Ansprachen

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Ansprache
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset
in der Symposiumsreihe der Mitteldeutschen Gesellschaft der Iurisprudenz
im Rahmen der Lutherdekade:
„Wandel durch Reformation - die Rolle des Glaubens in unserer Gesellschaft“

(Lutherstadt Wittenberg, 11. Mai 2009)




Sehr geehrter Herr Minister,
sehr geehrte Mitglieder der Mitteldeutschen Gesellschaft der Iurisprudenz,
sehr geehrte Vertreter des politischen und gesellschaftlichen Lebens,
sehr geehrte Vertreter der Kirchen,
meine Damen und Herren!

Das Thema, das mir vorgeschlagen wurde, lautet „Wandel durch Reformation – die Rolle des Glaubens in unserer Gesellschaft“. Dabei soll es besonders um den jungen Luther gehen, den Kardinal Walter Kasper als «eine Quelle der Reflexion für beide Kirchen» bezeichnet. Deshalb werde ich hie und da auch Zitate aus seinen Werken bringen, die uns helfen sollen, den Glauben als Triebkraft für eine bessere Gesellschaft zu erkennen.

Es geht um den Glauben, der für alle Jünger Christi die Grundlage ihres Verhaltens ist. Glaube ist die Annahme von Gottes Willen, so dass der Gläubige bestrebt ist, in allem nach Gottes Willen zu handeln.

Der Glaube lässt uns unseren Weg in der Gesellschaft gehen, wie der Navigator das Auto; man kann ihm folgen, muss es aber nicht, man bleibt frei. Wenn wir aber ein gutes und an Früchten reiches Leben als Ziel vor Augen haben, ist es notwendig, uns durch den Glauben an Gott führen zu lassen. Luther gebraucht in seiner Schrift «Von der Freiheit eines Christenmenschen» (1520) ein Gleichnis, mit dem er den Wert des Glaubens hervorheben will – seine Schlussfolgerungen sind Katholiken allerdings fremd. Luther sagt, wie das Eisen durch die Verbindung mit Feuer glutrot werde, so werde der Christ durch den Glauben vor Liebe glühend (vgl. Martin Luther ausgewählte Schriften, Bd.1, S. 244). So wollen wir nun über den christlichen Glauben als Kraft, die zugunsten aller Menschen wirksam ist, nachdenken. Hat Christus seinen Jüngern nicht gesagt: «Ihr seid das Salz der Erde… Ihr seid das Licht der Welt… So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen» (Mt 5, 13-16)?

1. Der Glaube, wie er in der Heilige Schrift und durch sie erkannt wird, ist fundamental allen Christen gemeinsam. Vor zehn Jahren, am 31. Oktober 1999, haben unsere Kirchen die «gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre» in Augsburg unterschrieben. In ihr können wir lesen: „Die Gerechtfertigten leben aus dem Glauben, der aus dem Wort Christi kommt (Röm 10, 17) und der in der Liebe wirkt (Gal 5, 6), die Frucht des Geistes ist (Gal 5, 22f.)“ (Nr. 12).

In diesem Text haben wir eine gemeinsame Lehre darüber, was Glauben in den Christen wirkt, d. h. die Rechtfertigung, damit sie – wir – in der Liebe zu Gott und zum Nächsten nach dem Beispiel und der Lehre Christi handeln. Im Abschnitt über die „Rechtfertigung durch Glauben und Gnade“ wird die Rolle des Glaubens näher bestimmt: „Dieser Glaube ist in der Liebe tätig; darum kann und darf der Christ nicht ohne Werke bleiben. Aber alles, was im Menschen dem freien Geschenk des Glaubens vorausgeht und nachfolgt, ist nicht Grund der Rechtfertigung und verdient sie nicht“ (Nr. 25). Dann kommen in der auffälligen Formulierung der gemeinsamen Erklärung die spezifischen Akzente: nach lutherischem Verständnis: Gott rechtfertigt den Sünder allein im Glauben („sola fide“), und nach katholischem Verständnis: der Christ bleibt stets vom heilsschöpferischen Wirken des gnädigen Gottes abhängig, so dass seine Erneuerung in Glaube, Hoffnung und Liebe immer auf die grundlose Gnade Gottes angewiesen ist. (vgl. Nr. 26-27). Ein Satz in der Präfation der Messliturgie zur Ehre eines Heiligen gibt diese Lehre vortrefflich in den Worten wieder: „wenn Du, o Gott, unsere Verdienste krönst, krönst du deine eigenen Gaben“.

