Ansprachen

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„Die Stärke der Kirche ist die Einheit mit dem Papst“

Vortrag
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
auf dem 9. Kongress „Freude am Glauben“

(Stadthalle am Schloss Aschaffenburg, 12. September 2009)




„Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16, 18):

Meine Damen und Herren, Sie wissen vielleicht, dass diese Worte in lateinischer Sprache in der Apsis des Petersdomes in Rom zu lesen sind, so dass sie die Pilger und alle Gläubigen, die die Basilika besuchen, an das besondere Amt des Apostels Petrus erinnern. Schon der Beiname „Petrus“ - Stein, Fels - für Simon, den Bruder des Andreas, der Fischer ist wie Jakobus und Johannes (vgl. Mt 4, 18-22), macht deutlich, wozu Jesus ihn ruft. Die Bibel enthält verschiedene Namensänderungen und des Öfteren Namenserklärungen, bei denen es um besondere Dienste geht, die Gott Menschen anvertraut.

So sehen wir im Apostel Petrus einen Gottesdiener, der einem festen Boden gleicht, auf den man unbedenklich seine Füße stellen kann. Der Psalmist hat das als Bedingung für ein mit Gott verbundenes Leben verstanden: „Der Herr zog mich herauf aus der Grube des Grauens, aus Schlamm und Morast. Er stellte meine Füße auf den Fels, machte fest meine Schritte“ (Ps 40, 3). „Schlamm und Morast“: Wir wissen, was es bedeutet, wenn wir bei einer Wanderung unbedingt einen solchen Weg weitergehen müssen, um das Ziel zu erreichen. Wie schmutzig sind wir, wenn herauskommen. Mir ist so etwas mit einem Wagen der Nuntiatur in Südafrika passiert, als ich nach einem schweren Regen eine kurze Strecke von der Missionsstation entfernt war, wo ich die Sonntagsmesse feierte. Ich wusste wohl um die Gefahr, glaubte aber, der Wagen werde es schaffen. Dank vier jungen Männern aus der Umgebung ist der Wagen herausgekommen. Sie wurden mit Morast reichlich eingedeckt, aber wegen eines ungeheuren Steinblocks wurde die Achse eines Rades verdreht. „Schlamm und Morast“ sind also nicht nur gefährlich, sondern auch trügerisch, während „Felsengrund“ Geborgenheit und Zuversicht gibt.

Betrachten wir also Petrus als Diener der Stärke der Kirche, damit wir in der Einheit mit seinem Nachfolger, dem Papst, Freude am Glauben haben und behalten. Ich werde einige Fragen stellen. Aus den Antworten wird das Bild des Apostels Petrus in seiner Eigentümlichkeit Gestalt annehmen – vergleichbar der Statue, die der Bildhauer mit unzähligen Meißelschlägen aus dem Marmorblock erstehen lässt.

1. Was bedeutet es für die Kirche, dass der Apostel Petrus zum Felsenfundament ihres Baus berufen wurde?

Die Ankündigung geschah in einem bestimmten Glaubenskontext. Jesus fragte seine Jünger: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ Sie sagten: „Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elia, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.“ Da sagte er zu ihnen: „Ihr aber“ – beachten Sie, dass Jesus alle Jünger anspricht – „ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Da antwortete Simon Petrus: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16, 13-16).

„Ihr aber“, fragt Jesus, und einer gibt die Antwort, die die gemeinsame Überzeugung aller Jünger ist. Der Glaube, der ihnen vom Vater gegeben ist, wird von ihm ausgesprochen, seine Antwort ist auch die der elf anderen Jünger. Dass Petrus im Namen aller antwortet, lässt erkennen, dass er im Kollegium der Apostel eine Führungsrolle innehat. Und das wird ihm von Jesus bestätigt: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (Mt 16, 18).

2. Wie verwirklicht Petrus sein „Felsenamt“?

Es geht zunächst um etwas Statisches, einen Felsen, der als Fundament des Baues dient, als Grundlage der Kirche. Sicher! Aber die Kirche ist auch lebendig, das Volk Gottes, von dem der Apostel Paulus den Mitgliedern der Gemeinde von Ephesus schreibt: „Ihr seid jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes. Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst“ (Eph 2, 19f). Es geht also um ein Mitsein und Mithandeln mit den Aposteln und Evangelisten, so dass wir in Christus wachsen, wie Paulus im Folgenden schreibt: „Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn“ (Eph 2, 21).

