwei Lungen atmen. Dabei soll es nicht nur um die Beziehungen zwischen Katholiken un Ortodoxen gehen, wie man dies oft reduziert auslegt, sondern um die Hauptkultur der Völker in Ost- und Westeuropa. Mitinbegriffen ist dabei auch, dass Europa wirklich Europa ist, wenn alle Völker an seiner Entfaltung teilhaben, für seinen Wachstum sorgen und von seinem Reichtum – kulturell, religiös und materiell – empfangen.
2.) Betrachten wir Europa in seinem politischen Wesen. Es sei mir gestattet, Sie darauf aufmerksam zum machen, dass Europa größer und wertvoller als die Europäische Union ist. Ich als Schweizer, und die meisten von Ihnen als Ukrainer, verstehen dies sofort. Wir alle freuen uns, dass die Europäische Union einige Ostländer Europas als Vollmitglieder aufgenommen hat; wir sind uns aber auch bewußt, dass die Union nicht alle Bestandteile Europas enthält. Die kulturellen und weltanschaulichen Werte der Völker werden nie völlig in einer politischen Einheit eingegliedert werden können.
Die Union, wie auch jede leitende Kraft – Regierung, Universität, Bewegung jeder Art – kann nicht zum Absolutismus errichtet werden, sonst würde sie zur Diktatur führen. Die jüngste Geschichte Europas gilt dazu als weise Warnung. Politisch wird es immer weniger möglich sein eine einseitige Gesellschaft zu bilden; und gerade das Zusammenführen und Mitwirken der Ostländern am Schicksal Europas – in und über die Europäischen Union hinweg – ist eine Garatie, dass der Kontintent nur in gegenseitiger Annahme, im Respekt anderen Traditionen und anderen Geschicklichkeiten gegenüber, zu besserem Wohlstand gelangen kann. Die zwei Hauptbegriffe solcher Haltung sind Toleranz (oder besser gesagt Schätzung des anderen) und Solidarität.
3.) Da wir heute das Jubiläum der Ukrainischen Exarchie in Deutschland und Skandinavien feiern, möchte ich noch konkreter daruf eingehen, indem ich Sie und Ihr Volk als Beispiel nehme. Sie sind selber, Ihre Familien und das ukrainische Volk, Zeuge der Entstehung Europas als ein von Ost und West lebender Kontinent geworden. Es gibt seit Jahrhunderten ukrainische Auswanderer nach Deutschland und Skandinavien. Die schweren Ereignisse in Ihrem Land nach dem erstenWeltkrieg haben Ihre Ahnen zur Auswanderung gezwungen, ins Exil zu gehen, um menschliche Lebensbedingungen zu finden. Die Proximität der Länder hat sicher viel dazu beigetragen. Wenn Landesgenossen sich im Ausland treffen ist es normal, dass sie sich leichter zusammenfinden, Verbände gründen, um die Werte der eigenen Heimat zu pflegen. Die Nationalidentität wird als eine Unterstützung betrachtet, damit der Emigrant sein eigenes Wesen als Gastarbeiter bewahrt. Wichtig ist es auch, die Werte von einer Generation zur anderen weiterzugeben, obwohl sich, wie bei jedem Fluß, die Kraft der ursprünglichen Quelle mit der Zeit vermindert. Neuankömmlinge bringen wieder neue Kraft, solange sie sanft und freundlich eingebracht und den existierenden Gremien angegliedert wird. Leben bedeutet sich erneuern, wagen, sogar das Unerwartete ohne Angst betrachten; und mit Rücksicht auf sich selbst, vom Neuen herausnehmen was mir wirklich zur Besserung gereicht. Die Exarchie selber ist Beweis davon und seitens der Kirche ein vortreffliches Mittel zugunsten ihrer ukrainischen Identität. Kulturell und wissenschaftlich hat die Ukrainische Freie Universität München auch eine bedeutende Leistung dazu beigetragen.
4.) „Katholisch“ betrachtet ist die Beziehung zwischen Ost- und Westeuropa historisch in der Evangelisierung des Kontinents begründet. Im Rundschreiben „Slavorum Apostoli“ von Papst Johannes Paul II. (2. Juni 1985) anlässlich des 1100. Todestages des Hl. Methodius, dessen jüngerer Bruder Kyrill schon 16 Jahre früher (am 14. Februar 869) in Rom gestorben war, haben wir eine ausführliche historische Darstellung des Ursprungs der Zugehörigkeit der Ukraine zum byzantinischen Ritus (4-15). Fürst Rastislaw von Großmähren hatte an Kaiser Michael III. von Byzanz die Bitte gerichtet „einen Bischof und Lehrer zu schicken, …der in der Lage sei, (seinen Völkern) den wahren christlichen Glauben in ihrer eigenen Sprache zu erklären“ (5).