Die Theologen pflegen darüber zu sagen, dass jedes gute Werk zugleich hundertprozentig von Gott her und hundertprozentig vom Menschen her kommt. Es gibt ein Zusammenwirken und keinen Gegensatz zwischen Gott und Mensch, was man heute als „Synergie“ bezeichnet.

Diese theologische und den Christen gemeinsame Lehre über die Rolle des Glaubens in jedem Jünger Christi zu verstehen und anzuerkennen, scheint mir eine notwendige Grundlage zu sein, wenn man über die Rolle des Glaubens in der Gesellschaft nachdenken will.

2. Warum ist der Glaube für die Gesellschaft wichtig, und wie kann er sie gestalten?

Eine Antwort auf dieser Frage finden wir schon in den ersten Zeugnissen des Christentums, wenn wir etwa in der Apostelgeschichte lesen: „Alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam“ (Apg 2, 44), so dass «die Gesamtheit der Gläubigen ein Herz und eine Seele» (Apg 4, 32) war. Bekannt ist die Reaktion der Heiden und anderer auf die ersten christlichen Gemeinden: „Seht, wie sie einander lieben“.

Es wäre aber eine Untreue gegenüber dem Glauben und der Lehre Christi, dieses Verhalten nur „ad intra“ zu leben, d.h. nur im Miteinander der Jünger Christi, nur inmitten der Mauern der christlichen Gemeinde. In diesem Sinne beginnt die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanums über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“ mit den Worten: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände“ (Nr. 1).

Man wird Jünger Christi durch den Glauben, der in der Taufe geschenkt wird. Das Mitsein mit den anderen gehört fundamental zum Christsein. Das wird nicht zuletzt in der positiven Reaktion Jesu auf Antwort des Gesetzeslehrers deutlich, der mit Zitaten aus dem Pentateuch die von ihm selbst gestellte Frage nach dem Weg zum ewigen Leben beantwortet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen … und deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst“ (Lk 10, 27). Glauben und Liebe gehen zusammen, und die Geschichte zeigt, wie diese Verbindung im Wirken der Kirche die Welt geprägt hat. Obwohl die heutige säkularisierte Gesellschaft die christlichen Wurzeln Europas nicht ausdrücklich anerkennt – z. B. im Vertrag von Lissabon für die Europäische Union - ist unstrittig, in welchem Maß und wie nachhaltig der christliche Glaube das Leben Europas geprägt hat.  Denken wir nicht nur an den Bereich der Kunst mit ungezählten Gemälden, Musikstücken, Domen und Kirchen, sondern auch an Schulen und Spitäler sowie an die Strukturen der modernen Demokratie. Das britische Parlament z. B. hat viel von den Gebräuchen des Ordenskapitels der Zisterzienser übernommen.

3. Welche Stellung haben die Kirchen heute in der Gesellschaft?

Eine eigene Lehre der Kirchen für die Weltgesellschaft ist allmählich entstanden, als Kirche und Staat den Rang von autonomen Körperschaften bekamen. Wir kennen den Einfluss eines Bartolomé de las Casas (1464-1566), der die Rechte der Indios gegen die Konquistadoren verteidigte, oder eines Francisco de Vitoria - wie las Casas Mitglied des Dominikanerordens - den man zu Recht als „Vorkämpfer der Menschenwürde“ und „Begründer der Völkerrechtswissenschaft“ bezeichnen darf. Dazu schreibt Anton Rauscher: «Das Naturrecht besitzt nach Vitoria in sich selbst seine Gültigkeit, während das Ius gentium erst durch menschliche Übereinkunft seine Rechtskraft erhalten hat. Es ist also vom Naturrecht verschieden, hängt aber doch so eng mit ihm zusammen, dass das Naturrecht nur unter großen Schwierigkeiten durchgesetzt werden könnte, wenn es kein Ius gentium gäbe» (A. Rauscher, Das christliche Menschenbild, in: A. Rauscher (Hrsg.), Handbuch der Katholischen Soziallehre, Berlin 2008, S.13). Diese Lehre der spanischen Spätscholastik wurde auch an den protestantischen Universitäten Mitteleuropas angenommen – besonders bei Grotius, Althusius und Pufendorf.

