Ansprachen

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Ansprache
des Doyens des Diplomatischen Corps,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten

(Berlin, 15. Januar 20
09)


   
Sehr verehrter Herr Bundespräsident!

In diesem Jahr, das schon von manchen wegen der andauernden Wirtschafts- und Finanzkrise als „annus horribilis“ gekennzeichnet wird, gibt es Menschen, die fragen, ob es angesichts dieser Situation angemessen ist, Glückwünsche auszusprechen. Das Diplomatische Corps teilt diese Skepsis nicht und ist heute auf Ihre Einladung hin hier im Schloss Bellevue versammelt, um Ihnen, Herr Bundespräsident - und in Ihrer Person dem ganzen deutschen Volk, den verschiedenen Behörden und Institutionen des Bundes und der Länder - die besten Wünsche für das Jahr 2009 zu entbieten. Dabei geht es nicht nur um eine protokollarische Veranstaltung, die der diplomatischen Tradition entspricht, sondern wesentlich auch um einen Austausch auf der Ebene der Diplomatie, deren grundlegende Aufgabe es ist, die Völker der Erde zum Gespräch miteinander zusammenzubringen. Er gibt uns – den Vertretern der Staaten und internationalen Organisationen - Gelegenheit, die Meinungen der anderen und sicher auch mahnende und besorgte Worte im Hinblick auf das Zusammenwirken aller Nationen in der heutigen schwierigen Weltlage zu hören. Wir wissen, Herr Bundespräsident, dass Sie in dieser Frage Experte sind – nicht nur, weil Sie in der Zeit, bevor Sie Ihr heutiges hohes Amt antraten, Geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds waren, sondern auch, weil Sie sich - wie Ihr „curriculum vitae“ ausweist - von der Zeit Ihres Studiums an immer mit der Rolle des Finanzwesens für die Gesellschaft beschäftigt haben. Dementsprechend erstaunt es uns nicht festzustellen, in welchem Maße Sie sich besonders für die wirtschaftliche Entwicklung der Völker in Afrika einsetzen. Viele von uns konnten diesen Ihren „Schwerpunkt Afrika“ beim Empfang im Rahmen der Schlusssitzung der Weltkonferenz über Biodiversität in Bonn Ende Mai konkret erleben.

Diese Konferenz war übrigens ein vorzügliches Vorbild für alle kommenden Bemühungen um recht verstandene Globalisierung in der heutigen Welt; und auch die Tatsache, dass wir bei aller Unterschiedlichkeit, was Kultur, Religion und Sprache, was politische, wirtschaftliche und finanzielle Positionen angeht, hier versammelt sind, ist Ausdruck der heutigen Globalisierung.

Die Globalisierung als konkretes Werkzeug bei der Annäherung der Völker bringt viel Positives mit sich. Man braucht nur abends vor dem Fernsehen zu sitzen, das Radio zu hören oder eine Nachricht im Internet zu suchen, um sofort etwa Ereignisse, die andere Menschen betreffen, miterleben zu können. Doch stellt sich auch die Frage: Wie erleben wir etwas mit? Nur als Zuschauer oder auch als Mitmenschen? Aus Wissensdurst oder aus Mitsorge? Um andere Menschen wegen ihres Schicksals zu beneiden oder auch um sie zu bedauern - um dann sofort durch Programmwechsel andere Ereignisse zu suchen?

In der heutigen kritischen Situation der Weltgesellschaft hat sich Papst Benedikt XVI. zum 1. Januar mit einer Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages an alle Menschen – und besonders die Verantwortlichen in der Gesellschaft – gewandt, die den Titel trägt: „Die Armut bekämpfen – den Frieden schaffen“. Es geht also darum, die Globalisierung so zu gestalten, dass sie allen Menschen bessere Lebensbedingungen verschafft. Der Papst schreibt: „Die Bekämpfung der Armut schließt eine aufmerksame Betrachtung des komplexen Phänomens der Globalisierung ein. … Der Verweis auf die Globalisierung müsste jedoch eine geistige und moralische Bedeutung besitzen und dazu anregen, auf die Armen ganz bewusst im Hinblick darauf zu schauen, dass alle in einen einzigen göttlichen Plan einbezogen sind, nämlich die Berufung, eine einzige Familie zu bilden, in der alle – Einzelpersonen, Völker und Nationen – ihr Verhalten regeln, indem sie es nach den Grundsätzen der Fraternität und der Verantwortung ausrichten“ (Nr. 2, 1).