In diesem Zusammenhang ist der Baumeister der Kirche auf Erden der Apostel Petrus; denn unmittelbar, nachdem Jesus ihn zum Felsengrund bestimmt hat, sagt er zu ihm: „Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmelreich gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein“ (Mt 16, 19).

In diesem Sinne sagt die Dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche „Lumen Gentium“: „Der Herr Jesus rief … und bestimmte zwölf, dass sie mit ihm seien und er sie sende, das Reich Gottes zu verkündigen. Diese Apostel setzte er nach Art eines Kollegiums oder eines festen Kreises ein, an deren Spitze er den aus ihrer Mitte erwählten Petrus stellte. … Die Apostel aber verkündeten allenthalben die frohe Botschaft … und versammelten so die universale Kirche, die der Herr in den Aposteln gegründet und auf den heiligen Petrus, ihren Vorsteher, gebaut hat, wobei Christus Jesus selbst der Eckstein ist“ (Lumen Gentium 19).

Die Kirchenväter haben diese Lehre in einer Zeit verbreitet, als es galt, den Glauben zu festigen; diesem Ziel dienten auch die ersten ökumenischen Konzile. Aber schon vorher betont Tertullian (gestorben 220) in seinem Werk Über die Ehrbarkeit das Petrusamt, als er sich an die Adresse der Gnostiker schreibt: „Und wenn du etwa glauben solltest, der Himmel sei auch jetzt noch verschlossen, so er innere dich, dass der Herr die Schlüssel dazu hienieden dem Petrus und durch ihn der Kirche hinterlassen hat; der hier verhört worden ist und bekannt hat, wird sie mit sich nehmen“ (Tertullian, De pudicitia 21).

In dem Bestreben, die Einheit der Kirche zu fördern, betont geraume Zeit später Cyprian von Karthago (gestorben 258) die Rolle des Petrus innerhalb des Apostelkollegiums. In einem Kommentar zu der Matthäusstelle schreibt er: „Auf einen baut er [Christus] die Kirche, obwohl er allen Aposteln nach seiner Auferstehung  die gleiche Gewalt erteilt und sagt: ‘Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende auch ich euch. Empfanget den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden erlasset, dem werden sie erlassen werden; und wem ihr sie behaltet, dem werden sie behalten werden‘ (Joh 20, 21-28), so hat er es dennoch, um die Einheit deutlich hervorzuheben, durch sein Wort der Vollmacht so gefügt, dass der Ursprung dieser Einheit sich von einem herleitet. Gewiss waren auch die übrigen Apostel das, was Petrus gewesen ist, mit dem gleichen Anteil an Ehre und Macht ausgestattet, aber der Anfang geht von der Einheit aus, damit die Kirche Christi als eine erwiesen werde“ (Cyprian, De catholicae ecclesiae unitate 4, 1).

Dieses lange Zitat ist nicht nur eine klare Darstellung des Dienstamtes des Petrus zur Einheit der Kirche, sondern erlaubt uns auch, die Antwort auf unsere zweite Frage so zusammenzufassen: Petrus verwirklicht sein Felsenamt, indem er alle seine Mitapostel in der Einheit ihres Apostelamtes zusammenhält.

3. Wenn das für Petrus und die Apostel gilt, wird dies dann auf ihre Nachfolger übertragen? D. h auf den Bischof von Rom und alle Bischöfen?

Das Zweite Vatikanische Konzil gibt uns darüber in der schon zitierten Konstitution „Lumen Gentium“ eine klare Antwort. Dort heißt es: „Wie nach der Verfügung des Herrn der heilige Petrus und die übrigen Apostel ein einziges apostolisches Kollegium bilden, so sind in entsprechender Weise der Bischof von Rom, der Nachfolger Petri, und die Bischöfe, die Nachfolger der Apostel, untereinander verbunden“ (Lumen Gentium 22, 1).

Das Amt des Papstes als des Nachfolgers Petri wird betont als notwendig bezeichnet für die Einheit der Kirche, in deren Dienst die Bischöfe stehen, die alle Mitglieder des Bischofskollegiums sind: „Es steht aber fest, das jenes Binde- und Löseamt, welches dem Petrus verliehen wurde (Mt 16, 19), auch dem mit seinem Haupt verbundenen Apostelkollegium zugeteilt worden ist (Mt 18, 18; 28, 16-20). Insofern dieses Kollegium aus vielen zusammengesetzt ist, stellt es die Vielfalt und Universalität des Gottesvolkes, insofern es unter einem Haupt versammelt ist, die Einheit der Herde Christi dar“ (Lumen Gentium 22, 2).