Hier haben wir im Hinblick auf die Rolle des Glaubens in der Gesellschaft ein vortreffliches Beispiel der Beziehung zwischen Glauben und Vernunft, wo aus christlicher Lehre und christlichen Prinzipien Normen für eine menschliche Ordnung in der Gesellschaft festgelegt wurden. A. Rauscher schreibt dazu: «Die Besinnung auf das Wesen des Menschen, in dem das Naturrecht verankert ist, hat die Anerkennung der gleichen Würde aller Menschen und ihrer Gleichheit vor dem Gesetz vorbereitet» (ebd.).

Der Glaube sagt uns, dass der Mensch «nach dem Gleichnis und Abbild Gottes» (Gen 1, 26) geschaffen ist, und dass er durch Christus aus dem Abfall der Sünde befreit wurde, um in seinem Handeln vollkommen zu sein, wie es auch der himmlische Vater ist (vgl. Mt 5, 48).

Ein Beispiel der Glaubenskraft zugunsten besserer Beziehungen in der Gesellschaft kann hier erwähnt sein, bei dem ich alle Beteiligten kenne. Ein Mann hatte sein ganzes Leben wegen der Entscheidung eines Komitees völlig ändern müssen. Das Gut, das er gepachtet hatte, war ihm weggenommen und einem andern Bauern gegeben worden, sobald ein neues Bauernhaus inmitten der verpachteten Felder gebaut worden war. Aus dem Verkauf des Betriebes konnte er kaum seine laufenden Ausgaben bezahlen. Viele Jahre später - während einer Volksmission, bei der die Prediger den ganzen Katechismus durchgingen – kam dieser Mann eines Tages nach Hause und wirkte besonders froh. Eine schon erwachsene Tochter fragte ihn: „Warum bist du heute so froh?“ Die Antwort war einfach: „Schließlich habe ich vergeben!“; und die Tochter wusste, wem ihr Vater vergeben hatte: dem, der seinerzeit die ihn so belastende Entscheidung getroffen hatte.

Die Rolle des Glaubens in der Gesellschaft ist also wichtig, nicht nur in den gesellschaftlichen Strukturen, wie man es in der Soziallehre der Kirche sieht, sondern auch im Leben jedes einzelnen Christen. Es gibt viele, die den Glauben in ihrem täglichen Leben verwirklichen, die die Gesellschaft immer friedlicher und brüderlicher gestalten, ohne dass man sie dafür auszeichnet. In der katholischen Kirche finden solche Vorbilder unter Umständen durch die Selig- oder Heiligsprechungen Anerkennung. Einige von ihnen würdigt sogar die Zivilgesellschaft, wie z. B. Mutter Teresa von Kalkutta, die für ihren beispielhaften Einsatz in der Welt mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

In dieser Beziehung ist die Lehre Luthers anders, da er den Glauben allein in Bezug zur Ehre Gottes betrachtet. In seiner schon zitierten Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ schreibt er: „Wer das erste Hauptgebot erfüllt, der erfüllt gewiss und leicht auch alle anderen Gebote. Die Werke aber sind tote Dinge, sie können Gott weder ehren noch loben, wiewohl sie geschehen mögen und sich Gott zu Ehren und Lob tun lassen; aber wir suchen hier den, der nicht getan wird wie die Werke, sondern den Selbsttäter und Werkmeister, der Gott ehrt und die Werke tut“ (a. a. O., Bd. I, S. 247).