In dieser Beschreibung einer verantworteten Globalisierung finden wir die Hauptmerkmale unserer diplomatischen Tätigkeit. Als Vertreter unserer Regierungen in Deutschland haben wir kein anderes Ziel, als gute Beziehungen zwischen unseren Völkern zu ermöglichen, zu fördern und zu festigen. Dies ist besonders dringend in der heutigen Krise der Finanzen und der Wirtschaft innerhalb der Europäischen Union, weil ihre Mitglieder wirtschaftlich eng vernetzt sind. Aber eine auf den Kontinent eingeschränkte „Globalisierung“ - wenn man diesen Begriff einmal verwenden will - soll sich als Teil der ihrer Natur nach weltweiten Globalisierung betrachten, weil eben kein Staat, keine Macht, sei es finanziell oder wirtschaftlich, sei es im Hinblick auf die eigenen Energiequellen, zu einem Alleingang in der Lage ist. Die gegenseitige Abhängigkeit ist so groß geworden, dass - vergleichbar den Gliedern und Organen des menschlichen Körpers – alle Glieder der Weltgesellschaft einander nötig haben.

Hier liegt die Verantwortung der Mächtigen und der Wohlhabenden für die Schwächeren und Ärmeren. Vieles ist ja auf der Weltebene schon geschehen, als die Schulden der ärmsten Länder - viele davon liegen in Afrika – einfach getilgt wurden. Insgesamt handelte es sich aber nicht um Milliarden wie heute, wo es darum geht, die Wirtschaft der Industrieländer zu schützen. Aber seinerzeit wurde die maßgebende Richtung aufgezeigt, und als Geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds haben Sie, Herr Bundespräsident, eine führende Rolle bei diesen positiven Entscheidungen gespielt. Das Kennwort eines solchen Einsatzes heißt Solidarität, die auch global sein muss, das heißt: sowohl zwischen allen Völkern als auch zwischen allen Schichten der Bevölkerung in jedem Land.

Von diesen Grundlagen her ergeben sich eine Reihe von Verhaltensweisen und Wirkungen: Wertschätzung der Arbeit, Handelsgerechtigkeit, angemessene Preise, die die Hauptelemente einer positiven Globalisierung sind. Gerade unser Einsatz als Diplomaten zielt darauf ab, die Verwirklichung solcher menschlicher Werte im täglichen Umgang miteinander zu ermöglichen. Natürlich könnte jemand nun meinen: Geschäft ist Geschäft, und die heutigen Kommunikationsmittel ersetzen alle Mittelspersonen. Eine solche Einstellung wäre aber rein auf das Materielle ausgerichtet und würde hauptsächlich dem Vorteil des Stärkeren dienen. Um eine menschliche und deshalb dauerhafte Solidarität zwischen den Völkern und den einzelnen Menschen zu verwirklichen, muss man menschlich handeln, das heißt, mit Menschen und durch Menschen, damit das Ergebnis schlussendlich den Menschen als Personen dient.

Es geht also um eine Sicht der Welt, die die Person und ihre Würde als Grundelement betrachtet. Das findet nicht zuletzt seinen Ausdruck in dem Wort, dass es mehr auf das Sein als auf das Haben ankomme.


Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

das Diplomatische Corps - die Botschafter und die Vertreter von Weltorganisationen – und jeder Einzelne von uns wünschen Ihnen ein erfolgreiches neues Jahr und geben der Hoffnung Ausdruck, dass durch Ihr Wirken und den Einsatz der deutschen Regierung die der Globalisierung innewohnenden positiven Potentiale immer mehr zur Entfaltung kommen. Als Vertreter von Staaten und Völkern aus allen Teilen der Welt wünschen wir dem deutschen Volk Stabilität im gesellschaftlichen Leben und Beharrlichkeit in seinem Einsatz zur Überwindung der aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Ihnen, sehr geehrter Herr Bundespräsident und Ihren Mitarbeitern, die hier anwesend sind, beste Wünsche für das neue Jahr, mit Gottes Segen!