Man versteht also, warum das Amt des Papstes, das man als Petrusamt bezeichnet, für die Einheit der Kirche unerlässlich ist. Es gibt eine Kontinuität zwischen dem Apostelkollegium und dem Bischofskollegium, dessen Einheitsgarant Petrus - der Papst - ist.

Ein Unterschied aber bleibt: Von Christus wurde Petrus und den Aposteln die Vollmacht zur Gründung der Kirche gegeben, während sich die Vollmacht des Papstes und der Bischöfe auf die Bewahrung der Kirche bezieht – auf die Vertiefung des Glaubens durch das Lehramt und auf die Ausbreitung der Kirche in der ganzen Welt.

4. Wie wurde das Petrusamt im Laufe der Kirchengeschichte bewertet?

Der Grund für ein fortwährendes Amt der Einheit in der Kirche liegt in dem Versprechen Christi an die Apostel vor seiner Himmelfahrt: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28, 20). Diese Worte sind die letzten des Evangeliums nach Matthäus. Sie sind Ausdruck der Dynamik der Kirche, die immer die Kirche Christi ist, wenn sie nach seinem Willen handelt. Deshalb wird sie als „apostolisch“ bezeichnet, weil Christus mit und in den Aposteln und durch sie wirken will (vgl. KKK 869).

Das Zweite Vatikanische Konzil sagt dazu: „Jene göttliche Sendung, die Christus den Aposteln anvertraut hat, wird bis zum Ende der Welt dauern (Mt 28, 20). Denn das Evangelium, das sie zu überliefern haben, ist für alle Zeiten der Ursprung jedweden Lebens für die Kirche. Aus diesem Grunde trugen die Apostel in dieser hierarchisch geordneten Gesellschaft für die Bestellung von Nachfolgern Sorge“ (Lumen Gentium 20, 1). Schon am Ende des ersten Jahrhunderts heißt es im Ersten Klemensbrief (96/97), dass Klemens als Bischof der Kirche, in der Petrus und Paulus durch ihren Tod ein Zeugnis ihrer Treue zu Christus gegeben hätten, eine besondere Verantwortung für den Frieden und die Einheit der Kirche Christi trage. Klemens stützt sich auf die Autorität des Petrus, um die Korinther zur Versöhnung aufzurufen. Wir haben in diesem Brief von Papst Klemens das erste Zeugnis dafür, dass sich der Bischof von Rom in seiner „Sorge für alle Gemeinden“ (vgl. 2 Kor 11, 28) an die Gemeinde von Korinth wendet und so das Petrusamt des Papstes in seiner Verantwortung für die Universalkirche sichtbar macht.

Am Anfang des zweiten Jahrhunderts schreibt der Bischof Ignatius von Antiochien auf dem Weg nach Rom, wo er das Martyrium erleiden soll, im Voraus an die dortige Gemeinde. Er bittet sie, ihm ihr besonderes Wohlwollen dadurch zu erweisen, dass sie sein Martyrium nicht verhindert. In der Einleitung des Briefes bezeichnet er die römische Gemeinde als „die Kirche, …die den Vorsitz führt am Ort des römischen Bezirks, die Gottes würdig, ehrwürdig, preiswürdig, lobwürdig, des Erfolges würdig, der Heiligung würdig und Vorsteherin des Liebesbundes ist“ (Ignatius, Brief an die Römer, Einleitung).

Es geht also um die Kirche Roms, nicht direkt um ihren Bischof; aber die Kirche Roms ist „Vorsteherin des Liebesbundes“ wegen des Martyriums der Apostel Petrus und Paulus. Im Kern ist darin enthalten, was die Geschichte über den römischen Primat sagen wird. Der Bischof ist für seine Kirche da, und ohne den Bischof wäre das Volk Gottes keine Kirche.

Mit dem Werk „Gegen die Häresien“ von Irenäus von Lyon (gestorben 200) hat man eine eindeutige und klare Aussage über die Rolle der Kirche Roms für die Einheit der Kirche Christi in der ganzen Welt. Dort heißt es: „Mit der römischen Kirche muss wegen ihres besonderen Vorrangs jede Kirche übereinstimmen, d. h. die Gläubigen von allerwärts; denn in ihr ist immer die apostolische Tradition von denen bewahrt, die von allen Seiten kommen“ (Irenäus, Adversus haereses III, 3, 2).