Solche unterschiedliche Auffassungen sind gemeinsam eine Bereicherung für die Sendung der Christen, den Glauben in der Gesellschaft wirken zu lassen, sie können aber auch eine Schwierigkeit in der ökumenischen Zusammenarbeit darstellen. Die Fackel des Glaubens ist eine, ihre Träger aber sind verschieden; und wenn sie nicht den gleichen Weg mit gleichen Werken gehen, wird die weltliche Gesellschaft erstaunt sein und nur mit Mühe die Bedeutung der Frohbotschaft für ihre Erlösung und Besserung erkennen.

In einer Predigt in der ökumenischen Sankt-Ansgar-Vesper am 3. Februar d. J. in Hamburg stellte der als Ökumeniker bekannte Prälat Dr. Nikolaus Wyrwoll anhand der Auslegung des Satzes aus der Apostelgeschichte : „In Gott leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (Apg 17, 28) den Unterschied zwischen Luther und Ignatius von Loyola folgendermaßen dar. „Bete so, als hinge alles von Gott ab, handle so, als hinge alles von dir ab», empfahl Ignatius. Aber da er wie sein Zeitgenosse Martin Luther spürte, wie die Heiligen «anzurufen sind, damit ja gewiss das Werk immer ganz allein Gottes Sache bleibe» (so Martin Luther), sagt Ignatius auch das scheinbare Gegenteil: «Bete so, als hinge alles von dir ab, handle so, als hinge alles von Gott ab“ (KNA-ÖKI 9/24.Februar 2009, S.2).

4. Welches sind die Grundelemente der Soziallehre der Katholischen Kirche?

Wie Sie wohl wissen, hat das Lehramt der katholischen Kirche seit der Enzyklika „Rerum novarum“ von Papst Leo XIII. aus dem Jahre 1891 eine Reihe von Lehrdokumenten veröffentlicht, die die jeweilige Gesellschaft in ihren Hauptproblemen betrachten, um aus dem Glauben heraus ethische Richtlinien ins Gedächtnis zu rufen und darzustellen. Bis hin zur Enzyklika „Deus caritas est“ von Papst Benedikt XVI (2005) wurden die Probleme der Weltgesellschaft im Licht der christlichen Offenbarung beleuchtet. Wie angekündigt, wird bald ein neues Dokument erscheinen, das die Problematik der Globalisierung betrachten und mit Hinweisen über die Solidarität auf Weltebene sich mit Wegen beschäftigen wird, die aus den heutigen der Finanz- und Wirtschaftskrise mit ihren schwerwiegenden Belastungen herausführen können.

Die Soziallehre der Kirche wurde schon früh und mit großem Einsatz jeweils vor Ort gelehrt und gelebt. So erwähnt Erzbischof Reinhard Marx in seinem letzten Buch „Das Kapital - ein Plädoyer für den Menschen“ (München 2008), – ständig im Vergleich zu der Haltung und den Werken seines Namensvetters Karl Marx – den Einsatz eines Wilhelm Emmanuel von Ketteler in seinen berühmten Adventspredigten im Mainzer Dom. Der Erzbischof betont: „Sie wissen ja nur zu gut, dass die Kirche bereits im 19. Jahrhundert die Soziale Frage nicht allein Ihnen (d.h. den Kommunisten) und der von Ihnen ins Leben gerufenen Kommunistischen Bewegung überlassen wollte. Sie waren nicht einmal geboren, da haben bereits sozial engagierte Christen wie Franz von Baader (1765-1824) und Adam Heinrich Müller (1779-1829) den im 18. Jahrhundert aufkommenden Kapitalismus scharf kritisiert und auf die Not der in den neuartigen Fabriken schuftenden Arbeiter aufmerksam gemacht“ (a. a. O., S. 12). Etwas weiter, schreibt Erzbischof Marx über den Kampf des Kommunismus gegen die Religion, die dieser als «allgemeine Trost- und Rechtfertigung der bürgerlich-kapitalistischen Welt“ –als „Opium des Volkes“ betrachtete: „In Ihrer (der kommunistischen) Vorstellung von der damaligen Gesellschaft hätte Ketteler eigentlich die Rolle eines gutmütigen, tumben Büttels der kuschenden Klasse einnehmen müssen, der die Hoffnungslosen auf das Jenseits vertröstet und damit das bürgerlich-kapitalistische System stabilisiert. Das hat Ketteler aber nicht gemacht… Er hat den Staat aufgefordert, die Arbeiter mit Gesetzen vor Ausbeutung und entwürdigenden Arbeitsbedingungen zu schützen. Und er hat die Arbeiter zur Selbsthilfe ermuntert…“ (a. a. O., S.14). Die gleiche Haltung zeigten Adolf Kolping, Don Giovanni Bosco, Friedrich Wilhelm Raiffeisen und viele andere.