Dafür wurden die beiden Brüder Konstantin (Kyrill) und Methodius gewählt. Die Inkulturation der byzantinischen Tradition, besonders der Liturgie in die slawische Kultur, erfolgte besonders durch Kyrill. Wegen Hindernissen ihrer Missionierung durch benachbarte lateinische Ortskirchen gingen die zwei Brüder nach Rom, um ihre Mission vom Papst als rechtmäßig anerkennen zu lassen. So hat Papst Hadrian II. die slawischen liturgischen Bücher gebilligt und sie auf den Altar der heutigen Basilika „Santa Maria Maggiore“ niederlegen lassen. Er gab den beiden Brüdern auch Anweisung, ihren Schülern die Priesterweihe zu erteilen. Nach dem Tod Kyrills wurde Methodius zum Bischof geweiht und mit der Vollmacht eines päpstlichen Legats für die Slawenvölker anvertraut, ein Amt, dass er nicht ohne erneuten Widerstand seitens der lateinschen Ortskirche auszuüben hatte.
Vom Beginn der Evangelisierung der slawischen Völker stellt man fest, dass die Hauptaufgabe die Inkulturation des Glaubens war. Mit großer Weisheit hatte Fürst Ratislaw gewünscht, dass der christliche Glaube in der Sprache des Volkes verkündet wird. Kultur und Evangelisierung gehen also zusammen, und ich zitiere gern was Papst Johannes Paul II. darüber zu sagen pflegte, daß der Glaube seinen Weg in die Gesellschaft noch nicht gefunden hat, solange er nicht zur Kultur geworden ist.
Im Bezug darauf gibt die Kultur dem Glauben einen Körper, ähnlich wie bei der Menschwerdung des Gottessohnes. Gern möchte ich hier auch das Gleichnis aus Psalm 45 erwähnen: „Gekleidet in farbige Pracht wird die Königstochter zum König geführt“ (Ps 45,15). Die Königstochter stellt die Kirche dar, die die Braut Christi ist; und ihre farbige Pracht sind die verschiedenen und bunten kulturellen Formen der Kirche, die Verkörperung des Glaubens.
In diesem Zusammenhang ist die Anwesenheit der Ukrainischen Exarchie in Deutschland, wie auch in anderen westeuropäischen Ländern und anderen Kontinenten, nicht nur eine Bereicherung der Katholizität der Kirche Christi, sondern auch ein gegenseitiger Ansporn, andere Äußerungen des gleichen Glaubens anzuerkennen, sie zu respektieren und aus denselben belebt zu werden. Auch im kirchlichen Bereich geht es um gegenseitigen Respekt und um Solidarität.
5.) Mit den bis hierher gesammelten Überlegungen scheint es mir möglich, anlässlich unseres Jubiläums, einige Vorschläge für die Zukunft der Ukrainischen Exarchie in Deutschland und Skandinavien zu geben:
1. Die Identität der ukrainischen Gemeinde ist die Grundlage zur Errichtung einer Exarchie, sei es wegen kulturellen Grundzügen – wie die verschiedenen Seelsorgeeinheiten in Sprachen (polnisch, kroatisch, italienisch, spanisch usw.) gegliedert sind – und kirchlich wegen des eigenen byzantinischen Ritus. Das II. Vatikanum sagt dazu im Dekret über die katholischen Ostkirchen: „Die Kirche des Ostens wie auch des Westens haben das volle Recht und die Pflicht, sich jeweils nach ihren eigenen Grundsätzen zu richten, die sich durch ihr ehrwürdiges Alter empfehlen, den Gewohnheiten ihrer Gläubigen besser entsprechen und der Sorge um das Seelenheil angemessener erscheinen“ (OE, 5).
Deshalb ist es eine große Verantwortung, die Identität aller Angehörigen der Exarchie zu bewahren und zu fördern, damit Ihr christliches Leben immer besser zur Entfaltung kommen kann. Liturgie, Predigt und Katechismus in der eigenen Sprache und nach Ihrer eigenen Tradition sind dazu unersetzlich.
2. Wie können Sie Ihre Identität in einer solchen Diasporalage am besten fördern? Für Sie, als Immigranten in Deutschland, soll die Bewahrung der Identität kein Hemmnis zur Integration in die deutsche Gesellschaft und für die Zusammenarbeit mit der lateinischen Ortskirche sein. Es gibt ja nur eine Katholische Kirche, die sich in allen Orts- und Teilkirchen verwirklicht. Die Einheit im Glauben wird in den gegenseitigen Beziehungen gestärkt, auch wenn die Art und Weise wie der Glaube gelebt wird unterschiedlich ist. Die lateinische Kirche, besonders hier in München, ist Ihnen dankbar dieses konkrete Mittel – Einheit und Verschiedenheit – ständig in ihrer Mitte zu erleben. Im Apostolischen Schreiben „Orientale lumen“ (2. Mai 1995) stellt Papst Johannes Paul II. fest: „Die Herausbildung unterschiedlicher Erfahrungen kirchlichen Lebens (in der Frühkirche) war kein Hindernis dafür, dass die Christen durch gegenseitige Beziehungen weiterhin die Gewissheit empfinden konnten, in jeder Kirche zu Hause zu sein, weil von allen in einer wunderbaren Vielfalt von Sprachen und Modulationen das Lob des einen Vaters durch Christus im Heiligen Geist emporstieg“ (Nr. 18). Ist unsere Zeit der Globalisierung der Welt nicht eine Einladung, das Frühchristentum wieder lebendig zu machen, in der brüderlichen Haltung eines jeden zum andern, und indem das Zusammentreffen der verschiedenen Traditionen und Erfahrungen uns zu gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Schätzung einlädt?