Auch Irenäus spricht hier von der Kirche als der lebendigen Gemeinde Christi und betont ihre Apostolizität – die „apostolische Tradition“.

Auch in der Praxis übte die Kirche Roms eine Anziehungskraft auf manche Christen aus, die durch einen Aufenthalt in Rom den Glauben besser kennen lernen und vertiefen wollten. Der Bischof Polykarp von Smyrna wollte mit Papst Anicetus (155-166) sprechen, um ein gemeinsames Osterfestdatum festzulegen (Rom feierte Ostern immer an einem Sonntag, während viele orientalische Kirchen die jüdische Tradition des 14. Nisan beibehielten - unabhängig vom Wochentag. Erst auf dem Konzil von Nicäa [325] wurde als Datum der erste Sonntag nach dem 14. Nisan festgelegt, d. h. der Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond). Zu den Christen, die nach Rom kamen, zählte auch der Philosoph Justinus, der unter dem Präfekten Rusticus in Rom das Martyrium erlitt. Andere waren die berühmten Theologen Hegesipp, Irenäus und Origenes – auch der Häretiker Marcion hielt sich einige Jahre in Rom auf. In ihren Werken kann man feststellen, ob und wie weit die Lehre der Kirche in Rom einen spürbaren Einfluss auf sie ausgeübt hat. Die Rolle des Papstes war dabei sicher gewichtig, wie etwa in der gerade angesprochenen Frage des Osterdatums sichtbar wird. Um die Mitte des dritten Jahrhunderts gibt es eine Kontroverse zwischen Papst Cornelius und Bischof Cyprian von Karthago (gestorben 258) über die Frage der Wiederaufnahme von solchen, die in der Verfolgung vom Glauben abgefallen waren und in die Kirche zurückkehren wollten. Eine andere Frage, die sich später in diesem Zusammenhang stellte, war die Gültigkeit der von Häretikern oder Abgefallenen gespendeten Taufe. In all diesen Fragen hat sich schließlich die Position Roms durchgesetzt.

Zusammenfassend sieht man, dass in den drei ersten Jahrhunderten die spezifische Rolle Roms, also der christlichen Gemeinde unter der Leitung des Papstes, sich auf drei Feldern besonders zeigt:
-- in der Orthodoxie: in der unversehrten Bewahrung und der Förderung der Lehre Christi,
-- in der Orthopraxie oder Disziplin: in der weltweiten Führung der Kirche nach den gleichen Normen,
--im Dienst brüderlicher Liebe, die die schwächeren oder durch Verfolgung bedrohten Gemeinden unterstützt.

Das bleibt für alle Zeiten und auch in der Gegenwart gültig. Wir können die Geschichte der Kirche vom vierten Jahrhundert bis heute überspringen. Diejenigen unter uns, die Historiker sind oder sich gern mit kirchengeschichtlichen Themen befassen und sich auskennen, können das bestätigen. Vom vierten Jahrhundert an ist wohl ein stärkeres Hervortreten des Papsttums zu beobachten, als mit dem konstantinischen Frieden ein normales Leben der Kirche möglich wurde. Obwohl die Bedeutung Roms im staatlichen Bereich erheblich abgenommen hatte, wurde sein Bischof immer mehr als unerlässlicher Einheitspunkt anerkannt. Auf dem Ersten Konzil von Nicäa wurde der Sitz von Rom als der erste der drei Hauptsitze der Kirche Christi anerkannt - mit Alexandrien und Antiochien (Can. 6), auf dem folgenden Konzil von Konstantinopel im Jahre 381 bekam Konstantinopel als neue Hauptstadt des römischen Reiches den zweiten Rang und Jerusalem den fünften. Dank der Bemühungen seines Bischofs Juvenalis (422-458) wurde Jerusalem im Jahre 451 auf dem Konzil von Chalkedon den vier anerkannten Hauptkirchen angegliedert (26. Oktober 451) - oder besser gesagt: die kirchlichen Provinzen Palästinas (Caesarea, Skytopolis und Petra) von Antiochien ausgegliedert und Jerusalem zugeordnet.

In allen diesen Situationen bleibt der Vorrang Roms unberührt. Mit Papst Leo dem Großen (440-461) wird die Führungs- und Einheitsrolle Roms in den „privilegierten“ Beziehungen Christus-Petrus-Papst begründet. Deshalb tritt die Person des Papstes immer mehr in den Vordergrund, um die Rolle des Einheitsamtes in der Kirche zu verdeutlichen und zu verwirklichen.