Weil die ganze Geschichte der Kirche zeigt, wie der Glaube zum Wohl der Weltgesellschaft beiträgt, ist es nicht zu verwundern, dass sich Papst Johannes Paul II. so scharf dagegen geäußert hat, dass in der Präambel des inzwischen nicht angenommenen Entwurfs des Vertrages für eine „Verfassung für Europa“ die christlichen Wurzeln Europas nicht erwähnt werden – wie übrigens auch nicht in der „Konsolidierten Fassung des Vertrages über die Europäische Union“, die heute auch kurz „Vertrag von Lissabon“ genannt wird.

Desgleichen muss man deutlich machen, wie grundlegend es ist, dass die Glaubensfreiheit wirklich gewährleistet wird, damit die Menschenwürde und -rechte geltend gemacht werden können. Ohne die Glaubensfreiheit sind alle anderen Rechte gefährdet, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit der Herrschaft des atheistischen Kommunismus in vielen Ländern gezeigt hat - und in bestimmten Staaten auch heute noch zeigt. Ohne Gott, nach dessen Abbild der Mensch geschaffen ist, wird der Mensch zum Werkzeug der Mächtigen.

Deshalb hat die Delegation des Heiligen Stuhles bei den Verhandlungen zum Helsinki-Prozess, der mit der Schlussakte vom 1. August 1975 zur Gründung der heutigen OSZE (Organisation über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) führte, sich so intensiv dafür eingesetzt, dass die Glaubens- und Religionsfreiheit in den Grundprinzipien expressis verbis erwähnt wurde. Zusammen mit anderen Faktoren sehe ich in dieser Schlussakte von Helsinki mit diesem Artikel VII die treibende Kraft, die z. B. die „Gruppe der 77“ in Prag, „Solidarnosc“ in Polen, die Berliner Mauer und die meisten kommunistischen Regime in Osteuropa zu Fall gebracht hat.

5. Welches sind heute die Haupteinsatzbereiche der Kirchen in der Gesellschaft?

Es geht um die Felder des sozialen Wirkens der Kirche in der Gesellschaft, die im Zeitalter der Globalisierung auf Weltebene betrachtet werden müssen. Es handelt sich dabei im Einzelnen um

-    Frieden
-    Menschenwürde
-    Bildung
-    Gesundheitsfürsorge
-    Ökologie
-    Handelsverantwortung

Das Handbuch der katholischen Soziallehre (hrsg. von A. Rauscher, Berlin 2008, S. 1129) betrachtet alle diese Bereiche, wenn auch in anderer Gestaltung, ebenso das Kompendium der Soziallehre der Kirche, hrsg. vom Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Freiburg 2006.

Wenn wir z.B. den Bereich „Frieden“ nehmen, sehen wir, was Christen nach dem letzten Weltkrieg getan haben, um Versöhnung zwischen den Völkern zu schaffen. Die Bewegung „Pax Romana“ wurde 1921 in Fribourg gegründet, um den Austausch und Begegnungen zwischen Universitätsstudenten aus Europa zu fördern. Die Universitätsstudenten – potentiell zukünftige regierende Elite in den Ländern - sollten dadurch auf Dialog vorbereitet und trainiert werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Bischof Théas von Montauban (und später Bischof von Tarbes-Lourdes) zusammen mit Frau Dortel-Claudot einen „Gebetskreuzgang“ für die Versöhnung mit Deutschland angefangen, der bald eine europäische und heute weltweite Bewegung wurde, die heute „Pax Christi“ heißt.