3. Ein besonderes Anliegen Ihrer Gemeinde ist es, inmitten der deutschen Gesellschaft, Ihre Herkunft als Ukrainer und Katholiken des byzantinischen Ritus, Ihre Geschichte, Ihre Werte und Ihr Erbe weiterhin zur Geltung zu bringen. Der Apostolische Brief „Orientale lumen“ stellt solche Verantwortung folgendermaßen dar: „Wir müssen den Menschen die Schönheit der Erinnerung zeigen, die Kraft, die uns vom Geist zukommt und uns zu Zeugen macht, weil wir Söhne von Zeugen sind; wir müssen sie die herrlichen Dinge genießen lassen, die der Geist in der Geschichte ausgesät hat; wir müssen ihnen zeigen, dass es gerade die Tradition ist, die diese Kostbarkeiten bewahrt und damit denen Hoffnung gibt, die wissen, auch wenn sie ihre Anstrengungen nicht von Erfolg gekrönt sehen, dass ein anderer sie zur Vollendung bringen wird; da wird sich der Mensch weniger allein, weniger eingesperrt fühlen in den engen Winkeln seines individuellen Wirkens“ (Nr. 8).
Es gibt also eine innere Verantwortung aller Mitglieder der Exarchie, ihr eigenes Erbe so weiterzugeben, dass auch die zukünftigen Generationen davon leben können.
4. Ist das aber nicht Ihrer Eingliederung in die deutsche Gesellschaft zuwider? Dies könnte der Fall sein, wenn man die eigene Identität gegen und nicht zugunsten anderer betont. Das eigene Erbe soll wie ein Schatz sein, von dem man andere teilhaben lässt. Und das Merkwürdige ist, dass, je mehr man dieses Erbe teilt, desto größer es für sich selbst wird. Das Beispiel der beiden Brüder Kyrill und Methodius ist uns ein Ansporn dazu. „Dank dieser Verkündigung (des Wortes Gottes in den slawischen Sprachen), die damals von den Autoritäten der Kirche, den Bischöfen von Rom und den Patriarchen von Konstantinopel, anerkannt wurde, konnten sich die Slawen zusammen mit den anderen Völkern der Erde als Abkömmlinge und Erben der Verheißung fühlen, die Gott dem Abraham gegeben hat“ (Slavorum Apostoli, 20). Wie der christliche Glaube allen Gläubigen zuteil ist, gibt es ein gemeinsames Gut, das vor Ort mit anderen Christen – konkret mit den lateinischen – geteilt wird. Solche Haltung dient dazu, den katholischen Charakter der Kirche zu zeigen und zu fördern.
5. Seitens der Ortskirche, der lateinischen Gemeinden in Deutschland, wird die Exarchie als eine vom Apostolischen Stuhl errichtete Einrichtung zum Dienst ihrer eigenen Mission betrachtet. Wieso? Es ist ein Rechtsanliegen der lateinischen Kirche, das besagt: „Dennoch können da, wo es gemäß dem Urteil der höchsten kirchlichen Autorität, nach Anhörung der betroffenen Bischofskonferenzen, zweckmäßig scheint, in demselben Gebiet Teilkirchen errichtet werden, die nach dem Ritus der Gläubigen oder nach einem anderen vergleichbaren Gesichtspunkt unterschieden sind“ (CIC, Can. 372 § 2). Das entspricht dem Dekret über die katholischen Ostkirchen, dass „auf der ganzen Welt…für die Erhaltung und das Wachstum aller Teilkirchen gesorgt werden“ soll (4).
Unsere Überlegungen über die politischen und kirchlichen Beziehungen zwischen Ost- und Westeuropa lassen uns folgendes zusammenfassend festhalten:
- Europa ist ein bunter Kontinent, mit reichen historischen Werten, die zugleich allen Europäern gemein sind, aber mit verschiedener Prägung;
- die Einwanderung von Immigranten nach Deutschland ist eine Bereicherung, sowohl für Deutschland wie für die Gastarbeiter, sei es für die Gesellschaft oder für die Kirche.
- das Zusammenleben verschiedener Traditionen und Weltanschauungen soll als eine Chance für alle bewertet werden, solange die eigene Identität sich zur anderen öffnet;
- für die Ukrainische Exarchie ist das 50-jährige Jubiläum ihrer Entstehung eine Gelegenheit ihre jüngste Geschichte zu betrachten und zu bewerten, um eine helle Zukunft vorzubereiten. Der heutige Anlass ist zugleich Ergebnis und Zukunft, Ergebnis des Gewesenen und Hoffnung des Kommenden.
Freundliche und beste Glückwünsche!
19. September 2009
+ Jean-Claude Périsset
Apostolischer Nuntius in Deutschland