5. Wie wird das Einheitsamt des Papstes heute verwirklicht?

In der Lehre der katholischen Kirche wird dieses Amt in den drei Hauptbereichen ihrer Sendung dargestellt: in der Lehre, in der Heiligung und im Dienst der Caritas.
1. Über die Lehre heißt es im Katechismus der Katholischen Kirche: „Die höchste Stufe in der Teilhabe an der Autorität Christi wird durch das Charisma der Unfehlbarkeit gewährleistet. Diese reicht so weit wie das Vermächtnis der göttlichen Offenbarung. Sie erstreckt sich auf alle Elemente der Lehre einschließlich der Sittenlehre, ohne welche die Heilswahrheiten des Glaubens nicht bewahrt, dargelegt und beobachtet werden könnten“ (KKK 2035). Die Verkündigung der Heilswahrheiten geschieht in voller Treue zum Lehramt. Im Katechismus heißt es dazu: „Das universale ordentliche Lehramt des Papstes und der in der Gemeinschaft mit ihm stehenden Bischöfe lehrt die Gläubigen die zu glaubende Wahrheit, die zu lebende Liebe und die zu erhoffende Seligkeit“ (KKK 2034).

Die Unfehlbarkeit des Papstes - eingebettet in die Unfehlbarkeit der Kirche, wie das Zweite Vatikanische Konzil darlegt – ist auf dem Ersten Vatikanischen Konzil definiert und zum Dogma erklärt worden (Constitutio dogmatica „Pastor aeternus“, Kap.4).

Die ordentliche Ausübung des Lehramtes durch den Papst geschieht in seinen Predigten und seinen Schriften. Die Enzykliken – wie die Sozialenzyklika „Caritas in Veritate“ über die moralische Verantwortung im Sozialleben vom 29. Juni dieses Jahres – sind Hauptdokumente, die ein bestimmtes Thema ausführlich behandeln. Die Enzykliken werden nach den ersten Worten der lateinischen Fassung bezeichnet, so z. B. „Mystici Corporis“ von Papst Pius XII. (29. Juni 1943) oder die erste von Papst Paul VI. „Ecclesiam suam“ (6. August 1964), die beide von der Kirche handelten, von ihrer Natur und ihrer Sendung für die Erlösung der Menschen. Wir kennen auch die Apostolischen Briefe von Papst Johannes Paul II., die er vor und nach dem Großen Jubiläum des Jahres 2000 schrieb: „Tertio Millenio adveniente“ (10. November 1994) und „Novo Millenio ineunte“ (6. Januar 2001), mit denen er die ganze Kirche für eine Neuevangelisierung der Welt mobilisieren wollte.

Die ständige Sorge des Papstes um eine Lehre in der Treue zur Lehre Christi wird durch die dafür zuständigen Abteilungen der römischen Kurie weiter verfolgt: durch die Glaubenskongregation (die Joseph Kardinal Ratzinger von November 1981 bis zu seiner Wahl zum Papst leitete), durch die Kongregation für den Klerus (durch ihre Abteilung für die Katechese) und durch die Bildungskongregation für die katholischen Universitäten, Fakultäten und Schulen.
2. Der zweite Hauptbereich der Verwirklichung des Einheitsamtes des Papstes (nach der Lehre) ist der der Heiligung. Hier geht es um die Förderung des sakramentalen Lebens und die Überwachung der Liturgie in der ganzen Kirche. Sie muss in Einklang stehen mit dem Willen Christi.

Nicht nur durch die Feier der Liturgie und der Sakramente dient der Papst – wie jeder Priester – der Heiligung der Menschen, sondern besonders auch durch die Förderung der Liturgie. Sie wissen ja, dass alle liturgischen Bücher für den öffentlichen Gottesdienst in der Kirche durch die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung bestätigt werden müssen.

Die Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse prüft, ob das Leben der vorgestellten Zeugen Christi für das Volk Gottes ein Vorbild darstellt
3. Für den dritten Hauptbereich der Aufgaben des Papstes, den Dienst der Kirche in der Caritas, hat Gregor der Große (590-604) ein Leitbild gegeben, indem er sich als „Servus Servorum Dei“ bezeichnet. Den Hintergrund bildet 2 Petr 1, 1: „Simon Petrus, Knecht und Apostel Jesu Christi“. Und in seinem Brief an die Römer schreibt der Apostel Paulus: „Paulus, Knecht Christi Jesu“ (Röm 1, 1). Von Gregor kommt auch die Ermahnung an die Bischöfe und Priester „magis prodesse quam praeesse“, d. h. „ihr Amt ist mehr Dienst als Herrschaft“.