Wir kennen ja wohl die Aufrufe der Päpste zum Frieden, wie z. B. das Rundschreiben von Papst Benedikt XV. vom 1. August 1917 an die regierenden Fürsten. Papst Paul VI. hat seit dem Jahr 1968 den 1. Januar zum „Weltfriedenstag“ erklärt, wobei der Papst jedes Jahr der Welt – besonders den regierenden Staatshäuptern – einen Brief schickt, mit einem wechselnden Thema.

Nicht zu vergessen sind die Volontariate unterschiedlicher Art, bei denen aus christlicher Motivation junge und weniger junge Leute in aller Welt zu Bedürftigen in Bewegung gesetzt werden.

6. In welchen Grundzügen können sich alle Christen wegen ihres Glaubens an Christus in der heutigen Gesellschaft einsetzen?

Der von Luther erwähnte Grundsatz, dass das erste Hauptgebot des Glaubens an Gott Urquelle aller christlichen Werke ist, ist für alle Christen die Grundlage ihrer Rolle in der Gesellschaft. Die Antwort auf die Frage, wie der Glaube aber zur Verwirklichung geführt wird, hängt von der jeweiligen konfessionellen Position ab.

Es freut mich, wie auch den Herausgeber Anton Rauscher, dass im schon mehrfach zitierten „Handbuch der Katholischen Soziallehre“ auch eine Darstellung der „Grundlinien der evangelischen Sozialethik“ von Wilfrid Härle und ein Beitrag „Die soziale Verantwortung in der Sicht der Orthodoxen Kirche“ von Vasilios M. Makrides zu finden sind.

Als grundlegend für die evangelische Sozialethik nennt W. Härle die Schrift Luthers «Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr gehorsam schuldig sei» (1523), (Ausgewählte Schriften, Bd. IV, S. 36-84).

Wichtig scheinen mir für unser Thema „Die Rolle des Glaubens in unserer Gesellschaft“ seine Bemerkung über die Wirkkraft der Heiligen Schrift für das Handeln der Christen. Er schreibt: „Das reformatorische Schriftprinzip (steht) auch in sozialethischer Hinsicht dafür, dass keine Forderungen aufgestellt und erhoben werden, die der im biblischen Kanon bezeugten Selbstoffenbarung Gottes widersprechen“ (a .a. O., S. 234).

Und noch expliziter: „Aus der Perspektive des Offenbarung Gottes, durch welche die Wahrheit für den Menschen und die Welt erschlossen wird, kann erkannt und anerkannt werden, was dem Menschen mit seiner Vernunft gegeben ist, und was er aus ihrem Gebrauch für die Gestaltung des Lebens und der Welt gewinnen kann“ (a. a. O., S.235).

Besser kann man „die Rolle des Glaubens in unserer Gesellschaft“ nicht beschreiben - in unserem „Wandel durch Reformation“.

7. Es bleibt mir noch, am Schluss meiner Ansprache eine Frage zu beantworten, eben weil unser Wandel durch Reformation im Rahmen der Lutherdekade stattfindet. Sie lautet folgendermaßen: Wie kann Luther uns heute ein Ansporn zum Glaubensbekenntnis in der Gesellschaft sein?

Die Antwort habe ich teilweise schon gegeben, als ich kurz die Rolle des ersten Gebotes erwähnte, dessen Erfüllung für Luther als einzig Bedeutsame im Handeln der Gläubigen ist. Die Betonung der Erlösung des Menschen durch Christus, an der wir durch Glauben und Taufe teilhaben, scheint mir bei Luther ein Hauptelement des Einsatzes eines Christen in der Gesellschaft zu sein. Als Abbild Gottes – das begründet seine Würde als Person - ist der glaubende Christ fähig, ruhig und beharrlich seine menschliche Aufgabe zu erfüllen: über die Erde zu herrschen (vgl. Gen 1, 26), d. h. mit seiner durch den Glauben erleuchteten Vernunft in der Welt zu handeln.

Ich danke Ihnen.