In dieser Beziehung sieht man die Sorge des Papstes für alle Kirchen, für alle Hirten, für alle Gläubigen – und darüber hinaus die Sorge für die Einheit der Kirche, die im fünften, im elften und im sechzehnten Jahrhundert Abspaltungen erlitten hat: Spaltungen, die er überwinden möchte. Daran zu arbeiten, ist in besonderer Weise Aufgabe des Rates für die Einheit der Christen, den es schon vor dem Zweiten Vatikanum gab und dessen Leiter seit dem 3. März 2001 Walter Kardinal Kasper ist.

Der ordentliche Dienst für die Einheit der Kirche wird über viele Kanäle verwirklicht, entsprechend den jeweiligen Besonderheiten. So sind beteiligt die Kongregationen für die Orientalischen Kirchen, für die Bischöfe, für den Klerus, für die Ordensleute – die Päpstlichen Räte für die Laien, für die Familie, für Gerechtigkeit und Frieden - Cor Unum, das den Einsatz der Hilfswerke der Kirche in der ganzen Welt koordiniert, die Räte für Migranten und Menschen unterwegs, für die Krankenpflege, für die Kultur, für die sozialen Kommunikationsmittel. Auch die Nichtchristen stehen im Blick, wenn es darum geht, einen Dialog mit den Verantwortlichen der Hauptreligionen zu führen im Hinblick auf den Frieden und die Zusammenarbeit im Dienste der Menschen.

Und noch etwas ist zu beachten: Zum Amt des Papstes gehört es, dass er der oberste Gesetzgeber der Kirche ist. Ihm steht zur Seite der Päpstliche Rat für die Interpretation von Gesetzestexten. Die römischen Tribunale (drei) sind als letztinstanzliche Gerichte tätig, durch die der Papst als Stellvertreter Christi die Schlüsselgewalt ausübt. „Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben. Was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein“ (Mt 16, 19).

In allen seinen Tätigkeiten macht der Papst deutlich, dass er sein Amt im Namen Christi für die Erlösung der Menschen ausübt. In wenigen Worten zusammengefasst, gilt für ihn als letzter Maßstab, was der Codex des kanonischen Rechts in seinem letzten Canon über die Sendung der Kirche sagt: „Die Beachtung des Heiles der Seelen muss in der Kirche immer das oberste Gesetz sein“ (vgl. can. 1752 CIC).

Was mein Amt als Apostolischer Nuntius, als Gesandter des Papstes betrifft, so möchte ich es bei einer kurzen Bemerkung belassen: Das Netz von 176 Nuntiaturen in der ganzen Welt und zwölf Gesandten bei den wichtigsten Weltorganisationen dient ebenfalls dem Einheitsamt des Papstes. Die Nuntiatur ist vor Ort wie eine Verlängerung und Vergegenwärtigung der römischen Kurie. Der Nuntius steht in ständigem Kontakt mit den kaum erwähnten Stellen der Kurie, besonders mit dem Staatssekretariat als der Koordinationsstelle des Papstamtes. Ich will hier nicht über das Amt des Nuntius sprechen; das würde wenigstens eine halbe Stunde dauern. Es genügt hier, dieses Amt als Ausdruck des päpstlichen Amtes für die Einheit der Kirche mit einem von Nuntius Angelo Roncalli, dem späteren Papst Johannes XXIII., verwendeten Bild Ihnen vorzustellen ( er selber hatte es von einem seiner Vorgänger übernommen). Er sagte:    

„Der Nuntius ist das Auge des Papstes, um die Ortskirche zu betrachten, sich an ihrem Leben zu erfreuen und, wenn nötig, in ihr etwas zu verbessern;
der Nuntius ist das Ohr des Papstes, um die Bitten der Kirchenangehörigen – Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien - anzuhören und sie nach Rom weiterzuleiten;
der Nuntius ist der Mund des Papstes, um der Ortskirche seine Lehre und Anweisungen zur Kenntnis zu bringen und in die Tat umzusetzen;
der Nuntius ist aber vor allem das Herz des Papstes, um seine Sorge für das Wohl und die Einheit aller Kirchen vor Ort in Taten umzusetzen.“

Ich danke Ihnen.